Nahverkehr

Trotz Ticket: Stoag verlangt 60 Euro von zehnjährigem Paul

Mehr Fingerspitzengefühl und einen besseren Umgang mit den Fahrgästen im Streitfall wünscht sich Axel Zülsdorf, dessen Sohn mit einem abgelaufenen Ticket fuhr.

Mehr Fingerspitzengefühl und einen besseren Umgang mit den Fahrgästen im Streitfall wünscht sich Axel Zülsdorf, dessen Sohn mit einem abgelaufenen Ticket fuhr.

Foto: Gerd Wallhorn / Funke Foto Services

Oberhausen.  Das 4er-Ticket des Jungen war abgelaufen. Doch gnädig war der Fahrkartenkontrolleur offenbar nicht. Ein Vater übt Kritik am Kundenservice.

Immer wieder erreichen uns Zuschriften, in denen sich Leser über den schlechten Umgang der Stoag mit ihren Fahrgästen ärgern, wenn es um Kundenservice geht. Ihre Kritik: Die Stadtwerke Oberhausen AG vergrault dadurch ihre ohnehin schwindende Kundschaft und gibt potenziellen Ticketkäufern keine Anreize, den Nahverkehr zu nutzen. Das bemängelt auch Leser Axel Zülsdorf. Dessen zehnjähriger Sohn Paul war vor wenigen Wochen kontrolliert worden und sollte 60 Euro für ein ungültiges Ticket zahlen. Der Junge war sich aber keiner Schuld bewusst.

„Er wollte der Stadtbibliothek im Bert-Brecht-Haus einen Besuch abstatten und dafür von der Westmarkstraße in Buschhausen in Richtung Innenstadt fahren“, berichtet Zülsdorf. Er habe den Schnellbus SB94 Richtung Hauptbahnhof genommen und noch ein 4er-Ticket im Portemonnaie gehabt, auf dem zwei Fahrten noch nicht abgestempelt waren. Der Junge stieg ein, stempelte ab und wurde kontrolliert. Dabei stellte der Kontrolleur fest, dass das Ticket offenbar am 31. März abgelaufen war.

„Chance vertan, potenziellem Kunden das Produkt näher zu bringen“

Statt es aber bei einer Ermahnung zu belassen, sollte der Junge das „erhöhte Beförderungsentgelt“ von 60 Euro zahlen. Der Vater ärgerte sich, als der Sohn zuhause mit dem „Strafzettel“ ankam: „Man hätte den Jungen auch darüber aufklären können, dass solche Tickets ablaufen können und damit auch die Chance nutzen können, einem potenziellen Kunden das Produkt näher zu bringen.“

Sein Sohn, der unter dem Asperger-Syndrom leidet, habe offensichtlich keinerlei Betrugsabsichten gehabt und aus reiner Unwissenheit gehandelt. „Es steht kein Ablaufdatum auf dem Ticket. Man erkennt es nur an dem aufgedruckten Preis.“ Von einem Zehnjährigen könne man nicht verlangen zu erkennen, dass ein Ticket nicht mehr gültig sei, weil der aufgedruckte Preis nicht dem aktuellen Preis entspreche, beschwert sich der Vater. Immerhin: Der Kontrolleur stellte dem Jungen ein Ticket für die Rückfahrt aus.

Erst mit Schoko-Ticket-Kauf bekommt Familie einen Nachlass

Am nächsten Tag machten Vater und Sohn sich auf zum Stoag-Shop am Hauptbahnhof. Als Axel Zülsdorf den Vorfall vortrug, stieß er auf Unverständnis. Weil die Familie aber ohnehin noch ein Schoko-Ticket für Pauls Start an der weiterführenden Schule nach den Ferien kaufen musste, gab es letztlich einen Nachlass aus Kulanz. Die Familie musste „nur“ noch 20 Euro statt der verlangten 60 bezahlen.

„Ich finde, das ist alles andere als kundenfreundlich“, meint der Vater. Auch die Beschwerde-E-Mail, die er darauf an den Kundenservice schrieb, blieb bis heute unbeantwortet. Er sehe zwar ein, dass die Stoag aus rechtlicher Sicht und im Rahmen ihrer Vorschriften offenbar richtig gehandelt habe, doch er ist der Meinung: „Die Kontrolleure haben gewiss einen Ermessensspielraum, der insbesondere bei Kindern und dem vorliegenden Fall anders hätte genutzt werden sollen.“

Er merkt an: Bei der Deutschen Bahn fahren Kinder in Begleitung ihrer Eltern kostenlos mit. Das könne man doch grundsätzlich auch bei der Stoag einführen. Bislang gilt in Oberhausen für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren der Kindertarif.* Mit dem Vorschlag steht er nicht alleine da: Erst kürzlich hatte die SPD-Landtagsfraktion die Idee eines kostenlosen Kinder-Tickets für Bus und Bahn in die Diskussion um die Verkehrswende eingebracht.

Gültigkeitsdauer der Tickets ist Thema bei der Stoag

Auf Nachfrage dieser Redaktion beteuert Stoag-Sprecherin Sabine Müller, dass in Sachen Kundenservice bei dem Verkehrsunternehmen viel getan werde und verweist unter anderem auf die speziellen Fahrgastbetreuer vom „Mobilen Service“. Im Falle von Pauls ungültigem Ticket sagt sie: „Diese Vorgehensweise ist kein singuläres Handeln der Stoag, sondern ein rechtmäßiges und im Verbund allgemein übliches Vorgehen bei den Verkehrsunternehmen.“

Allerdings sei die Gültigkeitsdauer von Tickets ein Thema, das hausintern schon häufiger Gegenstand von Diskussionen war. Sabine Müller verspricht: „Wir werden den Fall zum Anlass nehmen, den Gedanken in die Gremien des VRR einzubringen, die Gültigkeitsdauer zu verlängern: das heißt, den Fahrausweis länger abfahren zu können, so dass Fälle wie dieser erst gar nicht mehr auftreten.“

*In einer früheren Version des Artikels sind durch einen Redigierfehler an dieser Stelle einige Aussagen etwas durcheinander gekommen. Das haben wir am 21.8.2019 korrigiert.

Leserkommentare (11) Kommentar schreiben