Drogenabhängigkeit

JES setzt sich in Mülheim für die Würde Drogenabhängiger ein

Ute (v.li.), Theresa, Ali, Melanie und Robert, die Gründungsmitglieder der JES-Gruppe Mülheim, stehen  vor dem Steingarten, der an verstorbene Drogenabhängige erinnern soll.

Ute (v.li.), Theresa, Ali, Melanie und Robert, die Gründungsmitglieder der JES-Gruppe Mülheim, stehen vor dem Steingarten, der an verstorbene Drogenabhängige erinnern soll.

Foto: Nikolina Miscevic

Mülheim.  Eine neue Mülheimer Selbsthilfegruppe macht sich für die Rechte Abhängiger stark. Geschätzte 800 bis 1000 Drogenabhängige leben in Mülheim.

Kaum jemand wird wissen, dass am Sonntag, 21. Juli, der nationale Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige in Deutschland begangen wird. Im Drogenhilfezentrum der Awo und im Café Light ist die kleine Gedenkstätte im Hof des ehemaligen Frauengefängnisses schon jetzt mit Blumen geschmückt. Die insgesamt 28 Klienten der Awo, die in den letzten drei Jahren verstorben sind, werden dort nicht vergessen. Auch dafür wird die neu gegründete Selbsthilfegruppe „JES“ sorgen.

JES steht für Junkies, Ehemalige und Substituierte: Seit 30 Jahren gibt es diese Gruppe hierzulande, die sich für die Würde, für die Rechte und gegen die Diskriminierung Drogenabhängiger einsetzt. In NRW hat sich die Gruppe vor 15 Jahren gegründet. Seit wenigen Wochen gibt es auch in Mülheim eine aktive Gruppe. Michael, Melanie, Robert, Ali und Ute gehören zu den Gründungsmitgliedern und bereiten jeden Donnerstagvormittag von 11 bis 13 Uhr den offenen Treff in den Räumen der Awo an der Gerichtstraße 11 vor.

Frühstück mit Kaffee und Brötchen, aber ohne Zigaretten

Alle 14 Tage mit Frühstück, die gespendeten Lebensmittel kommen unter anderem von der Mülheimer Tafel. Kommenden Donnerstag, 25. Juli, wird wieder gefrühstückt. Wichtigste Regel: Es werden nur Kaffee, Brot und Brötchen konsumiert. Auch für die Zigarette muss man den Raum verlassen.

30 bis 35 Menschen hat die JES-Gruppe Mülheim, schätzt Ute, weitaus weniger sind es, die sich regelmäßig treffen. Das ist nicht viel, geht man davon aus, dass es rund 800 bis 1000 drogenabhängige Menschen in Mülheim gebe, wie die Awo schätzt.

Ute und Melanie haben im vergangenen Jahr den ersten Schritt gewagt und sich in einem Einsteigerseminar fortgebildet. „In der Gruppe ist man stärker, kommt schneller voran, zum Beispiel bei Ämtern“, sagt Ute. „Hier ist keiner alleine.“ Obdachlosigkeit sei zum Beispiel „ein großes Thema.“ Viele wüssten ja auch gar nicht, ergänzt Melanie, „welche Rechte hat man beim Arzt?“

Denn auch der abhängige Mensch muss sich vernetzten, braucht Hilfestellung und Tipps – wofür es bei den nicht Abhängigen oft nur wenig Verständnis gibt. Zum Beispiel dafür, dass „Drogenabhängigkeit eine von der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, anerkannte, chronische Erkrankung ist“, wie Jasmin Sprünken, die Leiterin des Awo-Drogenhilfezentrums, erklärt.

„Drogenabhängiger kommt aus der Stigma-Rolle nicht raus“

Eine Substitutionstherapie sei demnach eine medikamentöse Dauerbehandlung. Doch Drogenabhängige werden von der Gesellschaft nicht wie andere Chroniker, zum Beispiel Diabetiker oder Krebspatienten gesehen, klagen die JES-Aktivisten, die auch als Konsumenten in Würde leben möchten. „Ein Substituierter kann ein ganz normales Leben führen“, sagt Jasmin Sprünken. „Aber der kommt aus der Stigma-Rolle nicht raus.“

Eine Verbesserung der Lebensqualität, ohne die Bedrohung durch Strafverfolgung und Diskriminierung, ist ein weiteres Thema für JES. „Das Suchtproblem wird ja nicht durch Sanktionen gelöst“, sagt Theresa von JES NRW, die darauf verweist, dass es der Selbsthilfe auch wichtig ist, über HIV und Hepatitis C zu informieren. In Mülheim will die JES-Gruppe zudem kreative Angebote machen, etwa gemeinsam einen Tisch mit einem Mosaik belegen.

„Keine Sucht ist freiwillig“

Vielfach werde angenommen, dass die Drogensucht freiwillig gewählt sei und man damit also auch einfach so aufhören könnte, so Jasmin Sprünken. „So funktioniert es leider nicht. Keine Sucht funktioniert so“, sagt die Diplompädagogin. „In der Gruppe der Drogenabhängigen zeigt sich der normale Querschnitt der Gesellschaft“, so Sprünken. Man müsse auch Glück im Leben gehabt haben, um nicht in eine solche Situation zu kommen.

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