Lesereihe

Autorinnen fragen nach dem Ende der liberalen Gesellschaft

Dilek Güngör eröffnet die neue Lesereihe „Denkanstöße“ im AKA 103 der Ruhrwerkstatt, Akazienstraße 103.

Dilek Güngör eröffnet die neue Lesereihe „Denkanstöße“ im AKA 103 der Ruhrwerkstatt, Akazienstraße 103.

Foto: Ingrid Hertfelder

Oberhausen.  Provokante Thesen bürgen für spannenden Lese-Herbst im AKA 103 der Ruhrwerkstatt. Neben Literatinnen liest auch Rechtsextremismus-Experte.

Von der bewegten Biografie der Anwältin Nizaqete Bislimi bis zu Feuilleton-Liebling Ingo Schulze in den Vorjahren: Auch im AKA 103 der Ruhrwerkstatt zählen Lesungen ganz unterschiedlicher Prägung zu den Konstanten – neben dem monatlichen R-Jazz mit Pianist Marc Brenken. Und für den Literatur-Herbst hat Jürgen Cotta als Programm-Macher wieder vier Termine unter einem Motto gebündelt: „Denkanstöße“.

Das ist nicht so beliebig gemeint, wie’s zunächst klingen mag, denn erwünscht sind konkrete Denkanstöße zum Miteinander und zum Trennenden in der deutschen Gesellschaft. Und nach dem Vortrag gibt’s jeweils gute Gelegenheit zum Gedankenaustausch in einem moderierten Gespräch.

Den Anfang der neuen Lesereihe macht am Donnerstag 19. September, die 47-jährige Dilek Güngör mit ihrem Roman „Ich bin Özlem“. Der Satz „Meine Eltern kommen aus der Türkei“ steht am Anfang aller Geschichten, die Özlem über sich erzählt. Nichts habe sie so stark geprägt wie die Herkunft ihrer Familie, glaubt sie. Doch noch viel mehr glaubten das ihre Kindergärtnerinnen, die Lehrer, die Eltern ihrer Freunde, die Nachbarn. Özlems Wut darüber bahnt sich ihren Weg, leise zunächst, dann allerdings, bei einem Streit mit Freunden, ungebremst: Von Rassismus ist die Rede und von Selbstmitleid. Ihre Geschichte will Özlem von nun an selbst bestimmen.

Die Wutrede einer Aufsteigerin

Mit genauem Blick beschreibt Dilek Güngör, welche Kraft es kostet, sich in einer Gesellschaft zu behaupten, die besessen ist von der Frage nach Zugehörigkeit, Identität und der „wahren“ Herkunft.

Für ihren Roman „Schäfchen im Trockenen“, den Anke Stelling am Donnerstag, 31. Oktober, im AKA 103 vorstellen wird, gab’s im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse. Die Prosa der 48-Jährigen analysiert sensibel die Mittelstandsgesellschaft. Ihre jüngsten Romane bilden eine Trilogie moderner Gemeinschaft. So meinte der Kritiker der „Süddeutschen“ bewundernd: „Diese Suada einer Aufsteigerin ist ein Roman geworden, wie es ihn viel zu selten gibt in der deutschen Gegenwartsliteratur: Wütend, intensiv, ein Schlag in die Magengrube aller naiven Freunde der Mittelklasse.“

Die vermeintlichen Wutbürger sind unter uns

Ganz anders blickt der Hamburger Journalist Andreas Speit am Donnerstag, 14. November auf bröckelnde Bürgerlichkeit: „Die Entkultivierung des Bürgertums“. Die vermeintlichen Wutbürger sind unter uns – denn vom gesellschaftlichen Rand kamen die extrem Rechten selten. Ihre Positionen schoben sie vielmehr selbst an den politischen Rand. Doch was gestern noch randständig war, rückt nun in die Mitte: Das meint der 53-jährige Autor mit „Entkultivierung des Bürgertums“.

Andreas Speit fühlt einer Gesellschaft den Puls, in der die politischen Kategorien „links“ und „rechts“ immer unklarer werden, und fragt: Geht die liberale Gesellschaft ihrem Ende entgegen?

Warum ist „alter weißer Mann“ ein Schimpfwort?

Zum Schluss der wahrlich denkanstößigen Reihe präsentiert sich am Donnerstag, 5. Dezember, Mithu Sanyal als „Mixed-Race Wonderwoman“. Die Kulturwissenschaftlerin liest und spricht über die „drei Is“: Identitätspolitik, Intersektionalität und Inderkinder. Worüber reden wir, wenn wir über Rassismus reden? Was bedeutet Schwarz? Was bedeutet weiß? Warum ist „alter weißer Mann“ inzwischen ein Schimpfwort?

Für ihre Hörspiele und Features erhielt Mithu Sanyal dreimal den Dietrich Oppenberg Medienpreis. Und für ihr bei Nautilus publiziertes Buch „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ wurde die 48-Jährige mit dem Preis „Geisteswissenschaften international“ ausgezeichnet.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben