Psychiatrie

Geschlossene Station schützt Kranke vor sich und anderen

Psychiatrie-Chefarzt Dr. Hummel  zeigt ein Zwei-Bett-Patientenzimmer in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie am Neheimer St.-Johannes-Hospital.

Foto: WP Ted Jones

Psychiatrie-Chefarzt Dr. Hummel zeigt ein Zwei-Bett-Patientenzimmer in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie am Neheimer St.-Johannes-Hospital. Foto: WP Ted Jones

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Neheim. Mit Dr. Manfred Max Hummel, Chefarzt für Psychiatrie am Neheimer St.-Johannes-Hospital, besucht Redakteur Martin Schwarz die geschlossene Station der Psychiatrie-Abteilung - dort, wo man „normal“ nicht reinkommt.

In der geschlossenen Station werden Patienten mit ihrer Zustimmung, aber auch zwangsweise behandelt, falls mit ihrer psychischen Erkrankung eine Selbst- oder Fremdgefährdung verbunden ist. Hier ist es anders als woanders - kein normales Krankenzimmer mit Fernseher, Handy etc. Doch man bemüht sich um diskrete Normalität: keine Gitterstäbe vor den Fenstern, dafür gibt’s Fenster aus unauffälligem Panzerglas. Es geht um Wohnlichkeit: Bilder an den Wänden, Gemeinschaftsessensraum und eine Terrasse, die mit einem Notfallschalter gesichert ist.

Dr. Hummel öffnet die speziell gesicherte Eingangstür, wir gehen rein und dann macht es „Klick!“ an der Tür. Ein beklemmendes Gefühl macht sich in mir breit - ich fühle mich eingesperrt, obwohl ich weiß, dass der weiß bekittelte Mann mit dem Schlüssel den Fotografen und mich nach einem Rundgang wieder rauslässt.

Für mein mulmiges Gefühl sorgt auch die große Unsicherheit, auf der Station schwer kalkulierbaren Menschen zu begegnen. Aus dem Vorgespräch mit Dr. Hummel weiß ich, hier gibt’s Patienten, die unter bestimmten Umständen durchaus aggressiv reagieren könnten. Mein Problem: Ich kann die mir unbekannten Leute nicht einschätzen, die friedlich über den Flur gehen oder draußen auf der Terrasse eine Zigarette rauchen. Die Psychiater und auch Krankenpfleger, die auf der geschlossenen Station arbeiten,haben allerdings diesen Wissensvorsprung und bleiben locker.

„Angst habe ich keine. Respekt aber schon“, beschreibt Reinhard Hatscher, einer der langjährigen Pfleger in der geschlossenen Abteilung, sein Verhältnis zu den Patienten. Viele Jahre passiere nichts, vor Kurzem habe es aber einen Kollegen erwischt, dem ein Patient ins Gesicht schlug, nachdem seine Körperfixierung gelockert worden war.

„In der Regel kann ich die Patienten aber ganz gut einschätzen“, meint Hatscher. „Sollte es beim gemeinschaftlichen Essen Streit zwischen zwei Patienten geben, weiß ich, wie ich reagieren kann und die Situation deeskaliere.“ In der Regel geht es allerdings (äußerlich) ruhig zu, wobei auch in der Stille eine Gefahr liegen könnte. Wer schwer depressiv ist, könnte sich selbst umbringen. Für Fällen, in denen diese akute Gefahr besteht, gibt es ein Beo-bachtungszimmer, in das ein Arzt oder Pfleger durch ein Fenster hineinschauen kann.

„Depressionen, akute Psychosen wie zum Beispiel Wahnerkrankungen, aber auch akute Intoxikationen, bedingt durch Alkohol- und Drogenkonsum, werden u. a. in der geschlossenen Abteilung behandelt“, berichtet Dr. Hummel. Die Patienten kommen dabei aus allen gesellschaftlichen Kreisen. Der Patientenkreis reicht vom nichtsesshaften Alkoholiker bis zum Vorstandsvorsitzenden.

