Kinderstücke

Start der Mülheimer Theatertage: Heimat in der Fremde finden

Regisseurin Anne Verena Freybott, Autorin Katja Hensel und Theaterpädagogin Lisa Hetzel diskutierten gestern nach der Aufführung mit den Grundschülern darüber, was denn Heimat ist.

Regisseurin Anne Verena Freybott, Autorin Katja Hensel und Theaterpädagogin Lisa Hetzel diskutierten gestern nach der Aufführung mit den Grundschülern darüber, was denn Heimat ist.

Foto: Marie Eberhardt

Mülheim.   Katja Hensel hat mit Leichtigkeit und Humor ein Stück über Heimat geschrieben. Das Theater Memmingen eröffnete mit „Haydi Heimat“ das Festival.

Es ist eine schwierige Frage, die die Lehrerin in „Haydi Heimat“ von Katja Hensel stellt. Auch den zuschauenden Grundschülern im voll besetzten Theater fällt die Antwort nicht so leicht. Sie sollen etwas mitbringen, was für sie Heimat bedeutet. Viele nennen ihre Geschwister, ihre Playstation oder ein altes Erbstück. Für Kemal auf der Bühne ist es besonders schwierig. Er ist in Deutschland geboren, aber seine Großmutter ist noch viel stärker in der türkischen Tradition verhaftet als sein Vater.

Dort gibt es ein Sprichwort: „Heimat ist nicht da, wo man geboren ist, sondern da, wo man satt wird.“ Für Großmutter ist Heimat deshalb Sütlaç, Milchreis. Das hält der Vater für Unsinn. „Aber das kann man gut verteilen. Da kriegt jeder Schüler eine kleine Schüssel“, erwidert sie. „Heimat kann man nicht mit Löffeln verteilen“, stellt der Vater fest und schlägt das Bayern-Trikot oder den Reisepass als Beweis der Integration vor.

Die Flucht unter die Decke

Kemal flüchtet unter die Decke und wird vorsorglich krank, um sich im Unterricht keine Blöße zu geben. Er ein guter Schüler. Der Gebetsteppich, vielleicht? Ist doch von Ikea, nicht aus der Türkei. Und ein dreckiges Fußballhemd ist längst keine Heimat, auch wenn da Müller draufsteht. Der junge Karl im Einkaufswagen macht es sich einfach. Seine Heimat ist unterschiedlich. So wie die Tiefkühlpizza in seiner Hand.

Das Rezept kommt aus Italien, die Zutaten aber sind multikulti, stammen aus vielen Ländern, wie er vorliest: der Käse aus Irland, die Salami aus Polen und die Pilze aus Russland. Wenn der Schauspieler Tobias Loth mit ausladender Gestik und pointierter Aussprache allerlei Sprachen präsentiert und Anke Fronferek als kleines Mädchen unbeholfen nachplappert, ist das zum Brüllen komisch.

Schneller Rollentausch hinter der Bühne

Fremd in der neuen Klasse ist auch Ella, die zunächst noch gelangweilt mit dem Jo-Jo in der Hand vor Kemal steht, in ihm aber dann schnell einen Freund findet. Sie ist eine Entwurzelte, weil ihre Mutter im schnellen Wechsel unterschiedliche Jobs annimmt.

Ob die Schauspieler aus der Türkei kommen, wollen die Schüler beim Publikumsgespräch wissen. Ihr Sprach-Coach war offensichtlich gut, denn die türkischsprachigen Kinder im Publikum können sie gut verstehen. Dass der junge Karl und Kemals Vater, der einen Schnäuzer trägt, von demselben Schauspieler verkörpert wird, das war ihnen nicht aufgefallen. Zwei Mitarbeiter aus der Kostümabteilung helfen hinter der Bühne beim schnellen Rollentausch.

Inszenierung ohne pädagogischen Zeigefinger

Mit großer Leichtigkeit, Wortwitz und Lust am Spiel geht das Landestheater Schwaben in der Regie von Anne Verena Freybott zum Auftakt der Kinderstücke dieser Frage nach. Bei der Nachmittagsveranstaltung mit Erwachsenen und Kindern merkt man, dass der Humor des Stücks bei Jung und Alt funktioniert, wenn auch nicht unbedingt an den gleichen Stellen.

Erfrischend ist, dass weder Text noch Inszenierung mit dem pädagogischen Zeigefinger arbeiten. Die Begeisterung ist den Schülern noch im Publikumsgespräch anzumerken. Als Theaterpädagogin Lisa Hetzel fragt, welche Bilder und Situationen den Schülern noch in Erinnerung sind, schnellen zahlreiche Hände nach oben. Viele wollen etwas sagen.

Theaterpädagogen bereiten die Schüler vor

Rund 700 Kindern wird in dieser Woche großes Theater geboten. Sie können fünf der besten deutschsprachigen Stücke sehen, die eine dreiköpfige Jury zuvor ausgesucht haben. Die Auswahl fiel in diesem Jahr schwer.

Die Kinder gehen nicht unvorbereitet in die Stücke. Die beiden Theaterpädagoginnen des Festivals waren vorher in den Klassen, haben im Dialog mit den Kindern Themen behandelt und sie zum Spielen angeregt.

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