Heimat-Serie: Nachbarn

So viel Heimat steckt in der Arnsberger Heimatstraße

Das Straßenschild Heimatstraße in Neheim am Montag den 31.07.2017. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Das Straßenschild Heimatstraße in Neheim am Montag den 31.07.2017. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Foto: Ralf Rottmann

Arnsberg.   Und wie lebt's sich hier? Ein Besuch der Neheimer Heimatstraße – einer von bundesweit 18 Straßen dieses wohligen Namens.

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Es gibt nur zwei in Nordrhein-Westfalen: in Bad Lippspringe und in Arnsberg-Neheim. Bundesweit sind es 18. Nicht viel.

Warum? Weil immerhin 52 Prozent der Bundesbürger die Heimat für sehr wichtig halten. Das hat eine Umfrage von Infratest Dimap ergeben. Im Straßenverzeichnis der Städte und Gemeinden spiegelt sich diese Bedeutung nicht. Die Renner in der Republik sind Haupt-, Schul-, und Gartenstraßen. Tausendfach.

Wenn jemand weiß, wie sich Heimat anfühlt, müssen es die Anwohner sein. 56 Kilometer liegt sie von Hagen entfernt. Es fängt gut an. Ohne große Sucherei, ein Parkplatz vor Hausnummer 8. Kein Mensch ist zu sehen. Mischbebauung. Mehrfamilienhäuser aus den 1920er Jahren, Einfamilienhäuser, vermutlich aus den 1980er Jahren.

Heimat endet als Sackgasse

Die Heimatstraße fällt kürzer aus als erwartet - und sie endet als Sackgasse. Das hat die Heimat nicht verdient. Sie zählt 536 Schritte. Eine kurze Heimat.

Und die Einheimischen geben sich zugeknöpft. Die Fragen des vermeintlichen Eindringlings in ihr Revier machen ihn verdächtig. Was sie mit Heimat verbinden? Geruch? Freunde? Familie? Die vertraute Umgebung der Straße? Fünf Fragezeichen, die bleiben. Warum? Weil die Antworten auf ein anderes Heimatgefühl schließen lassen. Der Senior mustert das fremde Gesicht. „Nein, ich will nicht über Heimat mit Ihnen reden.“ Er knallt den Kofferraum zu. „Warum sollte ich?“ Es juckt ihn doch, und der 74-Jährige sprudelt: „Die Heimat ist nicht mehr die, in der ich aufgewachsen bin. Sie hat sich total verändert.“ Wie? „Es gibt keinen Respekt mehr gegenüber den Mitmenschen.“

In der Not steht jeder für jeden ein

Früher hätte es niemand gewagt, sich Krankenwagen im Einsatz in den Weg zu stellen oder auf Polizisten loszugehen. „Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war, aber das hat es nicht gegeben.“ Er hätte früher, fünf, sechs Kilometer zu Fuß zur Schule laufen müssen. „Heute werden die Kinder bis vor die Tür gefahren.“ Die Frage nach seinem Namen bleibt unbeantwortet. Auch ein Foto verbietet er sich. „Da weiß ja jeder in der Straße, wer das gesagt hat.“

Nächster Versuch. Ein 76-Jähriger, das Alter bestätigt er, bringt den Müll zur Tonne. „37 Jahre wohnen wir hier, ich habe noch nicht ein Wort mit denen von da drüben gesprochen.“ Er zeigt auf die andere Straßenseite, „Ich weiß gar nicht, wie die Leute heißen.“

Heimat? Der Rentner zuckt mit den Schultern. Dazu fällt ihm nichts ein. Warum er keinen Kontakt zur Nachbarschaft bekommt? „Weil meine Frau und ich Zugereiste sind.“ Von wo? „Aus einer anderen Ecke von Neheim.“ Heimat setzt offenbar engere Grenzen als vermutet. Auch er will anonym bleiben. „Schließlich wohne ich hier noch länger.“ Die Äußerungen der beiden Alten lassen auf einen miesen Zustand der Heimat schließen. Aber nur fast. Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten.

Bis 1979 war es die Schützenstraße

„Ich bin vor 20 Jahren aus Bochum zugezogen“, sagt die 70-Jährige, die Altpapierkiste unter dem Arm, „hier fühle ich mich wohl. Der Menschenschlag erinnert mich an Bochum.“ In der Not stehe jeder für jeden ein. „Ich habe eine neue Heimat gefunden, ich will auch nicht weg.“ Ihren Namen verrät sie nicht.

„Und bitte kein Foto.“ Nein. Kein Problem mit seinem Namen hat Franz-Josef Schulte, Vorsitzender des Heimatbundes Neheim-Hüsten. Der 79-Jährige weiß, „dass die Heimatstraße bis zur kommunalen Neugliederung 1975 Schützenstraße hieß.“ Warum die Heimat hier als Straße ein zu Hause gefunden hat, ist ihm nicht bekannt. „Und für mich ist Heimat der Ort, an dem fünf Generationen groß geworden sind.“

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