Schicksal

Radunfall: Michael Büngener aus Freienohl kämpft sich zurück

Dieses Bild hängt in Michael „Pranky“ Büngeners Therapieraum. Es zeigt ihn mit seinem Sohn.

Dieses Bild hängt in Michael „Pranky“ Büngeners Therapieraum. Es zeigt ihn mit seinem Sohn.

Foto: Ilka Trudewind

Freienohl.  2013 stellt ein schwerer Radunfall das Leben von Michael „Pranky“ Büngener aus Freienohl auf den Kopf. So rührend machen seine Söhne ihm Mut.

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Lange Arme, die eben noch Handbälle abgewehrt haben, umschlingen nun schmale Schultern. Michael Büngener im gelben Torwart-Trikot tröstet seinen Sohn Lennart. Der Kleine schaut traurig ins Leere, weil Papas Team, der TV Arnsberg, gerade gegen Warstein verloren hat. Ausgerechnet gegen Warstein…

Vater, Sohn, Liebe – müsste man all diese Komponenten in einem Foto vereinen, es wäre dieses Motiv. Es wurde in den 2000ern aufgenommen und hängt heute in Michael Büngeners Therapiezimmer. Der 56-Jährige blickt darauf, wenn er auf seinem Trainingsgerät sitzt. Er trainiert dort nicht fürs nächste Spiel, sondern für den Alltag, weil die Torwartlegende „Pranky“ seit sechs Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Er hatte am 5. September 2013 auf dem Weg zur Arbeit einen schweren Unfall.

Büngener fuhr damals wie so oft gegen 4.30 Uhr mit dem Rad zur Arbeit – mit Helm und Reflektoren. Von Freienohl nach Laer, wo die Busse der Deutschen Bahn stehen, die er bis zu diesem Unfall steuerte. Unten im Dorf, auf Höhe der alten Feuerwehr, lenkte er damals nach rechts, um einem Auto Platz zu machen. Eine Vorsichtsmaßnahme, „da man morgens schon einmal übersehen wird“, sagt Michael Büngener. Als er wieder zur Fahrbahnmitte lenkte, tauchte vor ihm der parkende Lastwagen auf. Wie aus dem Nichts. Mann gegen Lastwagen. Büngener hat keine Chance.

Schäden an den Bandscheiben, Rückenmark gequetscht

Fünf Minuten war er bewusstlos, dann folgt das taube Gefühl. „Ich hatte keine Schmerzen, aber ich wollte aufstehen und mein Körper reagierte nicht“, erinnert er sich. In dem Moment wusste er schon: „Pranky, das kann übel ausgehen.“ Büngener war die ganze Zeit bei Bewusstsein. Bat den Ersthelfer sogar noch, zu Hause und bei seinem Arbeitgeber anzurufen.

Rückenmark gequetscht, die Bandscheibe zwischen dem 4. und 5. Halswirbel verletzt. Diese niederschmetternde Diagnose stellten die Spezialisten in der Bergmannsheilklinik in Bochum. Seiner Frau sagten sie: „Seien Sie froh, dass Ihr Mann selbstständig atmen kann.“ Denn bei Verletzungen in diesem Bereich wird wohl häufig die Steuerung der Lungen lahmgelegt.

Michael Büngener gilt seitdem als unvollständig gelähmt, er ist also nicht querschnittsgelähmt. „Ich kann vieles, aber nichts richtig“, erklärt er und hebt seine Arme. Die Finger kann er zum Beispiel nicht kontrollieren, dafür stehen und kurze Strecken am Rollator laufen. Er kann keine Jacke anziehen, aber Auto fahren. Er ist auf Hilfe angewiesen.

Eine gute Unfallversicherung zahlt sich aus

Da der Unfall auf dem Weg zur Arbeit geschah, galt er als Arbeitsunfall. Ein Glück, denn so trat die Berufsgenossenschaft ein. „Außerdem hatte ich eine gute Unfallversicherung. Das kann ich wirklich nur jedem ans Herz legen.“ Der behindertengerechte Umbau des Hauses konnte davon zum Beispiel teilweise bezahlt werden.