Der Rundgang nähert sich dem Ende. Dr. Hummel steckt seinen Schlüssel in ein Schloss in der Wand, dreht einmal rum und die Ausgangstür öffnet sich. Wir sind wieder draußen. Hier ist es anders als woanders.

Interview mit Dr. Hummel

(mas) Vor einiger Zeit beklagte sich ein alter Mann in der Redaktion darüber, dass er von seinen Kindern in die Psychiatrie am JoHo gelockt, dann aber nicht mehr rausgelassen worden sei. Die Kinder hätten hierfür ärztliche Papiere mitgebracht. Später sei er nur mit großem rechtlichen Aufwand wieder rausgekommen. Unsere Zeitung sprach hierüber mit dem Chefarzt für Psychiatrie am JoHo, Dr. Manfred Max Hummel.

Frage: Ich weiß nicht, ob damals die Vorwürfe des Neheimers berechtigt waren. Ich kenne sein psychisches Krankheitsbild nicht. Es gibt aber unter alten Leuten oft Ängste, in die „Klapsmühle“ abgeschoben zu werden. Was sagen Sie dazu?

Dr. Hummel: Schon rein rechtlich ist ein einfaches Abschieben in die geschlossene Station gar nicht möglich. Für Zwangseinweisungen gibt es strenge rechtliche Vorschriften. (Hummel erläutert dann die rechtlichen Details - siehe noch folgenden Abschnitt „Hintergrund-Wissen“)

Frage: Trotz aller rechtlichen Vorschriften bestehen die Ängste dennoch. Haben Sie dafür Verständnis?

Dr. Hummel: Ich denke, man sollte dankbar sein, dass es geschützte (geschlossene) Stationen gibt, die schwerstkranken Menschen helfen. Sonst würden diese Kranken eine erhebliche Gefahr für sich oder Dritte und deren Güter darstellen. Durch geschlossene Stationen hat der Staat die Grundlage zum Wohle der Patienten geschafften, damit nicht irgendwo „Verwahrung“ passiert, sondern psychiatrische Behandlung in einem Hospital.

Frage: Warum wird Patienten auf der geschlossenen Station das Handy abgenommen?

Dr. Hummel: Dies geschieht zum Schutz der Persönlichkeitsrechte anderer Patienten. Denn mit den meisten Handys können heute Foto- und Filmaufnahmen gemacht werden. Das Recht zum Telefonieren steht dem Patienten nach PsychKG zu. Hierfür gibt es bei uns ein Telefon im Gemeinschaftsraum, das er kostenlos, aber nicht für unermesslich viele Gespräche nutzen kann. Mit Hilfe eines mobilen Festnetz-Telefons kann er sich aber auch zurückziehen.

Hintergrund-Wissen

Das „Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG)“ benennt die rechtlichen Voraussetzungen für die Zwangseinweisung in die geschlossene Abteilung einer Akut-Psychiatrie wie z. B. am Neheimer St.-Johannes-Hospital.

Von den rund 500 Patienten, die jährlich in der geschlossenen Station der psychiatrischen Abteilung am JoHo behandelt werden, entfallen etwa 110 Fälle auf Zwangseinweisungen. Hierbei muss die Gefahr bestehen, dass Patienten sich selbst oder andere Menschen oder Sachen gefährden könnten. Diese Gefahr kann durch den sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes oder von einem niedergelassenen Arzt attestiert werden. Dann folgt am JoHo eine Untersuchung durch die Fachärzte, die ergründen, ob das Attest berechtigt ist. Falls ja, muss ein Richter, der persönlich den Patienten kennen lernt, innerhalb von 24 Stunden über die Zwangseinweisung entscheiden.

Am JoHo lehnen Fachärzte oder Richter rund 50 % der zuvor attestierten Zwangseinweisungen ab. Bei den abgelehnten Fällen entscheiden sich dann etwa
50 % der Patienten für eine freiwillige Aufnahme.

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