Wald

Baumkletterer mit Motorsäge: Ihr Job ist die Höhe

Rene Kassler an der Birke, die stückweise zu fällen ist. Der ausgebildete Kletterer kann in luftiger Höhe und auf engstem Raum agieren.

Foto: Florian Adam

Rene Kassler an der Birke, die stückweise zu fällen ist. Der ausgebildete Kletterer kann in luftiger Höhe und auf engstem Raum agieren. Foto: Florian Adam

Siegen.   Wenn Baumpflege nur von oben funktioniert, arbeitet die Forstabteilung mit Spezialfirmen zusammen.

Nummer 116 ist eine Birke. Kein ganz einfacher Fall: Der Stammfuß ist faul, und weil der Baum „Am Rothenberg“ in der Dreisbach in unmittelbarer Nähe eines Hauses steht, muss er gefällt werden. Für das Standardvorgehen ist es am bewaldeten Hang aber zu eng. Die Baumkletterer müssen ran.

Nach oben

Etwa zehn Minuten hat Rene Kassler benötigt, um in die Krone der Birke zu gelangen. Der Baumpfleger von der Firma Stamm und Ast aus Hamm ist mit Seilen gesichert, am Gürtel hängen diverse Werkzeuge und die Motorsäge. Die Birke wird fallen – aber nicht am Stück, sondern in einzelnen Stücken.

„Mit der Seilklettertechnik können wir auf engstem Raum agieren und auch schwere Lasten sicher ablassen“, sagt Cedric Drees von Stamm und Ast. Aus Sicherheitsgründen müssen immer zwei Mitarbeiter vor Ort sein – einer am Baum, einer am Boden. Das Unternehmen ist einer der Betriebe, mit denen die Forstabteilung zusammenarbeitet, wenn besondere Baumpflegemaßnahmen erforderlich werden. Für die diversen Aufgaben, die es zu bewältigen gibt, kommen verschiedene Experten zum Einsatz: Denn für jeden Baum wird individuell festgelegt, was zu tun ist.

Vorneweg

Die Baumkronen in dem kleinen Waldabschnitt an der Straße sind dicht, die neongrüne „116“ am Stamm der Birke leuchtet in ihrem Schatten. Auch auf andere Stämme sind Zahlen gesprüht. Sie zeigen nicht nur Handlungsbedarf an, sie verweisen auch auf eine detaillierte Liste, in der für jede Nummer das weitere Vorgehen festgehalten ist.

„Wir müssen Bäume auf Verkehrssicherheit prüfen“, sagt Markus Schmidt von der Siegener Forstabteilung. Nicht alle Bäume in den städtischen Wäldern – nur diejenigen an Straßen, Wohnbebauung und ausgewiesenen Wanderwegen. Aber allein das sind naturgemäß schon eine Menge. „Wir kontrollieren etwa 100 Kilometer Strecke, immer eine Baumlänge in den Wald hinein“, erläutert Schmidt. Die Bestände sind in drei Blocks eingeteilt, die Überprüfung dauert jeweils ein bis zwei Monate. Nach 18 Monaten erfolgt die nächste Runde, „damit wir jeden Baum einmal belaubt und einmal unbelaubt sehen können“. Gibt es einen Schaden, der ein Eingreifen erfordert, sprühen die Forstmitarbeiter eine Zahl auf den Stamm und legen dann eine maßgeschneiderte Lösung fest.

Bei etwa ein bis zwei Prozent der Bäume pro Durchgang sei das notwendig. Das muss aber keineswegs immer auf Fällung hinauslaufen, wie Schmidt betont. Meist gehe es um so genannte Totholzentnahme also die Entfernung abgestorbener Äste. In der fertigen Liste sei schließlich nicht nur die Maßnahme aufgeführt, sondern auch die Firma, die den Job übernimmt – sofern die Forstabteilung sich nicht selbst kümmern kann – und eine Priorisierung mit Zeitangabe. Die Birke 116 zum Beispiel hat Priorität 1: zu erledigen binnen 14 Tagen.

Langsam runter

Rene Kassler arbeitet sich von oben nach unten vor. Die Birke mit dem faulenden Stamm ist mit der gesunden Eiche nebenan verwachsen. Würde der Stamm einfach kurz über dem Boden durchgesägt, würde sie deshalb vermutlich nicht einmal umfallen. Darum geht es in Etappen abwärts, Stück für Stück.

Der Einsatz als Baumkletterer ist kein Standardprogramm. Die Baumpfleger, die unter anderem Buchen, Birken und Eichen aufs Dach steigen dürfen, haben eine Zusatzausbildung. An deren Beginn dürfen sie zunächst nur mit einer Handsäge in luftiger Höhe arbeiten. Nur wer 300 Stunden Erfahrung damit vorweisen kann, darf sich zum Fortgeschrittenenkurs anmelden, um anschließend jenseits des Erdbodens die Motorsäge zu nutzen. „Ich habe in meiner Ausbildung gesehen, wie ausgebildete Kletterer die Bäume gepflegt haben“, sagt Cedric Drees. Privat machte er Bergsport, er sah also die Chance, „das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden“. Er griff zu: „Ich habe meinen Traumberuf gefunden.“

Nummer 116 war eine Birke. Rene Kassler ist wieder auf dem Boden, packt die Sicherungsseile zusammen. Doch die Liste ist noch lang.

>>>>Info

Je nach Areal kümmern sich Forstabteilung oder Gründflächenabteilung um Baumpflege.

Dabei gelten etwa in Parks andere Vorgaben als im Wald. Mitten im Wald sind solche Maßnahmen in der Regel nicht erforderlich. Einerseits bewegen Spaziergänger sich meist nicht quer durchs Unterholz, andererseits ist dort mit so genannten waldtypischen Gefahren zu rechnen.

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