Kultur

Mülheimer Streicher streben nach dem schönen Klang

Das Mülheimer Kammerorchester ist gerade  70 Jahre alt geworden. Es probt in der Städtischen Musikschule in Mülheim.

Das Mülheimer Kammerorchester ist gerade 70 Jahre alt geworden. Es probt in der Städtischen Musikschule in Mülheim.

Foto: Kerstin Bögeholz

Mülheim.   Das Mülheimer Kammerorchester feiert sein 70-jähriges Bestehen. Zum Ensemble gehören 20 Musiker. Sie verstehen sich als semiprofessionell.

Romantische Klänge dringen aus dem Probenraum der Städtischen Musikschule. Dort sitzen 15 Streicher und proben „Antiche Danze ed Arie per liuto“ von Ottorino Resphigi, dem italienischen Komponisten aus Bologna (1879-1936). „Nochmal! Und denken Sie an die Toskana am frühen Morgen!“, ruft Christoph Nierhaus, seit 2014 musikalischer Leiter des Mülheimer Kammerorchesters und fügt hinzu: „Das ist italienische Romantik, das muss langsamer gespielt werden. Lassen Sie sich Zeit!“.

Die Musiker – neun Frauen und sechs Männer – setzen seine Anweisung schnell um. Einige Minuten (oder Takte) später wirkt der Dirigent daher auch schon zufriedener: „Wir kommen allmählich in den Modus rein, den wir brauchen“, sagt er ermunternd.

Orchesterspiel ist eine Herausforderung

Christina Rasche (43) ist seit 2003 im Kammerorchester dabei. „Ich bin ein romantischer Mensch. Der Resphigi ist anspruchsvoll, aber auch richtig schön“, schwärmt sie. Mit neun Jahren begann sie, Geige zu spielen, mit 17 Bratsche. „Ich bin leidenschaftliche Orchestermusikerin“, sagt sie. Neben den Romantikern findet sie Mozart „nett“. „Im Moment spielen wir hier in diesem Ensemble aber viel Barockmusik“, so Rasche.

Tatsächlich übt das Ensemble heute auch ein Stück von Johann Christian Bach ein. Die Sinfonia Nr. 5 in F-Dur. Werner Schröder, seit 45 Jahren Mitglied der Gruppe, spielt die erste Geige, gibt also den Ton an. „Das Orchesterspiel ist eine Herausforderung. Wenn man zusammen spielt, muss man gut aufeinander hören“, erklärt der 69-Jährige. Je nach Stück, können er und seine Mitstreiter direkt vom Notenblatt abspielen. Meist müssen sie aber zuhause (mehr oder weniger) trainieren. „Wir gehen die Sache schon ernsthaft an. Wer kommt und seinen Part nicht kann, kann wieder gehen“, erklärt Eduard Weyer, Sprecher des Mülheimer Kammerorchesters.

Orlando Zucca gründete das Orchester vor 70 Jahren

Als Liebhaberorchester mit semiprofessionellem Anspruch, das von Profis (wie jetzt dem Kirchenmusiker Nierhaus) geschult wird, versteht man sich. „Wir sind keine Berufsmusiker, aber auch nicht auf dem Level von Schülern“, so Eduard Weyer. Rund 20 Mitspieler unterschiedlichsten Alters gehören zum Ensemble, es gibt sechs erste Geigen, sieben zweite Geigen, drei Bratschen und drei Celli. Älteste Musikerin ist mit 85 Jahren Erika Vollmer (Bratsche), als jüngstes Mitglied firmiert Lukas Nierhaus (Cello), er ist 20. Am längsten dabei im Kreis der Streicher: Wolfgang Hahn, der seit 1958 bei den zweiten Geigen mitmischt.

70 Jahre alt ist das Kammerorchester am 8. April geworden, gegründet wurde es 1949 von dem bekannten Konzertflötisten, Dirigenten und langjährigen Mülheimer Musikschulleiter Orlando Zucca (1922-2005). Mehr als 50 Jahre lang leitete und prägte er das Ensemble – nicht ohne Strenge. „Zu Zuccas Zeiten gab es noch richtige Aufnahmeprüfungen“, erzählt Eduard Weyer. Das ist heute anders. Zwar achtet man auf ein gewisses Niveau, aber: „Die Stärkeren stützen die Schwächeren“, so Weyer. Die Bewerber sollten allerdings menschlich ins Team passen.

Künftig mehr Romantik und Moderne

Die Stückeauswahl und die Interpretation der Kompositionen liegen beim (ehrenamtlich tätigen) „Chef“. Er schaut, was realisierbar ist. „Wir haben viel Literatur aus Barock und Vorklassik erarbeitet. Künftig möchte ich auch mehr Stücke aus Romantik und Moderne einbringen – und auch mal unbekannte Stücke vorstellen“, kündigt Christoph Nierhaus an. Auch, um seine Musiker noch mehr oder ganz anders zu fordern. Für sinfonische Werke wird man eventuell – wie auch schon in der Vergangenheit – ab und zu Bläser dazukaufen.

„Unter Zucca hatten wir einen fließenden, romantischen Klang. Der ist jetzt analytischer, struktureller – aber er ist auch sehr schön“, charakterisiert Eduard Weyer das Spiel des Orchesters. Zu früheren Zeiten gab es auch noch die Kammermusikreihe in der Stadthalle und Unterstützung seitens der Stadt oder Sponsoren. Heute müssen die Eintrittsgelder die Kosten decken. Glücklich sind die Musiker darüber, dass die Musikschule ihnen den Probenraum stellt. Nach Schließung des Musikschulgebäudes Auf dem Dudel probte man nämlich zunächst im Polizeipräsidium – und war dann sogar zeitweise heimatlos. „Jetzt wollen wir auch neue Partnerschaften knüpfen und wieder ein kultureller Botschafter der Stadt werden“, sagt Weyer.

Jubiläumskonzert im Mai

Das letzte Konzert gaben die Kammermusiker 2018 in Oberhausen, sie spielten Mendelssohn-Bartholdy, Gounod und Dvorak. Das nächste – ihr Jubiläumskonzert – findet am 11. Mai in der Mülheimer Musikschule statt. Dann müssen der Resphigi, der Bach und die Sinfonie in g-Moll von Mozart perfekt sitzen. Und deshalb ziehen Christoph Nierhaus und seine 15 Musiker die Probe auch stringent anderthalb Stunden lang durch. Erst hinterher darf geplaudert werden.

Zwei Konzerte anlässlich des Jubiläums

Das Festkonzert zum 70-jährigen Bestehen des Mülheimer Kammerorchesters findet am Samstag, 11. Mai, um 11 Uhr in der Musikschule an der Von-Graefe-Straße 37 statt. Der Eintritt zum Konzert ist frei.

Ein Open-Air-Auftritt mit ähnlichem Programm ist für Samstag, 18. Mai, zwischen 12 und 17 Uhr auf dem Hans-Böckler-Platz geplant. Das Orchester erhielt 1999 den Ruhrpreis. Es probt montags ab 19.45 Uhr: 487841.

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