Theater

Apollo bietet den Fridays for Future in Siegen eine Bühne

Das Stück „Ich atme gerne Sauerstoff“, innerhalb des Apollo-Sommer-Camps 2019 entstanden, hat am Freitag, 18. Oktober, Premiere.

Das Stück „Ich atme gerne Sauerstoff“, innerhalb des Apollo-Sommer-Camps 2019 entstanden, hat am Freitag, 18. Oktober, Premiere.

Foto: Florian Adam

Siegen.  Das Stück „Ich atme gerne Sauerstoff“, entstanden im Apollo-Sommer-Camp, greift die Themen der Fridays for Future-Bewegung auf.

Das Thema lag auf der Straße, sogar direkt vor dem Haus. Wesentliche Teile der Fridays for Future-Demos spielten sich in Siegen auf dem Scheinerplatz ab, und das Apollo-Theater unterstützte das Engagement der jungen Menschen nicht nur, sondern machte es auch zum Thema seines dritten Sommer-Camps für Jugendliche. Das Stück, „Ich atme gerne Sauerstoff“, hat am Freitag Premiere. Eine der Figuren: Schillers Jungfrau von Orleans.

Die Entstehung

„Die Haltung junger Menschen zu Klimafragen ist ein Thema, dass sich durch die Welt da draußen aufgedrängt hat“, sagt Werner Hahn, Leiter der Sparte Jungs Apollo (JAp). Er hat „Ich atme gerne Sauerstoff“ basierend auf dem Austausch mit Jugendlichen verfasst und etwas selbst für ihn Neues erlebt, wie er betont: „Ich habe jetzt um die 100 Stücke geschrieben. Aber es war das erste Mal, dass ich bei Beginn nicht fertig war.“ Es liege an der Besonderheit des Themas, an der Besonderheit und der Dynamik dieser Jugendbewegung. „Der Kampf um Klimagerechtigkeit entwickelt sich so schnell, dass wir noch während der Proben weitergeschrieben haben. Denn was Sie heute fertig haben, ist morgen vielleicht schon für den Müll.“

Das Ensemble

Rund 20 Jugendliche sind im Sommer-Camp-Team. In den Sommerferien arbeiteten sie zwei Wochen lang intensiv am Stück, doch schon im Vorfeld hatte Werner Hahn zu einigen Kontakt und entwickelte davon ausgehend Konzept und Skript. Etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kannte er bereits aus dem vorherigen Sommer-Camp; einzelne, die er über andere Projekte kennenlernte, sprach er gezielt an. „Wir wussten also: Wir haben eine gute Basis“, sagt der JAp-Leiter. Nach den Ferien fand sich die Truppe wieder zusammen und probt nun intensiv für die Aufführungen. Werner Hahn hört seinem Ensemble zu, diskutiert, greift Einwände und Vorschläge auf. „Ich finde es super, dass wir uns einbringen können, dass man ernst genommen wird“, sagt Elisabeth Drößler. Die 16-Jährige war eine der ersten, die sich zu Wort meldete, als ihr etwas an ihrem Text nicht passte, eine Äußerung ihrer Figur ihr überzogen erschien. Es wurde verändert – weil das JAp eben seiner Zielsetzung nach keine Einrichtung ist, die etwas über junge Leute macht, sondern mit ihnen.

Der Inhalt

„Ich atme gerne Sauerstoff“ verknüpft mehrere Ebenen und Erzählstränge miteinander. Es gibt die jungen Klimaschutzaktivisten, angeführt von Isa. Es gibt eine Gruppe von Mädchen, die das erste Mal alleine in den Urlaub nach Mallorca fliegen möchten und darüber in Streit geraten – weil die einen an Freizeitspaß denken, die anderen unter Klimaschutzgesichtspunkten mit dem Plan hadern. Da sind jugendliche Hacker, die feststellen, dass sie mit Schmutzkampagnen und initiierten Shitstorms schnell Geld verdienen können. Es gibt einen Politiker – gespielt von Karsten Burkardt, übrigens der einzige Erwachsene auf der Bühne – der von der Wirtschaft geschmiert und deswegen bloßgestellt wird. Und es gibt Jeanne D’Arc.

Die Jungfrau von Orleans

Die Einbindung von Jeanne D’Arc sei „eine sehr schräge Ebene“, sagt Werner Hahn. Der Grund sei, dass Greta Thunberg, Galionsfigur der weltweiten Fridays for Future-Bewegung, etwa seit Ostern immer wieder mit der französischen Nationalheldin verglichen werde, die im frühen 15. Jahrhundert den französischen König und das Militär mobilisierte, um die englischen Besatzer zu vertreiben. In „Ich atme gerne Sauerstoff“ tritt sie auf einer Traumebene als innere Stimme der Aktivistin Isa auf und greift so in die Handlung ein. Ihr Text entstammt – wie der ihres dreiköpfigen Chores – Schillers „Die Jungfrau von Orleans“. Die klassischen Zeilen sind bei theoretischer Betrachtung vielleicht nicht die Ergänzung, die sich für das bewusst in aktueller Sprache gehaltene Stück aufdrängt. In der Praxis, wenn das Schiller-Quartett auf der Bühne agiert, sieht die Sache anders aus. Es sei „anders als in der Schule“, erklärt die 18-jährige Eleni Giotitsas, die Jeanne D’Arc spielt. „Mit der Zeit bin ich immer stärker hineingewachsen, je mehr ich mich mit diesen Texten und der Figur befasst habe.“ Dies sei der Grund, wieso die jungen Akteurinnen und Akteure die mehr als 200 Jahre alten Zeilen zeitgemäß ins Stück integrieren können.

Die Auflösung

Spoileralarm: Eine Auflösung gibt es nicht. Die Figuren und Gruppen sind durch Überschneidungen und Berührungspunkte so eng verbunden, dass letztlich „alle ins Wanken geraten“, sagt Werner Hahn. „Die Vernetzung ist so dicht, dass man in diesem Netz erstickt.“ Das Ende ist offen – doch genau das passt, weil das reale Vorbild, der Kampf für den Klimaschutz, auch noch lange kein Ende hat. Ein Twist ermöglicht es dem Ensemble, eine passende weitere Ebene zu erschließen: Am Schluss öffnen sie das Stück in den realen Zuschauerraum, beginnen mit dem Publikum eine Diskussion. Ob und wie das funktionieren wird, wird sich bei jeder Aufführung aufs Neue zeigen. „Ein Stück kann man einstudieren“, sagt Werner Hahn. „Eine Diskussion nicht.“

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