Pogromnacht

Ein Xantener erinnert sich an die Pogromnacht

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Xanten. Es war eine ruhige Nacht. Willi Melchers und sein großer Bruder Franz schliefen im Haus ihrer Familie an der Marsstraße, in einer Dachkammer. „Plötzlich hörten wir Rabatz auf der Straße“, erinnert sich der 92-Jährige. „Wir öffneten vorsichtig die Dachluke.“ Stockdunkel war es, an die Uhrzeit erinnert er sich nicht mehr. „Zu sehen war erstmal nicht viel, es hat keiner geschrien oder gesprochen, es hat nur gerumst.“ SS-Leute aus Geldern waren spät in der Nacht in Xanten angekommen. „Sie schlugen mit Äxten Fenster und Türen ein“, erzählt Melchers. „Kurze Zeit später kamen die mit Papieren in der Hand wieder raus, die sie dann im Rinnstein angezündet haben.“

Was Willi Melchers damals als elfjähriger Junge beobachtete, passierte in ganz Deutschland: Die Pogrome, die in der Nacht von den 9. auf den 10. November 1938 geschahen, markieren den Übergang von der Diskriminierung der Juden bis zu ihrer systematischen Verfolgung im Dritten Reich. Bei den Gewaltmaßnahmen der Nazis im Herbst vor 81 Jahren wurden insgesamt 91 Menschen ermordet, viele weitere starben später an ihren Verletzungen. Wohnungen, Synagogen und Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Mehr als 30.000 Juden wurden in den folgenden Tagen in Konzentrationslager deportiert.

20 jüdische Bewohner in Xanten

In Xanten lebten zu diesem Zeitpunkt vergleichsweise wenig Juden. Wie der Historiker Ralph Trost in seiner Dissertation über den Nationalsozialismus in Xanten schreibt, lag die Zahl bei rund 20 jüdischen Bürgern. Im Gespräch erklärt er, die Aktionen in der Pogromnacht hätten sich zunächst auf Moers und Rheinberg konzentriert, da dort mehr Juden gelebt hätten. Dadurch seien viele jüdische Einwohner in Xanten gewarnt gewesen. Als die SS dort einmarschierte, seien einige geflüchtet oder hätten sich versteckt. „Die Familien saßen vermutlich irgendwo und haben geschlottert vor Angst.“ Später seien noch Xantener NSDAP-Mitglieder und SA-Männer, die teilweise betrunken gewesen sein sollen, nochmals losgezogen. „Die Xantener Volksgenossen rannten besoffen los, wüteten in den Häusern der Juden, die ja zum Glück nicht mehr da waren.“

Schräg gegenüber von Willi Melchers’ Elternhaus, in der Marsstraße 71, wohnte damals die jüdische Familie Seldis. Tochter Johanna, die 1938 zwölf Jahre alt war, schrieb später als erwachsene Frau ihre Erinnerungen an die Pogromnacht auf – Anlass war ein Projekt von Schülern des Stiftsgymnasiums „Mit den Stiefeln wurde gegen die Haustür geschlagen. […] Schon wurde die Tür aufgebrochen und im vorderen Teil des Hauses begann die Verwüstung“, erinnerte sich Johanna Seldis. Sie und ihre Eltern seien aus einem Fenster in den Hinterhof gesprungen. „Die zerstörten Zimmer sehe ich noch vor mir. Esszimmer, Wohnzimmer und Büro. Ein unvergesslicher Anblick. Die Glas- und Porzellanscherben lagen bis auf die Straße.“ Sie hätten sich bei einer Nachbarin versteckt, die Frau habe ihnen Unterschlupf in ihrer Scheune gewährt. Doch bald hätten auch dort Nazis vor der Tür gestanden. „Die Angst war unbeschreiblich.“ Im Morgengrauen sei die Familie auf Umwegen zum Bahnhof geschlichen, von dort aus seien sie mit ihrem letzten Geld nach Köln gefahren, wo sie Verwandte gehabt hätten.

Die Familie habe noch Glück im Unglück gehabt, sagt Historiker Trost. „Flucht klingt erstmal einfach, aber sie war ausweglos. Die Juden waren dem Hass komplett ausgeliefert.“ Der Historiker verweist auf den damaligen weltweiten Antisemitismus: „Es gab kein Land, das bereit war, Juden aufzunehmen.“ Da es in Köln und Düsseldorf große jüdische Gemeinden gab, hätten viele versucht, dorthin zu fliehen. „Aber wie kamen sie dorthin?“, gibt Trost zu Bedenken. „Sie konnten sich normalerweise nicht einfach in den Zug setzen – viele sind vermutlich in Nacht- und Nebelaktionen von anderen Menschen in Autos oder Lkw mitgenommen worden.“ Die Flucht der Familie Seldis mit dem Zug sei eine Ausnahme gewesen – erklärbar dadurch, dass zu dem Zeitpunkt der Judenstern noch nicht vorgeschrieben war und sie somit nach außen hin nicht erkennbar waren.

In Xanten ging Willi Melchers am nächsten Tag wie gewohnt zur Schule. „Dort hörte ich, dass die Synagoge gebrannt haben soll“, erinnert er sich. Nach der Schule sei er mit ein paar Klassenkameraden zur Scharnstraße gegangen. „Drinnen war alles ausgebrannt und zerstört.“ Über die Ereignisse der Nacht geredet habe man kaum. „Alle hatten Angst, was zu sagen.“ Erst recht in der Schule: Die Lehrer seien alle – manche von ihnen gezwungenermaßen – in der NSDAP gewesen.

Über Chile nach Israel

Johanna „Hanni“ Seldis kannte er vom Sehen. „Wir haben uns oft auf der Straße getroffen, sie hat ja keine 100 Meter entfernt gewohnt“, sagt er. Die Seldis seien „nette Leute“ gewesen. Viel geredet hätten er und die Tochter allerdings nicht – „wie das halt so ist, wenn man ein hübsches Mädchen trifft, das älter als man selbst ist“, sagt er schmunzelnd. Von ihren Klassenkameradinnen der Marienschule habe er damals gehört, dass sie mit ihren Eltern geflüchtet sei – wohin, habe niemand gewusst. Tatsächlich gelang der Familie die Auswanderung. Laut Recherche von Trost und Berichten von Angehörigen tauchte sie in Köln unter und reiste ein Jahr später nach Chile. Johanna Seldis zog später nach Israel, wo sie bis zu ihrem Tod lebte.

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