Kneipen-Serie

Warum Meschedes ältester Wirt immer weitermacht

Karl Dickel in Meschede, hier mit Trophäen ,in seinem Lokal.

Karl Dickel in Meschede, hier mit Trophäen ,in seinem Lokal.

Foto: Jürgen Kortmann

Meschede.  Karl Dickel ist Meschedes ältester Wirt. Er macht immer weiter - aus einem besonderen Grund. Und hat einen Wunsch für die Zukunft.

Man muss ihn nur erzählen lassen: Karl Dickel kennt ganz Meschede - und die ganze Welt. Er erzählt, wie er einmal ins Wasser des Yukon fiel, wie er im Flugzeug über Paraguay flog, wie er mit Rosemarie Veltins jagen war, wie er den Geländewagen „Munga“ der Bundeswehr in Marokko testen durfte. Das sind keine Theken-Erfindungen. Karl Dickel hat das alles erlebt. Der 82-Jährige ist inzwischen Meschedes ältester noch aktiver Gastwirt.

Karl Dickel hat sich Neuerungen in der Gastronomie nie verschlossen: Kegelbahnen kamen zu der Kneipe am Hübbelsberg dazu, eine Disco, Fremdenzimmer, Kioske am Hennedamm. 1903 entstand das Haus, seine Großeltern mussten aus Hellern dem Bau der Hennetalsperre weichen. „Wir haben hier eine schöne Jugend erlebt“, erinnert er sich noch. Aus den Fenstern heraus konnte er damals noch Hasen schießen – das ist wichtig für die weitere Geschichte: Aus Karl Dickel ist ein leidenschaftlicher Jäger geworden, zeitlebens. Auch im hohen Alter organisiert er gerade noch eine Treibjagd.

Heuboden für Hilfsarbeiter

Auch der Bau der zweiten Talsperre prägte die Familiengeschichte. In den 50er-Jahren kamen so viele Arbeiter nach Meschede, dass Unterkünfte knapp wurden. Die Dickels boten ihren Heuboden Hilfsarbeitern aus Schleswig-Holstein an – die bekamen obendrein Flaschenbier und Hausmannskost: „Das ergab sich so. Ein Rad passte ins andere.“

So entstand die Gastwirtschaft, die 1955 offiziell eröffnet wurde: „Die ganze Familie half mit.“ Karl Dickel zum Beispiel stand sonntags bei den Frühschoppen hinter der Theke. Die Kneipe war im Nebenbetrieb, Karl selbst lernte Industriekaufmann, arbeitete unterhalb im Bereich Schlotweg in einer Fabrik für Strickgarne (heute der Parkplatz der Kreisverwaltung) – er war für die Geschäfte mit dem Militär zuständig: Die Bundeswehr lief auf Socken, made in Meschede. Heimarbeiterinnen strickten sie.

Notruf aus Hessen

Dazu kam die Jagd-Leidenschaft. Er lernte alle Mescheder Jäger kennen, später lehrte er sie, wie man jagt: „Ganz Meschede hat bei mir jagen gelernt.“ Er fuhr mit ihnen zur Jagd, sie kamen umgekehrt in die Gastwirtschaft. Aus Hessen kam vor über 50 Jahren der Notruf, dort würden Wildschweine die Kartoffeln immer fressen: „Da haben wir erst mal aufgeräumt“ - seitdem hat Karl Dickel dort auch eine Pacht.

Mit Rosemarie Veltins als Jägerin war Karl Dickel gemeinsam unterwegs, etwa in Bulgarien, Ungarn, Russland. Wer heute in seinen Gasthof kommt, der wird staunen über diese riesige Anzahl an Trophäen, die dort hängen. Er weist aber darauf hin, dass das nicht aus Spaß geschah: Der imposante Löwe, dessen Fell dort hängt, habe zuvor immer ein Dorf in Südafrika bedroht. Er kennt sie über die Jagd, die Großen der Welt – etwa den größten Waldbesitzer in Norwegen oder Kaiser Haile Selassie von Äthiopien. Ja, richtig: Der Kaiser nämlich bekam mal eine Deutsche Bracke von Karl Dickel, in seiner Zeit als er noch Hunde züchtete.

Die große Zeit der Kneipen kam in den 70ern, meint er rückblickend. Da entstanden die Kegelbahnen. Karl Dickel baute drei davon – schon aus Kunststoff, damit der Verschleiß nicht so groß sein würde wie bei Holz. Kegeln ist inzwischen out. 28 Clubs kamen im letzten Jahr, jetzt noch 14: „Die alten Clubs sterben langsam aus. Die Jüngeren wollen nur noch unregelmäßig kegeln.“ 40 Hektoliter Bier flossen hier im Monat.

Um 1980 kam seine Disco nebenan dazu, anfangs „Musikkeller“ genannt, heute das „Flair“. „Das lief bombig“, erzählt er: „Das ist die schönste Disco im Sauerland, sagten die Leute.“ Jeden Freitag und Samstag war Stimmung, es gab drei Festangestellte. Heute kann man es mieten, Karl Dickel richtet hier noch mit Lebensgefährtin Hilde die Abifete aus, zuletzt für 150 Leute.

Niedergang durch Rauchverbot

Den Niedergang der Kneipen führt er unter anderem auf das Rauchverbot zurück. In Meschede sei zu wenig los, kritisiert er. Radfahrer mit dem E-Bike führen zu schnell durch, Meschede sei nur ein Zwischenziel auf ihren Fahrten.

Meschedes ältester Gastwirt steht heute noch hinter der Theke, täglich ab 17 Uhr, bis 23 Uhr. Warum er sich das antut, auch wenn abends mal keiner kommt? „Wenn man ganz zuschließt, dann ist eine Kneipe tot.“

Dickel sucht nach einem Pächter für seine Gastwirtschaft, Riesenküche, Kühlhäuser und Schlachtraum für Wild, samt „Flair“. Gefunden hat er bislang noch niemanden. Am liebsten wäre ihm „ein jüngeres Paar, das noch Feuer dafür hat“.

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