Theater

Auf der Suche nach der afrikanischen Identität

Martin Ambara zeigt am Wochenende im Ringlokschuppen seine Performance „Sawtche Baartman“. Matthias Frense  hat mit dem Theatermann aus Kamerun auch eine Inszenierung von Heiner Müllers  Hamletmaschine vereinbart. 

Martin Ambara zeigt am Wochenende im Ringlokschuppen seine Performance „Sawtche Baartman“. Matthias Frense hat mit dem Theatermann aus Kamerun auch eine Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine vereinbart. 

Foto: Steffen Tost

In Kamerun ist Martin Ambara ein bekannter Theatermacher. Im Ringlockschuppen zeigt er zunächst die Performance „Sawtche Baartmann“.

Das Theaterspiel war dem 1970 in einfachsten Verhältnissen geborenen Martin Ambara nicht in die Wiege gelegt und es führte auch kein gerader Weg zum eigenen Theater, das er im März 2010 in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, gründete. Es sind die Hörspiele im Radio, die bei ihm die Begeisterung für das Theater und die Literatur wecken. Jeden Abend sitzt er als Kind gebannt vor dem Lautsprecher und lauscht den Märchenabenden von Evina Ngana, den er in den 80er Jahren schließlich live auf der Bühne erlebt, nachdem er seinen Vater eine Woche lang um das Eintrittsgeld für die Aufführung angebettelt hatte.

„Martin Ambaras Leben glich nie einem ruhigen Fluss“, schreibt Stéphanie Dongmo in einem großen Portrait im Online -Theatermagazin Nachtkritik. Geld ist knapp und wirkt stets bestimmend. „Er wäre gern Philosoph geworden. Er hätte Landwirt werden können. Er hätte Friseur sein sollen. Aber er ist Regisseur“, lässt sie Jahre der Ungewissheit in knappen Sätzen zusammenschnurren. Er ist wissbegierig, liest europäische Autoren, befasst sich mit afrikanischen Mythen und Geschichte und muss doch aus Geldnot die Schule verlassen. Später verkauft er morgens in seinem Kiosk Brot, Abends steht er auf der Bühne, bis die Behörden seinen Kiosk schließen. Auch das Theaterlabor Othni ist eine Notlösung, weil die für ein Theaterprojekt zugesagten Mittel ausbleiben.

Tanz, Musik und Videokunst verbinden sich

Die Renovierung des Komplexes, der sechs Jahre lang leer stand, finanziert er aus dem Geld, dass er bei einem Stipendium in Frankreich erhalten hat. „Othni ist ein magischer Ort, ein ehemaliges Kloster, an dem ganz unterschiedliche Künstler arbeiten“, erzählt Matthias Frense. Der künstlerische Leiter des Ringloksschuppens hat das Theater besucht, als Kainkollectiv mit Ambara ihre zweite gemeinsame Arbeit „Fin de Mission / Ohne Auftrag leben“ präsentierten, die auch zu einer Nebenreihe des Berliner Theatertreffens eingeladen wurde.

In Afrika ist das Spiel auf der Bühne nicht so streng in Sparten und Disziplinen aufgeteilt wie in Europa. Tanz, Musik und auch Videokunst verbinden sich ganz automatisch und organisch mit der szenischen Darstellungsform, was Frense vor dem Hintergrund der Debatten über die Theaterpraxis sehr fruchtbar findet.

Eine eigene afrikanische Perspektive

Ein einschneidendes Erlebnis für den 49-Jährigen Ambara war die Lektüre von Heiner Müllers „Hamletmaschine“. „So etwas habe ich zuvor noch nicht gelesen. Das habe zunächst gar nichts verstanden, weil es mich so verstört hat. Es war ein ganz starkes Erlebnis“, erinnert er sich. Zuvor hatte er viele französische Klassiker wie Moliere und Racine gelesen. Aber es faszinierte ihn nicht nur aus formalen Gründen.

Er las den Text vor dem Hintergrund der kolonialen Abhängigkeit zwischen Afrika und Europa, die mit der Unabhängigkeit keinesfalls beendet ist. „Es ist ein afrikanischer Text“, sagt er mit einem Grinsen und überrascht. Im Herbst wird er ihn im Schuppen inszenieren. Frense ist es wichtig, eine eigene afrikanische Perspektive, keine Mischform zu zeigen.

Sawtche Baartman als Symbol der verfälschten Geschichte

Es geht vor allem auch um die Perspektive auf den Kontinent, der von einer einseitigen Perspektive und Stereotypen geprägt ist. Schon die Autoren der Aufklärung haben über Afrika geschrieben, ohne jemals dort gewesen zu sein. Wie immer gibt es auch Gutgemeintes, das sich dann als unpassend erweist. Als Beispiel nennt Ambara die Debatte um die Rückführung afrikanischen Kunst, die in Museen der europäischen Hauptstädte präsentiert wird. Sie nach Afrika zu bringen, sei eine gute Idee. „Aber sie gehören in die Dörfer, nicht aber in Vitrinen, denn auch ein Museum ist ein europäisches Konzept.“

Für ihn ist „Sawtche Baartman“ ein Symbol der verfälschten Geschichte. Die Frau wurde aufgrund anatomischer Besonderheiten im frühen 19. Jahrhundert auf Jahrmärkten und Freak-Shows in entwürdigender Weise als Wesen zwischen Tier und Mensch präsentiert. Nach ihrem frühen Tod 1815 wurde sie seziert und partiell konserviert. Erst auf Drängen von Nelson Mandela wurden ihre sterblichen Überreste nach Südafrika zurückgeführt. Über das Biografische hinaus geht es Ambara in seiner Performance um ein afrikanisches Selbstverständnis.

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