Bundestagswahl

135 Minuten: Bundestagskandidaten im Fragenhagel der Bürger

Noch in Warteposition — so, wie ihre Fraktionen auch im Bundestag nebeneinander säßen: Volkmar Klein, Prof. Dr. Hermann Siebdrat, Dr. Andreas Appelt, Simon Rock, Heiko Becker, Sylvia Gabelmann (von links).

Noch in Warteposition — so, wie ihre Fraktionen auch im Bundestag nebeneinander säßen: Volkmar Klein, Prof. Dr. Hermann Siebdrat, Dr. Andreas Appelt, Simon Rock, Heiko Becker, Sylvia Gabelmann (von links).

Foto: Steffen Schwab

Dreis-Tiefenbach.   Zwischen Atom und Ei. Nicht streiten, einfach antworten: Dreis-Tiefenbacher CVJM bittet Bundestagskandidaten ins Vereinshaus.

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Für die Begründung hält der Prophet her: „Suchet der Stadt Bestes“, steht bei Jeremia. Dörthe Heilmann übersetzt: Dazu gehört demokratische Beteiligung, dazu gehört, das Wahlrecht wahrzunehmen. So kam die Vor-Wahl-Veranstaltungsreihe des Dreis-Tiefenbacher CVJM zustande. Vorträge über Fake News und die Frage nach einem „Versagen der Medien“ waren vorangegangen. Und nun ein Höhepunkt: Ein Talk mit sechs Wahlkreiskandidaten, den der CVJM am Ende gemeinsam mit den beiden Kirchengemeinden und der evangelischen Gemeinschaft im Ort stemmt. „So voll war es hier schon lange nicht mehr“, staunt die CVJM-Vorsitzende.

Der Talk ist kein Talk. „Das wird ein harter Abend für Sie“, verspricht Heike Dreisbach den Kandidaten, „mit Politikersprech werden Sie nicht weiterkommen.“ Die Bildungsreferentin des Kirchenkreises stellt die Fragen gemeinsam mit Martin Heilmann vom örtlichen CVJM. Fragen, die aus dem Publikum formuliert und von „Einsammel-“ und „Sortierteams“ zum Beantworten ans Podium gebracht werden. Eine Minute pro Antwort — den Beamer mit der Uhr bedient der 14-Jährige Jakob Loth. Nach 135 Minuten ist Schluss. Was sich starr anhört, wird aufschlussreich. Das liegt an den Fragen. Und an den Politikern. Denn die gehen, wenn sie nicht miteinander streiten müssen, sehr freundlich miteinander um. Hier und da sogar unerwartet.

Erkenntnisse

Wirtschaft, Soziales, Außen-, Sicherheitspolitik. In den Rahmen dieser vier Themengelder passt alles. Kaum eine Antwort, die nicht zumindest ein bisschen Beifall bekommt. Wenige Antworten, nach denen es dann doch ein bisschen rumort.

Volkmar Klein (CDU) zum Thema Tierschutz: „Bei uns könnten noch viel mehr Menschen Hühner halten.“ Ein Huhn pro Kind war bei Kleins der Maßstab, „wir sind bei der Eierversorgung autark.“ Heiko Becker (SPD) geht noch weiter: „Tiere, denen es gut geht, schmecken besser.“

Heiko Becker (SPD) kommt auf die Frage, was die Kandidaten für junge Menschen tun, nicht nur, wie alle, mit der Bildung: „Die wissen selbst am besten, was gut für sie ist“, sagt er.

Dr. Hermann Siebdrat (FDP ) zu einer Frage nach der Energiewende, die er als „übereilt“ bezeichnet: „Ich hätte lieber deutsche Atomkraftwerke.“ Statt Strom aus dem Reaktor im belgischen Tihange. Aus dem Saal kommt der Ruf nach einem „Faktencheck“.

Sylvia Gabelmann (Linke) wird konkret: „Rente mit 65 muss wieder möglich sein.“ Bildung muss, von der Kita an, kostenfrei sein. Und die Schule für alle — bis zur 10. Klasse.

Simon Rock (Grüne) beantwortet als erster die Frage nach der Sterbehilfe: „Das muss jeder Mensch für sich persönlich entscheiden“ – er selbst sagt Ja: „Aber ich kann jeden verstehen, der zu einer anderen Abwägung kommt.“ In dieser Runde ganz deutlich anders Volkmar Klein („Diese Entscheidung steht uns nicht zu“) und Hermann Siebdrat („Als Christen können wir das nicht gutheißen“).

Dr. Andreas Appelt (AfD) auf die Frage, warum die AfD sich die D-Mark zurückwünscht: „Deutschland hat damals besser da gestanden.“ „Richtig“, raunt es aus dem Saal. Etwas rätselhaft Appelts Nachsatz, einmal zu „sehen, was sich in England ergibt“.

Gretchenfragen

Die Frage, wie sie’s mit der Religion und der Kirche halten, drängt sich auf. Hermann Siebdrat berichtet von seiner Zugehörigkeit zu einer freien evangelischen Gemeinde in Siegen, Volkmar Klein von seiner Aufgabe als Sprecher des Gebetsfrühstückkreises der Bundestagsabgeordneten. Dr. Andreas Appelt berichtet, dass er vor 40 Jahren in der DDR aus der Kirche ausgetreten ist. Kirche, sagt er, möge sich auf Seelsorge und Diakonie beschränken. Sylvia Gabelmann widerspricht und weiß sich einig mit Heiko Becker und Simon Rock: „Natürlich hat Kirche auch eine politische Verantwortung.“

>>>> INFO: Radikal von links und rechts

Einmal geraten die Fraktionen aneinander: Als Simon Rock über Rechtsradikalismus spricht, fragt Dr. Andreas Appelt nach dem Radikalismus von links. Volkmar Klein pflichtet mit Verweis auf G 20 in Hamburg bei und bringt den Islamismus ein, dem auch deutsche Kinder aus nicht-migrantischen Elternhäusern verfallen: „Ich bin ratlos.“

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