Hilfestelle

Ärztliche Beratungsstelle: Mehr Fälle von Kindesmisshandlung

Die Beratungsstelle ist an der Kinderklinik angesiedelt

Die Beratungsstelle ist an der Kinderklinik angesiedelt

Foto: Hans Blossey

Siegen-Wittgenstein.  174 Anfragen haben die Ärztliche Beratungsstelle gegen Vernachlässigung und Misshandlung an der DRK-Kinderklinik Siegen im Jahr 2018 erreicht.

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174 Anfragen von Kindern, Jugendlichen und Eltern haben im Jahr 2018 die Ärztliche Beratungsstelle gegen Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern und Jugendlichen erreicht. Darüber hinaus haben professionelle Helfer von Jugendämtern, Familienhilfeeinrichtungen, Schulen und Familientagesstätten 33 kollegiale Beratungen durch die Mitarbeiterin der Einrichtung an der Siegener Kinderklinik in Anspruch genommen.

Ausgangslage

Die Zahl der betreuten Familien hat gegenüber dem Vorjahr zugenommen – was auch zurückzuführen sei auf eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit, regelmäßige Fortbildungen und die gute Vernetzung mit anderen Institutionen der Jugendhilfe und der Justiz. Das frühe Erkennen von körperlichen und psychischen Anzeichen bei Kindeswohlgefährdung sei wichtige Voraussetzung für einen gelingenden Kinderschutz, so Antje Maaß-Quast von der Beratungsstelle. Um eine „Kultur des Hinsehens“ zu fördern und Lehrkräfte, Erziehern und sozialpädagogische Fachkräfte zu stützen, wurden entsprechende Fortbildungen angeboten. Maaß-Quast unterrichtet auch an Berufskollegs und in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege-Ausbildung. Die Vernetzung mit anderen Institutionen wird stetig ausgebaut.

Die Zahlen

Herkunft: Die Familien mit Beratungsbedarf kamen überwiegend aus Siegen (40 Prozent, 37 Prozent im Vorjahr) und dem Kreisgebiet (39 Prozent). Zusammen sind 79 Prozent der Fälle (Vorjahr 76 %) aus Siegen-Wittgenstein, die weiteren Fälle kommen aus dem Kreis Olpe, Hessen und Rheinland-Pfalz.

Geschlecht: 104 Beratungsanfragen bezogen sich auf Mädchen und junge Frauen (60 Prozent), 70 auf Jungen. Größere Unterschiede bei den Geschlechtern zeigten sich im Bereich unter 3-jähriger Kinder: Hier sind deutlich mehr Jungen betroffen. Im Feld der 3- bis 6-Jährigen nähern sich die Fallzahlen betroffener Jungen und Mädchen an, ab dem Grundschulalter dominieren die Anmeldungen der Mädchen. Dabei war mit Abstand (56,7 %) der Verdacht auf sexuelle Misshandlung an erster Stelle. Bei den Jungen ging es vorwiegend um emotionale Misshandlung oder Miterleben häuslicher Gewalt (67 %), gefolgt vom Verdacht auf körperliche Misshandlung (46 %). Verdacht auf sexuellen Missbrauch wurde in 27 % der Anmeldungen bei den Jungen genannt.

Misshandlung: Der Anteil der Misshandlungssyndrome (sexueller Missbrauch, Kindesmisshandlung, Vernachlässigung) betrug 94 Prozent (2017: 80 %). Bei über einem Drittel (34,2 %) – wesentlich häufiger als 2017 (10 %) – wurden häusliche Gewalt sowie emotionale Misshandlung genannt. Vernachlässigung wurde in 8,2 Prozent der Fälle genannt. Beratung für sexuell übergriffige Kinder oder Jugendliche war in sieben Fällen der Anmeldegrund.

Diagnose: In 85 Fällen war die Diagnose der Verdacht oder gesicherte Tatbestand eines sexuellen Missbrauchs (2017: 65). Bei 38 Fällen wurde der Verdacht bestätigt

(44,7 %), bei acht Fällen weder bestätigt noch ausgeräumt (9,4 %). In 39 Fällen (45,9 %) konnte der Missbrauchsverdacht ausgeräumt und eine andere Problematik diagnostiziert werden. In 76 Fällen mit körperlicher Misshandlung bestätigte sich bei 58 Kindern die Diagnose. Bei drei Meldungen blieb der Verdacht, 15 wurden nicht bestätigt.

Häusliche Gewalt: Sie mitzuerleben wird als emotionale Misshandlung verstanden. Bei 90 Kindern wurde der Verdacht bestätigt, bei sechs Kindern blieb ein Verdacht bestehen, in acht Fällen bestätigte sich der Verdacht nicht.

Vernachlässigung: Diese Verdachtsmoment wurde in aller Regel zusammen mit anderen genannt, etwa sexuellem Missbrauch oder körperlicher Misshandlung. In allen 26 Fällen wurde der Verdacht auf Vernachlässigung bestätigt.

Herausforderungen

„Viele Kategorien wie Erziehungsschwierigkeiten oder Familienprobleme decken eine hohe Bandbreite unterschiedlicher Problemfelder ab“, sagt Antje Maaß-Quast. In den letzten Jahren seien Themen wie Kinder als Zeugen von Gewalt, familiäre Belastungen durch Drogen, Alkohol oder psychische Erkrankung eines Elternteils und zuletzt zunehmend eskalierte Trennungskonflikte hinzugekommen, so die Kinder- und Jugendlichentherapeutin. Diese weiteren Diagnosen dienen entweder als Anlass, Beratung aufzusuchen oder, weitaus häufiger, sie treten als Grundkonflikt hinter der vermuteten oder bekannten Misshandlung hervor. „Deutlich wird, dass Misshandlungssyndrome nicht isoliert betrachtet werden können“, so Maaß-Quast. Viele begleitende Schwierigkeiten seien entweder direkte Folge des Misshandlungskontexts oder Ausdruck genereller Belastung sowie mangelnder Ressourcen in den Familien. Eine fundierte Beratung oder therapeutische Begleitung müsse zwingend auch auf diese anderen Symptome eingehen.

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