Brexit

Was der Brexit für eine deutsch-britische Familie bedeutet

Vor dem britischen Parlament protestieren derzeit Menschen gegen den Ausstieg Großbritanniens aus der EU.

Vor dem britischen Parlament protestieren derzeit Menschen gegen den Ausstieg Großbritanniens aus der EU.

Foto: Clodagh Kilcoyne

Meschede/Bexley.   Meschederin Ela Law (42) hat die Hälfte ihres Lebens in England verbracht. Welche Auswirkungen der Brexit auf das Leben ihrer Familie haben wird.

Als Au-Pair-Mädchen zog Michaela Law, damals noch Niggemann, nach England und entschied sich zu bleiben. Heute lebt sie mit ihrem Mann Adam und den Kindern William (9) und Emily (7) in Bexley, im Süd-Osten Londons. Wir sprachen mit der 42-Jährigen über ihre Zukunft in Großbritannien.

Mays Brexit-Abkommen ist klar gescheitert, wie beurteilen Sie das Ergebnis?

Michaela Law: Das Resultat war erwartet, allerdings waren doch wesentlich mehr gegen den Deal als ich erwartet hätte. Die EU will keinen harten Brexit, erwartet nun von May und Kollegen einen realistischen Vorschlag, der meiner Meinung nach in der jetzigen Situation und mit der momentanen Uneinigkeit nicht entstehen kann.

Ich denke, dass jetzt entweder eine zweite Volksabstimmung kommen muss, oder die Regierung den Brexit komplett vom Tisch nehmen sollte (die Chancen hierfür sind allerdings in meinen Augen leider nicht sehr groß). Das Unterhaus hat der Regierung zwar weiter das Vertrauen ausgesprochen.

Aber es gibt weiterhin so viele Ungewissheiten! Aber ich habe zum ersten Mal ein Fünkchen Hoffnung, dass der Brexit vielleicht doch nicht stattfindet.

Was wünschen Sie sich von Premierministerin Theresa May?

Am liebsten wäre mir natürlich, sie würde einen Rückzug antreten. Denn der Brexit, den May durchziehen wollte, oder ein harter Brexit sind schlicht verantwortungslos.

Die Abgeordneten des Unterhauses haben dies auch erkannt, deshalb weiß momentan niemand, wie es weitergeht. Da Mays Rückzug aber eher unwahrscheinlich ist, würde ich mir ein neues Referendum wünschen.

Da ich jetzt den britischen Pass habe, dürfte ich auch meine Stimme abgeben. Natürlich wäre auch hier das Ergebnis offen. Aber viele, die vorher nicht abgestimmt haben, würden es nun tun.

Wie lebt es sich in einem Land, das Sie eigentlich gar nicht haben möchte?

Das ist eine gute Frage. Im Juni 2016 haben an meinem Wohnort 70 Prozent für den Brexit gestimmt. In den ersten Tagen danach habe ich den Leuten auf der Straße ins Gesicht geschaut und gedacht: „Willst du mich hier nicht haben?“

Zum Glück haben meine Kinder und ich keine Anfeindungen auf der Straße erlebt. Ich werde auch weiterhin stolz mit meinen Kindern deutsch sprechen.

Wie haben Sie die Abstimmung im Juni 2016 erlebt?

Das Ergebnis war ein Schock für mich. Ich habe das niemals für möglich gehalten. Als ich dann am Morgen nach dem Referendum meine Tochter zur Schule gebracht habe, ist mir eine Mutter weinend um den Hals gefallen.

Sie sagte: „Es tut mir so leid. Ich schäme mich. Ich weiß nicht, was mit diesem Land los ist.“ Das tat gut. In dem Moment dachte ich: „Hier leben also nicht nur schlechte Menschen.“

Welche Auswirkungen hat der drohende Brexit auf Ihr Leben?

Meine Kinder haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Durch die deutsche Staatsbürgerschaft bleiben sie EU-Bürger. Allerdings werden ihre Chancen in Großbritannien schwinden, die vorher durch die EU gegeben waren. Das ist nicht fair.

Ich habe nun auch die britische Staatsbürgerschaft. Das hat mich 1500 Pfund gekostet. Die doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen wird nach dem Brexit wohl nicht mehr möglich sein, deshalb habe ich das vorher geregelt. Jetzt kann ich die Zukunft in diesem Land mitgestalten.

Sie leiten eine deutsche Samstagsschule in Greenwich. Welche Auswirkungen hat der Brexit dort?

Wir haben mit 18 Schülern begonnen und sind heute bei mehr als 125 Schülern angekommen. Einige Schüler kommen nun schon nicht mehr, weil sie mit ihren Eltern zurück in ihr Heimatland gezogen sind.

Auch unter unseren Lehrern herrscht Unsicherheit. Unsere Teamleiterin ist Luxemburgerin. Wenn es zum Brexit kommt, wird sie wahrscheinlich zurück in ein europäisches Land ziehen. „Mich hält dann nichts mehr“, hat sie gesagt.

Wie erklären Sie sich das Ergebnis des Brexits?

Das lag zum großen Teil an der Kampagne der Brexit-Befürworter. Viele Informationen wurden zurückgehalten, es wurde gelogen. Die Experten, die erklären, welche Auswirkungen der Ausstieg aus der EU für unsere Wirtschaft hat, sind erst jetzt zu hören.

Ich vergleiche den Brexit immer mit einem Hauskauf. Wer ein Haus kaufen möchte, bestellt einen Gutachter. Der Gutachter bewertet das Haus, beschreibt den Zustand, findet vielleicht Risse im Fundament oder undichte Stellen im Dach.

Nun habe ich drei Möglichkeiten: Ich kaufe das Haus, handle bessere Konditionen aus, oder ich steige komplett aus. In Großbritannien wurde erst gar kein Gutachter bestellt.

Wäre eine Rückkehr nach Deutschland eine Option für Sie?

Nein, dann hätten wir ja das gleiche Problem. Mein Mann ist Brite.

Ein paar Worte zur Heimat. Wie beurteilen Sie mit dem Blick von Außen die Veränderungen in der Stadt?

Meschede mausert sich. Es ist schön zu sehen, dass es in der Stadt, in der meine Eltern, mein Bruder und Neffe leben, vorwärts geht. Mir persönlich gefallen besonders die freigelegte Henne, die vielen kleinen Geschäfte und auch das neue Kaufhaus.

>>>> INFO: ZUR PERSON

Die Hälfte ihres Lebens in Großbritannien: Michaela ,Ela’ Law (42, geborene Niggemann) wurde in Meschede geboren und lebt seit 1998 in England.

Sie ist mit einem Briten verheiratet und Mutter von William (9) und Emily (7).

Ela Law arbeitet als Ernährungsberaterin und leitet eine deutsche Samstagsschule.

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