Interview

Oberhausen erstellt einen Masterplan für die Neue Mitte

Der Mann für Oberhausens Strategie: Ralf Güldenzopf. Fotos:Kerstin Bögeholz

Der Mann für Oberhausens Strategie: Ralf Güldenzopf. Fotos:Kerstin Bögeholz

Oberhausen.   Mehrere Pläne sollen laut Dezernent Ralf Güldenzopf schnelle Lösungen bringen. Gibt es am Centro bald Laufschuhe aus dem 3D-Drucker?

Mitten auf dem Saporishja-Platz haben wir uns ein schattiges Plätzchen gesucht. Kinder spielen und toben – wie werden sie Oberhausen in Zukunft erleben? Einer, der es wissen könnte, ist Ralf Güldenzopf, seit fast einem Jahr Oberhausens Dezernent für strategische Planung. Wir sprachen mit ihm über seine Aufgaben, die Pläne für die Neue Mitte und die finanzielle Unterstützung.

Ihr Urlaub steht bevor. Wovor müssen Sie sich besonders erholen?

Entspannen muss ich vor allem, weil es mein erster Urlaub seit zwei Jahren ist. Im letzten Jahr habe ich den Urlaub für den Umzug nach Oberhausen benötigt. Es gibt aber nichts, vor dem ich weglaufen müsste.

Im September sind Sie ein Jahr als Dezernent tätig. Damals sagte Oberbürgermeister Daniel Schranz, dass Oberhausen Nachholbedarf bei der Entwicklung einer Gesamtstrategie habe. In welche Richtung muss die Stadt laufen?

Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir nur einen großen, 300-seitigen Plan schreiben. Stattdessen müssen wir die vielen kleineren Projekte wie die Innenstadt-Entwicklung oder die Ansiedlung von Edeka integriert und aus verschiedenen Blickwinkeln denken. Daraus entsteht das Gesamtpaket. Die großen Schwerpunkte sind bereits gesetzt: Arbeitsplätze schaffen, Wirtschaft fördern, für mehr Sicherheit und Sauberkeit sorgen, Bildungsperspektiven verbessern. Wir wissen, wo die Baustellen sind, wir haben die Analysen. Da müssen wir jetzt ran und nicht erst eine zweijährige Konzeptphase zwischenschalten.

Was bedeutet das konkret?

Beispiel Edeka. Zum einen muss alles funktionieren, was den Bauprozess angeht. Aber wir müssen uns auch fragen: Wie bekommen Menschen aus Oberhausener dort einen Job? Wir haben angeregt und unterstützen, dass sich Arbeitsagentur, Jobcenter und Edeka darüber verständigen, welche Job-Profile gesucht werden und ob spezielle Schulungen angeboten werden könnten. Das Ergebnis: Das Jobcenter bietet Trainingsprogramme an. Interessenten können nach Edeka reinschnuppern, um zu schauen, ob es etwas für sie ist. Vielleicht ist jemand dabei, der sich als Kraftfahrer umschulen lässt, um dort in der Logistik anzufangen. Das ist integriertes Denken. Es geht nicht nur um die bauliche und verkehrliche Situation.

Man kann sich aber schon fragen, was der Bürger von einer Gesamtstrategie hat und was ein strategischer Dezernent eigentlich so treibt.

Ich bin so etwas wie der Taktikchef einer Fußballmannschaft. Auf dem Feld hat man Spieler, die aus unterschiedlichen Vereinen kommen – sprich die Dezernate oder Stadtgesellschaft. Du brauchst Torwart, Stürmer, aber auch einen, der auf die Taktik und Strategie schaut: Was macht der Gegner? Wie kannst du die Spieler und ihre Potenziale, die wir haben, so kombinieren, dass wir nach vorne kommen? Beispiel Kaufhof: Sobald die Baugenehmigung erteilt ist, bringe ich die Leute zusammen, die dann überlegen, wie und mit welchem Bild die Menschen vom Hauptbahnhof zum Hotel kommen sollen. Da geht es um Ordnung, Sauberkeit, Mobilität und um Stadtentwicklung. Andere Städte testen schon selbstfahrende Busse? Ich gebe Impulse, ich bringe verschiedene Player zusammen, um Perspektiven zu besprechen und Lösungen zu entwickeln. Am Ende müssen aber alle laufen, um erfolgreich zu sein.

Ein Jahr Oberhausen: Was hat Sie an der Stadt überrascht?

Ich wohne in der Innenstadt, ich kann das tägliche Leben fast mit dem Fahrrad organisieren. Die Anbindung an den Hauptbahnhof ist super. Das ist, wie man Großstadt liebt. Man hat alle Angebote im Umkreis von wenigen Minuten, man kann in die Kneipe, ins Theater. In Berlin war in ich in zehn Jahren nicht einmal im Theater, hier war ich schon dreimal. Und: Wenn man über Zukunft spricht und größere Entwürfe macht, wollen viele mitmachen. Die Leute sind nicht satt, sie sind hungrig auf das nächste Kapitel.

Es gibt einen Masterplan Wirtschaft, einen Masterplan Tourismus, der Teil des Wirtschafts-Masterplans ist. Wird Oberhausen die Stadt der Masterpläne?