Mit seinem Physiotherapeuten aus Bochum, ebenfalls Handballer, gleiche Wellenlänge, traf er damals die folgende Abmachung. „Wenn ich sage „Stopp“, ist die Grenze erreicht“, erklärt er. Doch die war immer erst spät erreicht. „Pranky“ wollte nicht bis zur Schmerzgrenze trainieren, sondern darüber hinaus. Die Fähigkeit, sich zu quälen, der bedingungslose Wille, der Ehrgeiz stammen aus seiner aktiven Zeit als Handballer. Generell hat ihm die Sportlichkeit beim Training und in der Reha geholfen. Und sogar zum Unfallzeitpunkt. „Da springen ja gleich alle Muskeln an“, so Büngener. Ohne wäre der Unfall wohl noch übler ausgegangen.

Handballfamilie hält zusammen

Und überhaupt diese Handballer. Ähnlich wie bei Zehnkämpfern wird auch dort stets die Handballerfamilie beschworen. Von der Nationalmannschaft bis in die Kreisklasse. Wenn man Michael Büngener zuhört, kann man das nur bestätigen. Die Handballer hielten zusammen auch nach dem Unfall. Organisierten sogar ein Benefizspiel für Büngener, der Jahrzehnte bei der SG Ruhrtal und dem TV Arnsberg gespielt hatte. Pranky, so sein Spitzname seit der C-Jugend, war in der Szene ein Begriff. Auch heute besucht er noch regelmäßig die Spiele.

„Für die Kinder“, sagt Michael Büngener, „war es besonders schwer“. Eineinhalb Jahre blieb er damals in Bochum im Krankenhaus. Der Ausdruck in seinem Gesicht ändert sich, eine Spur von Schmerz huscht darüber. Eine kleine Veränderung, die sofort auffällt, weil der lange Kerl im Rollstuhl ansonsten so positiv unterwegs ist.

Seine beiden Jungs, ebenfalls Handballer, wuchsen in der Halle mit dem Geräusch quietschender Turnschuhe auf. Kannten ihren Vater nur als agilen Typen. 1,86 Meter. Handball-Legende. Und nun im Rollstuhl. Die Finger versteift, damit er überhaupt Dinge fassen kann. Die Beine ohne Funktion. Einer, der das Essen neu lernen musste, das Schreiben und Autofahren.

Söhne schreiben rührende Liebeserklärung

Aber eben auch einer, der kämpft und nie aufgibt. Büngener jammert nicht, weil es nichts bringe. Er ist keiner, der zu Hause Trübsal bläst und der Vergangenheit nachhängt. Er ist weiterhin ein unternehmungslustiger Mann. Auch die Handballspiele seiner SG besucht er regelmäßig. „Die Alternative ist schlechter, sage ich immer. Ich mache immer weiter, weil es immer weiter geht. Mir geht es gut“, erklärt er.

Auf der anderen Seite seines Therapieraumes hängt ein Foto, das Büngener im Stehrollstuhl mit seinen erwachsenen Kindern zeigt. Dazu haben die Söhne Simon und Lennart folgendes geschrieben:
Stehen, gehen, bewegen
alles Dinge, wonach
du gerade strebst.
Doch deine Kinder werden dich nie in einem anderen Licht sehen.
Wenn du stehen könntest, wärest du größer als je zuvor.
Wenn du gehen könntest, wärest du schneller als je zuvor.
Wenn du dich bewegen könntest, wärest du eleganter als je zuvor.
Denn du bist jetzt stärker als je zuvor.
Und wir schauen zu dir auf, höher als je zuvor.
Du hast uns gezeigt, dass nichts verloren geht, wenn man nicht mehr so ist wie zuvor.
Wir lieben dich

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