Siegen. „Warum stehen da Schuhe?“, fragen viele am Freitag in der Siegener City. Viele „stolpern“ über die Aktion am „Orange Day“. Der Grund ist grausam.

Als Gabriele Fleschenberg bei strahlendem Herbstwetter auf ihrer Terrasse Damenschuhe orangefarben anmalte, wurde ihr bewusst, wie gut es ihr geht, „wie privilegiert ich bin“, sagt die Projektbeauftragte für den „Orange Day“ des Soroptimist-Club Siegen. „Mir ist richtig schlecht geworden.“ 139 Paar Schuhe sollten es werden, weil im Jahr 2020, im Corona-Jahr, 139 Frauen in Deutschland, quer durch alle Milieus und Schichten, von ihren Partnern, Lebensgefährten, Ehemännern umgebracht wurden. Meistens im eigenen Zuhause.

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Über die 139 Paar orangefarbener Schuhe auf der Siegbrücke – allesamt gespendet von den Siegerländer Sozialkaufhäusern – kann man durchaus stolpern an diesem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am Freitag, 25 November. „Warum stehen da Schuhe?“, fragen viele, vor allem Frauen, aber nicht nur. Und wer nicht über die Aktion des Soroptimist-Aktion stolpert, bleibt wenige Meter weiter auf der Bahnhofstraße hängen, beim Zonta Club Siegen Area: „Kein Platz für Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ steht auf der orangefarbenen Bank, die bis Mitte Dezember dort stehen bleiben soll. Orange soll die Hoffnung symbolisieren, eine Zukunft ohne Gewalt gegen Frauen, weltweit eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen.

In diesem Jahr wird in Siegen nicht orange angestrahlt – Aktion geht auf die Straße

Seit vielen Jahren schon engagieren sich die beiden Clubs gemeinsam an diesem weltweiten Aktionstag, teilten das Siegerland gewissermaßen unter sich auf, um in der Fläche Präsenz zu zeigen – mit Beleuchtung. Nikolaikirche oder Wilhelmsburg wurden orange angestrahlt – in der Energiekrise wollen sie kein schlechtes Beispiel geben, verzichten auf Beleuchtung, überlegten sich neue Aktionsformen. Ein Filmabend im Viktoria-Theater bestärkte die Frauen in ihrem Anliegen: „Unglaubliches Leid“ sei dort gezeigt worden, sagt Gabriele Fleschenberg. Jeden dritten Tag sterbe eine Frau von der Hand ihres Mannes, nur in Deutschland, nur die bekannten Fälle. Die jahre- und jahrzehntelangen grausamen Misshandlungen, die sie vor ihrem Tod erdulden mussten – und oft auch ihre Kinder – lassen sich kaum beziffern. Dagegen etwas tun zu können, treibt die Frauen an.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Zonta Club Siegen und Soroptimist Club Siegen mit Aktionen zum Orange Day
Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Zonta Club Siegen und Soroptimist Club Siegen mit Aktionen zum Orange Day © Hendrik Schulz

Denn es gibt die Frauen, die sich vor Ort an den Zonta Club Siegen Area oder den Soroptimist Club Siegen wenden, die eine Gelegenheit nutzen können, aus dem Gefängnis in den eigenen vier Wänden kurz zu entfliehen, um Hilfe bitten können. Ihnen können sie dann auch helfen, dafür wollen sie Präsenz zeigen, „das ist erfüllend und sinnstiftend“, sagt Gabriele Fleschenberg, genauso wie das Gefühl, Teil einer solchen, weltumspannenden Aktion zu sein.

Breites Netzwerk um Zonta Club Siegen Area und Soroptimist Club Siegen

Allein in Siegen sind dabei die beiden Frauen-Clubs, Vertreterinnen des Runden Tischs gegen Gewalt, der Verein Frauen helfen Frauen, der eine Beratungsstelle und das chronisch unterfinanzierte und viel zu kleine Frauenhaus betreibt. Sie alle – und noch viel mehr – identifizieren Gewalt gegen Frauen als ein gesellschaftliches Kernproblem, fordern in einem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz die im Koalitionsvertrag vereinbarte Umsetzung der Istanbul-Konvention, mit deren Hilfe häusliche und Gewalt gegen Frauen verhindert und bekämpft werden sollen.

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Der Handlungsbedarf ist da: Jede Stunde werden nach aktuellen Zahlen des Zonta Club 13 Frauen Opfer von Gewalt in Partnerschaften. Und alle drei Tage stirbt eine Frau.