Ich bevorzuge möglichst viele Masterpläne, die Lösungen bringen. Wir wollen nicht zwei Jahre über ein großes Konzept für Oberhausen nachdenken, um dann drei Jahre später zu merken, dass der Plan nicht aufgeht, weil zum Beispiel die Digitalisierung oder Donald Trump alles verändert. Wir wollen ins Handeln kommen. Und da ist es mir lieber, dass wir uns mit der Wirtschaft zusammensetzen, klare Projekte definieren und möglichst zeitnah Probleme lösen. Das merken wir beim Tourismus, bei der Neuen Mitte, die wir durch Mirai neu überplanen. Und wir werden ein Konzept zur Markstraße schreiben. Wir brauchen aber Partner, die die Pläne unterstützen. Wir reden mit Leuten, damit sie auch Verantwortung mittragen. Es braucht mehr als einen Plan der Stadtverwaltung, es ist ein Aufbruch von allen.

Sie sagten, die Neue Mitte wird überplant. Meinen Sie damit das Verkehrskonzept?

Nicht nur das. Die Neue Mitte hat nicht zuletzt mit „The Mirai“ einen neuen Impuls bekommen. Welche Chancen ergeben sich daraus? Ein Beispiel: Das Konzept von Mirai wird ja nicht sein, Tausende Mitgliedschaften zu verkaufen.Hier geht es um „Experience economy“ – also die Mischung aus Unterhaltung und Einkauf. Und während die Besucher hier Probe laufen, stellen sie fest, dass sie neue Laufschuhe brauchen. Die könnten sie sich passgenau per 3D-Drucker machen lassen. Das habe ich beim Fraunhofer Institut angesprochen, weil ich wusste, dass die in diese Richtung forschen. Schön wäre es, wenn es eine Ausgründung aus Fraunhofer heraus auf dem Stahlwerksgelände geben würde, die neue Stoffe und neue Innovationen zusammen mit The Mirai anbietet. Hinter dem Entertainment wie Musical, Aquapark, Legoland, Mirai steckt auch eine andere Wertschöpfung: Wer produziert die Laufgeräte, wer produziert die Beleuchtung von Musicals, welche produzierende Kreativ-Wirtschaft kann man hierhin holen? Was können wir also tun, damit sich Produzenten von Laufbändern, Unterhaltungstechnologie und 3D-Druck ansiedeln – und das mit einer Forschungsabteilung.

Sie haben angekündigt, die Dezernate durchlässiger zu machen. Ist das schon passiert?

Jeden Tag ein bisschen besser. Unsere Planer sitzen zum Beispiel nun regelmäßig an einem Tisch. Und gerade haben wir eine Runde gehabt mit Mitarbeitern, die alle mit Fördermitteln zu tun haben, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen.

Bei dem Fördermittel-Antrag zum Altenberg Park hätte es nicht geschadet, wenn mehrere involviert gewesen wären.

Grundsätzlich ändert es nichts daran, dass wir nach wie vor Fachbereiche haben, die eigenverantwortlich arbeiten. Es macht keinen Sinn, einen Super-Controller einzusetzen. Dafür haben wir die Beigeordneten und die Dezernenten, die verantwortlich für ihren Fachbereich sind. Aber wir brauchen Koordination bei dem, was gerade läuft. Und wir brauchen Ehrlichkeit, wenn es um Probleme mit der Umsetzung geht. Im Fall des Altenberger Parks hat Frau Lauxen eingestanden, dass es nicht so gut gelaufen ist. Das greife ich gerne auf um zu sehen, wo wir unterstützen können, indem wir die Leute anders vernetzen, andere Prozesse anbieten. Aber die Anträge müssen weiterhin dezentral ausgefüllt werden.

Das Thema Fördermittel scheint ein schwieriges zu sei. Wo hakt es?

Die Bürokratie, die Kurzfristigkeit. Wenn man nicht die richtigen Projekte in der Schublade hat, hat man ein Problem. Und dann geht es an die Umsetzung: Wir müssen stärker darüber nachdenken, was passiert, wenn wir das Geld bekommen. Haben wir überhaupt die Kapazitäten für die Umsetzung?

Der SPD-Europaabgeordnete Jens Geier forderte jüngst im NRZ-Interview, dass Kommunen aktiv auf die EU zugehen, um sich mit Projekten für EU-Förderungen zu bewerben.

Ja, das ist der richtige Weg und das machen wir. Die neue Förderperiode beginnt 2020. Wir werden Mittel bekommen, aber vielleicht weniger. Wir sind in Gesprächen mit Vertretern der Kommission, dem Regionalverband Ruhr und mit Kollegen anderer Kommunen. Wenn wir eine Chance haben, Förderrichtlinien zu beeinflussen, dann sollten wir das auch tun.

Für welche konkreten Projekte braucht Oberhausen noch Finanzmittel?

Wir müssen erst einmal alles verbauen. Für unsere integrierten Handlungskonzepte in den Stadtteilen haben wir fast 80 Millionen Euro, beim Brückenschlag-Projekt haben wir die grobe Zusage über das Paket, jetzt müssen die Einzelprojekte nach und nach beantragt werden: Europakino, Altenberg-Sanierung, das Konzept für die Marktstraße. Auch für den Gartendom gibt es eventuell Fördermittel, da sind wir dran.

Grundsätzlich aber brauchen wir noch interessante Konzepte auf Vorrat, um dann zu schauen, welches Förderprogramm passt jetzt. Und auch Zwischenschritte werden manchmal finanziell unterstützt, hier sollten wir aktiver werden, statt immer auf die großen Millionenbeträge zu gucken.

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