Schienenersatzverkehr

Schienenersatzverkehr: Rollstuhlfahrerin wird oft vergessen

Für Carmen Weber ist das Fahren mit dem Schienenersatzverkehr eine große Herausforderung.

Für Carmen Weber ist das Fahren mit dem Schienenersatzverkehr eine große Herausforderung.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Carmen Weber sitzt im Rollstuhl. Das Fahren mit dem SEV ist für sie eine Herausforderung. Wir begleiten sie auf ihrem Weg von Mülheim nach Essen.

Feste stößt Carmen Weber die Räder ihres Rollstuhls mit den Händen an, nimmt Anlauf, fährt mit den vorderen Reifen über die kleine Bordsteinkante – und rollt doch wieder zurück. Die Erhebung ist zu steil.

Gekonnt dreht sie ihren Rollstuhl und fährt rückwärts den kleinen Hügel hoch. Doch das „geht ganz schön in die Arme.“ Der Anfang der kleinen Odyssee, die Weber bewältigen muss, wenn sie mit dem Schienenersatzverkehr fahren will. Auf Grund einer Baumaßnahme der Deutschen Bahn ist der Mülheimer Bahnhof in den gesamten Sommerferien vom Bahnverkehr abgeschnitten.

Keine barrierefreien Wege

Heute geht es in Richtung Essen: Der Weg vom Westeingang des Hauptbahnhofs zur Ersatzhaltestelle führt über einen schmalen, nicht gepflasterten Pfad, der eine starke Neigung hat. Plötzlich bremst Carmen Weber und guckt geschockt auf den Boden. „Überall Scherben – die waren doch gerade noch nicht hier.“ Schon häufig habe sie sich ihre Reifen durch solche Scherben kaputtgefahren. Sie bahnt sich ihren Weg um die Scherben herum, bis sie endlich vor dem Bus steht.

Ohne Aufforderung kommt der Busfahrer nach hinten, klappt die Rampe herunter und schiebt Weber in den Bus hinein. „Der Fahrer war jetzt aufmerksam. Bei vielen anderen muss ich mich bemerkbar machen. Einige ignorieren mich einfach.“

Andere schauen sie oft schief an

Vor allem wenn sie den Bus verlassen will, komme es immer wieder vor, dass sie vom Fahrer vergessen wird. Nur lautstark kann sie dann auf sich aufmerksam machen. „Natürlich kann es auch vorkommen, dass mein Ton dann etwas unfreundlich wird“, sagt sie. „Aber in solchen Situationen werde ich einfach sauer und traurig.“ Viele Mitreisenden würden sowas nicht verstehen. Während einige sie nur schief anschauten, bekomme sie von anderen dann auch mal einen Spruch zu hören.

„Viele denken, dass wir Rollstuhlfahrer viel Zeit haben“, sagt die 42-Jährige. „Dass auch wir Termine haben, nehmen die meisten nicht wahr.“ Bis April arbeitete sie in einem Callcenter, musste dort aber aufhören, nachdem ihr Arbeitgeber nicht bereit war, eine rollstuhlgerechte Toilette einzubauen. Doch auch ohne Job ist sie auf den Schienenersatzverkehr angewiesen. Beispielsweise für ihr Hobby als Funkamateurin – ihr Ortsverein sitzt in Essen.

Bus hat keinen Gurt und keinen Kippschutz

Heute hat sie Glück: Der Bereich für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen ist leer. Nur ein Mann mit zwei Koffern steht dort. Das sei normalerweise eines der größten Probleme, weiß sie: „Der Platz im Bus ist wesentlich begrenzter als in den Zügen – vor allem jetzt in der Ferienzeit.“

Während der Fahrt hält Weber sich immer wieder an einem Griff in der Nähe ihres Rollstuhl fest. Einen Gurt oder einen Kippschutz gibt es in den Bussen nicht. „Außerdem hat der Busfahrer mich falsch hingestellt – eigentlich muss man mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen, damit nichts passiert.“

Deutsche Bahn organisiert Schienenersatzverkehr

Sowohl die Busse als auch die Busfahrer werden von Auftragsunternehmen gestellt, die Deutsche Bahn organisiert den gesamten Schienenersatzverkehr. „Im Vorfeld wurden alle Fahrer der 50 eingesetzten Busse von uns gebrieft“, teilt ein Sprecher der Deutschen Bahn mit.

Dass die Ersatzhaltestellen nicht günstig für gehbehinderte Menschen liegen, sei ihm bewusst. „Aber die Frequenz an den normalen Haltestellen wäre zu hoch gewesen.“ Zudem werde der Busbahnhof in Mülheim nachts geschlossen. „Wir wissen, dass es einige Einschränkungen gibt. Allerdings ist das ja nur für eine vorübergehende Zeit so.“

Lebensziel: Eine Reise nach New York

Auch wenn Carmen Weber immer wieder mit Hürden wie diesen zu kämpfen hat – unterkriegen lässt sie sich nicht. „Ich kann mit meinem Rollstuhl fast genauso viel machen wie früher. Außer vielleicht Schlittschuhlaufen, aber das hab ich auch früher nicht gemacht“, sagt sie lachend. Und bald, da ist sie sich sicher, „fliege ich nach New York“.

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