Kinotipps

Zeitgeschichte als herbe Satire und Fest der Lebensfreude

Eine Lebensmüde lernt die Lebenslust: die 81-jährige Ahuva Sommerfeld als Frau Stern und Kara Schröder als ihre Enkelin Elli in „Frau Stern“.

Eine Lebensmüde lernt die Lebenslust: die 81-jährige Ahuva Sommerfeld als Frau Stern und Kara Schröder als ihre Enkelin Elli in „Frau Stern“.

Foto: Neue Visionen Filmverleih / dpa

Oberhausen.  Großes Kino im kleinen Walzenlager: „Frau Stern“ feiert das Leben mit einer Lebensmüden und dank Gedenkhalle gibt’s „Rosen für den Staatsanwalt“.

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Mit zwei großartigen Spielfilmen zur Zeitgeschichte und einer treffenden Doku gebührt das „Arthouse-Privileg“ in dieser Filmwoche ganz allein dem klitzekleinen Kino im Walzenlager, Hansastraße 20.

Hingerissene Kritiker schrieben mit glühenden Wangen über den spröden Charme von „Frau Stern“, zu sehen jeweils um 18 Uhr. Frau Stern hat viel gesehen in ihrem Leben. Viele Männer hat sie geliebt, ein Restaurant geführt und viel geraucht. Frau Stern ist 90 Jahre alt, Jüdin und hat die Nazis überlebt. Und obwohl kerngesund, entscheidet Frau Stern für sich, dass es nun an der Zeit sei, aus der Welt zu gehen. Doch der Arzt will ihr keine Hilfe sein, aus der Badewanne rettet sie ein Räuberpärchen und von den Schienen hilft ihr ein Spaziergänger wieder hoch.

Melancholischer Report über eine Familie im Wartestand

Die resolute Dame hätte gern eine Waffe. Enkelin Elli, das „Schätzchen“, könnte womöglich helfen, denn sie kennt den coolsten Dealer in Berlin-Neukölln. Doch Elli lehrt Frau Stern die Lebensfreude. Dank der Liebe zwischen Großmutter und Enkeltochter macht die 90-Jährige ganz selbstverständlich mit bei Karaoke-Abenden und Theater-Performances. In diesem Film von Anatol Schuster ist Ahuva Sommerfeld die Sensation – eine Hauptdarstellerin, die in 81 Lebensjahren noch nie vor einer Kamera gestanden hatte. Die MDR-Kritik erkannte in diesem kleinen Meisterwerk, , entstanden mit minimalem Budget: Es „verbindet das Porträt einer Lebenskünstlerin mit einem Bild des heutigen, bunt gemischten Berlin“.

Nur am Samstag, 16. November, um 19 Uhr zeigt das Walzenlager-Kino in Kooperation mit Flüchtlingsrat, Willkommen in Oberhausen und Seebrücke Melanie Gärtners Doku „Yves’ Versprechen“. Ein Mann aus Kamerun, der vor acht Jahren seine Familie verlassen hat, um nach Europa zu migrieren, schickt aus der spanischen Exklave Ceuta in Marokko Videobotschaften an seine Angehörigen. Die Regisseurin überbringt diese Botschaften und nutzt diese Begegnungen, um mehr über die Erfahrungen von Heimat und Fremde zu erfahren. Ein melancholischer Report über eine afrikanische Familie im Wartestand zwischen trügerischer Hoffnung und Enttäuschung.

Glanzrolle als schwer vergesslicher Karrierist

Als Teil der Filmreihe zur Ausstellung „Risse im Stein“ der Gedenkhalle gibt’s im Walzenlager nur am Dienstag, 19. November, um 19 Uhr Wolfgang Staudtes klassische Nachkriegs-Satire „Rosen für den Staatsanwalt“ von 1959. Walter Giller spielt jenen traurigen Helden Rudi Kleinschmidt, der in den letzten Weltkriegstagen wegen einer Tafel geklauter Fliegerschokolade standrechtlich erschossen werden sollte – aber dank eines Fliegerangriffs entkommt. Der in der Nachkriegszeit glücklose Kleinschmidt begegnet Jahre später seinem gnadenlosen Ankläger, der längst zum Oberstaatsanwalt avancierte: eine Glanzrolle für Martin Held als schwer vergesslicher Karrierist. Die Süddeutsche Zeitung erkannte in diesem späten Meisterwerk Wolfgang Staudtes „das Engagement seiner auf Wahrheit versessenen früheren Filme“.

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