Serie schöne Geschäfte

99 Jahre Tischkultur: Das Geschäft Stratmann in Oberhausen

Gunhild Merz-Stratmann verkauft in dritter Generation Haushaltswaren. Ihre Kunden sind treu und die Atmosphäre im Geschäft ein bisschen so, als ob Mutti dir endlich bei der Auswahl zum richtigen Topf hilft.

Gunhild Merz-Stratmann verkauft in dritter Generation Haushaltswaren. Ihre Kunden sind treu und die Atmosphäre im Geschäft ein bisschen so, als ob Mutti dir endlich bei der Auswahl zum richtigen Topf hilft.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  99 Jahre und drei Generationen steht Stratmann in Schmachtendorf für Tischkultur. Einmal Kunde, immer Kunde – hier hat jeder Teller ein Gesicht.

Das teure Geschirr holt Mutti meist nur zu Weihnachten aus dem Schrank. Alles wird sorgsam und unter allen Umständen unbeschadet auf die Tafel gelegt, was den Rest des Jahres sicher und vor Staub geschützt sein Dasein in der Vitrine fristet. Porzellan aus Meißen ist weltbekannt, aber wer hat noch wirklich ein Service für zwölf oder mehr Gäste daheim?

„Das klassische Porzellan von Großmutter stirbt aus“, sagt Gunhild Merz-Stratmann (68). Und das sei gut so. „Geschirr und Besteck sind Gebrauchsgegenstände – die braucht man nicht schützen und behüten. Wenn mein Kleid Löcher hat, werfe ich es ja auch weg.“

Gunhild Merz-Stratmann, blond, blaue Bluse, Sonnenbrille, zeigt in ihrem Laden gern auf Kissen und Ledertaschen. Das Porzellan-Geschäft ist seit 20 Jahren rückläufig. Als ihr Großvater „Tischkultur Stratmann“ an der Schmachtendorfer Straße vor 99 Jahren gründet, ist feines Geschirr und glänzendes Besteck die Mitgift für Bräute; jede hat, im Rahmen der Möglichkeiten, ein mehr oder weniger teures Service daheim. Das ist längst vorbei.

Junge Kunden kaufen bei Ikea — nicht bei Stratmann

„Wir verkaufen viele Lederwaren, Kissen oder Schmuck.“ Damit macht sie 4000 registrierte Kunden glücklich. Unter den großen weißen Lettern „Stratmann“ empfängt sie in dritter Generation ihre Kunden in einem vollen, aber aufgeräumten Laden. Natürlich kann der Kunde weiterhin bei ihr Silberbesteck, Teller, Tassen, Gläser oder Etageren und Service-Platten kaufen. „Die meisten jungen Leute gehen aber zu Ikea und kaufen dort“, meint die Chefin.

Wer dagegen langsam erwachsen und ruhiger wird, komme zu ihr in den Laden. Vier Mitarbeiterinnen inklusive Chefin beraten die Kunden hier in Haushaltsfragen. Da jeder Teller ein Gesicht bekommt („Ich kenne viele Kunden 20 Jahre oder länger“), traut sich das Personal zu, vom einen oder anderen Stück abzuraten.

„Deshalb schätzen uns unsere Kunden — Ehrlichkeit. Die Sachen sind nicht immer billig, haben aber eine hohe Qualität.“ Ein Wasserkocher aus Edelstahl kostet schnell mal 170 Euro. Verschnörkelte weiße Figürchen findet der Kunde bei Stratmann trotzdem keinesfalls. „Wir verkaufen keinen Kitsch — das finden die Leute in anderen Läden.“

Chefin: Stadt und Gewerkschaft erschweren unser Geschäft

Neue Kunden fehlen dennoch. Gunhild Merz-Stratmann erklärt sich das so: „Viele wissen gar nicht, dass es Läden wie unseren überhaupt noch gibt.“ Keine große Hilfe sei ihr dabei die Stadt und die Gewerkschaft Verdi. Denn an Sonntagen die Ladentür aufsperren darf sie seit drei Jahren nur noch einmal pro Jahr. Begründung: „Wir sind nicht nah genug an der nächsten Kreuzung dran. Das ist schade, weil der Laden an diesen Tagen immer brechend voll war und alle meine Mitarbeiter die Sonntage aufgrund der lockeren Atmosphäre auch gerne gearbeitet haben.“

Zwei Etagen über dem Geschäft dienen derweil als Staufläche für alles, was im Haushalt gebraucht wird. Das Hauptgeschäft ist Weihnachten — dann kaufen sogar Männer ein. Meistens sind das Geschenke für ihre Frauen. Ute Urban (60) kennt das alles. Sie steht seit 1995 hinterm Tresen.

„Ab dem 1. Dezember geht’s richtig los“, sagt die langjährige Mitarbeiterin. Firmen bestellen für die nächste Weihnachtsfeier oft kleine Geschenksets für ihre Mitarbeiter in großen Stückzahlen, „so dass wir dann auch mal hundert Geschenke verpacken“. Den Rest des Jahres lebt Tischkultur Stratmann von treuen Stammkunden und der exzellenten Beratung zu jedem Stück: von der zweckmäßigsten Beschaffenheit der nächsten Bratpfanne bis hin zur Farbe des Halstuchs.

Kein Internet, aber dafür Rundum-Service

Auf Haushaltmessen in Hamburg und Frankfurt holt sich Chefin Gunhild Merz-Stratmann dafür regelmäßig neue Ideen. „Letztes Jahr gingen Schals und Tücher gut. Mal schauen, was es dieses Jahr ist.“ Mit großen Kaufhäusern, die ebenfalls aussterben oder gar dem Geschäft im Internet will bei Stratmann niemand konkurrieren. „Diese Kunden kommen nicht zu uns. Unser Plus ist der freundliche Umgangston und die problemlose Beratung. Bei uns geht selten jemand verärgert raus.“ Und falls doch mal ein Teller kaputtgeht, keine Panik: Bei ihr gibt’s für alles aus dem Haushalt Ersatz.

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