Migrations-Debatte

Bildungsforscher hält Streit mit Zuwanderern für notwendig

Der Bildungsexperte Aladin El-Mafaalani hat vor 70 Zuhörern im Literaturhaus an der Marktstraße in der Oberhausener Innenstadt aus seinem Buch „Das Integrations-Paradoxon" gelesen.

Der Bildungsexperte Aladin El-Mafaalani hat vor 70 Zuhörern im Literaturhaus an der Marktstraße in der Oberhausener Innenstadt aus seinem Buch „Das Integrations-Paradoxon" gelesen.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Die Lesung mit dem bekannten Wissenschaftler Aladin El-Mafaalani in Oberhausen enthielt viele provozierende Thesen zur Migrationspolitik.

Aladin El-Mafaalani ist kein Geheimniskrämer. Mit dem Ende rückt er sofort heraus: „Die Mitte ist verunsichert.“ Eine neue Leitkultur bringe Deutschland nicht voran, sagt der Autor des Buches „Integrationsparadoxon“.

Mancher der rund 70 Besucher im Literaturhaus stöhnt am Freitagabend wohl innerlich auf: Was ist daran neu? Die Diskussion um die Leitkultur ist zwanzig Jahre alt. Doch Aladin El-Mafaalani öffnet in den folgenden anderthalb Stunden Augen und dringt in Ohren. Seine Behauptung: „Streit ist das Einzige, was uns zusammenhält.“ Also alles ganz normal?

Schon wieder: Alte, weiße Männer

An provokante Thesen mangelt es dem Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Osnabrück jedenfalls nicht. Seit Jahren forscht der 41-Jährige zu Migration und Integration, darüber hinaus berät er die nordrhein-westfälische Landesregierung zu diesen Themen.

„Stellen wir uns einen Raum in den 1950er vor“, erklärt Aladin El-Mafaalani den Zuhörern. „Am einzigen Tisch sitzen nur alte, weiße Männer, die das Sagen über alle haben, die damals noch auf dem Boden saßen.“ Nach und nach setzen sich verschiedene Gruppen an El-Mafaalanis Teilhabe-Bildnis, die zuvorderst die Tischsitten akzeptieren müssen. Erst Frauen, dann Homosexuelle, dann Migranten, Behinderte und zuletzt Ostdeutsche. Je länger sie am Tisch sitzen, desto mehr Mitsprache fordern sie jedoch. „Zu denken, dass es an diesem Tisch gemütlich wird, ist absurd.“

Offene Gesellschaft: Streit am Tisch ist ganz normal

Deutschland ist nach der These des Erziehungswissenschaftlers deshalb mitnichten gespalten, wenn es streitet. Ein mehr an Teilhabe, mehr Stühle am Tisch, das bedeutet für den Autor automatisch mehr Konflikt. Und das sei sogar besser als ein zu schnelles Näherkommen.

Manchmal verfällt der Professor und Lehrer zwar in einen pädagogischen Plausch. Um solche ständigen Wiederholungen in seinen letzten beiden Büchern hat sich allerdings seine eigene Tochter, gerade einmal 16 Jahre jung, gekümmert. Gleich 90 faktenbasierte Seiten mussten weichen. „Das tut dem Wissenschaftler natürlich weh“, sagt er – und das Publikum lacht.

Selbstironisch und uneitel

Selbstironisch und uneitel erntet der Autor am Ende der Lesung, die im Grunde an diesem Abend zu keinem Zeitpunkt eine echte Lesung war, seinen verdienten Applaus. Weil er erklärt, weil er vergleicht und anschaulich macht, wieso Sätze wie „Wir haben die Normalität verloren“ manchem Bürger zwar sorgen dürfen, jedoch keineswegs panisch werden lassen müssen. „Es stimmt, wenn mehr am Tisch sitzen und mitbestimmen, verändert sich unsere Realität.“

AfD mit dem Wunsch nach einer Zeitreise in die Vergangenheit

Populisten nutzen die zeitweise miese Stimmung am Teilhabe-Tisch gerne aus. Doch das ist ein alter Trick. Für die AfD sei besagter Tisch voll und eine Rückkehr zur alten Version mit weniger Stühlen der einzige Weg. „Deswegen sind sie derzeit die Einzigen mit einer Lösung.“ Eine Lösung, die nur eine scheinbare ist: Eine Zeitreise in die Vergangenheit zurück kann es ja in unserem Universum schon rein physikalisch nicht geben. Gleichwohl zeigt der Autor ein gewisses Verständnis dafür, dass manche sich in die Vergangenheit zurücksehnen: Dass diese Zeitreise manchem lieber sei als eine permanente Streitkultur, sei klar, sagt er.

Doch eine offene Gesellschaft, egal wo auf der Welt, könne das ständige Streiten aushalten und daraus gestärkt hervorgehen. „Konflikte sind das Potenzial für Fortschritt oder Bürgerkrieg, haben schon Marx und Simmel und viele andere erkannt“, sagt El-Mafaalani. Gleichwohl, selbst wenn wenige wieder zurückwollen, sollte die Vision fürs Morgen eine insgesamt friedfertige sein – normaler wortreicher Zoff allerdings inklusive.

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