Wirtschaft

Beim Anlagenbauer SMS trifft Tradition auf Moderne

Für Weber Metals  in Paramount (USA) hat SMS gerade die mit 54 000 Tonnen Kraft größte Privatpresse der Welt gebaut. Weber Metals ist ein Tochterunternehmen der Otto Fuchs Gruppe aus Meinerzhagen.

Für Weber Metals in Paramount (USA) hat SMS gerade die mit 54 000 Tonnen Kraft größte Privatpresse der Welt gebaut. Weber Metals ist ein Tochterunternehmen der Otto Fuchs Gruppe aus Meinerzhagen.

Foto: SMS

Hilchenbach/Düsseldorf.   Der Weltmarktführer für Metallanlagenbau aus dem Siegerland möchte einerseits konservativ bleiben und wird andererseits immer hipper.

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„Urban Gold“ klingt verheißungsvoll, beinahe nach Abenteuer und so gar nicht nach einem Maschinenbaukonzern mit einer „erzkonservativen Bilanz“, wie Torsten Heising gestern beim Jahresgespräch der SMS Gruppe betonte.

Goldgräberlaune dürfte beim Finanzchef des Weltmarktführers für metallurgischen Anlagenbau mit Wurzeln in Hilchenbach im Siegerland in den letzten Jahren kaum vorgeherrscht haben. Überkapazitäten am Stahlmarkt und immer wieder geopolitische Verwerfungen hatten zuletzt die Auftragsbestände bis unter die Drei-Milliarden-Grenze schmelzen lassen. Zu besten Zeiten im Jahr 2009 lag die Summe der Bestellungen beinahe doppelt so hoch.

Druck macht beweglich

Der Druck, dem SMS ausgesetzt war und ist, macht aber offenbar besonders beweglich. Man hat neue Geschäftsfelder gefunden. „Digitales ist nicht gerade unser Kerngeschäft gewesen, aber wir kommen an den Themen gar nicht vorbei“, sagt der SMS-Vorstandsvorsitzende Burkhard Dahmen. Und vergisst – wie Finanzchef Heising – trotzdem nicht, noch flott das Wörtchen konservativ mit Maschinenbau zu verknüpfen.

Das Unternehmen bemüht sich, Tradition und Moderne immer stärker zu vernetzen. Der 3-D-Druck mit Metallpulver aus eigenem Hause, das wasserfreie Kühlmittel Iltec, das in den Anlagen von SMS für mehr Arbeitssicherheit und weniger Verschleiß sorgt, oder eben die komplexe Anlage „Urban Gold“, die in der Lage ist, verschiedenste Metalle aus massenweise anfallendem Elektroschrott fein zu trennen und als wertvollen Rohstoff auszuspucken, sind noch naheliegende Innovationen des Technologieführers.

Das Stahlwerk „Big River Steel“ in den USA spiegelt wohl noch mehr den Aufbruch in eine neue, digitale Welt wider. Das riesige vollvernetzte Werk, für das SMS wesentliche Komponenten geliefert hat, läuft quasi von allein.

Dass das Unternehmen an diesem Tag in eine Eventstätte einer alten Seifenfabrik eingeladen hat, gehört ebenfalls zur Inszenierung als moderner Hightechkonzern. In der zweiten Etage des Backsteinbaus im Areal Schwanenhöfe im Düsseldorfer Stadtteil Flingern sitzen seit 2015 die Freigeister des Konzerns. Gut ein Dutzend Softwareentwickler, Datenanalysten und Digitalspezialisten sind das Start-up „SMS Digital“. „Wir haben bewusst hierher eingeladen, um zu zeigen, dass wir neue Wege gehen – und Erfolge damit haben“, sagt der Vorstandsvorsitzende Dahmen. Das Digitalteam ist heute marktfähig, hat gerade das intelligente Managementsystem „Smart Alarm“ zur Überwachungen von Industrieproduktionen entwickelt und bereits Abnehmer gefunden.

Seit diesem Jahr ist die SMS-Führungsetage um die Bremer Professorin Katja Windt als Digitalvorstand erweitert worden, um die neuen Themen voran zu treiben. Und jüngst war man auf der Entwicklerkonferenz der Gamescom in Köln vertreten – und hat sich ein Talente aus der Spielebranche für die Industriewelt geangelt.

Größte Umsätze mit Kerngeschäft

Die großen Umsätze macht SMS tatsächlich noch mit dem Kerngeschäft. Wegen der stagnierenden Nachfrage nach neuen Anlagen nimmt in diesem Bereich das Thema Modernisierung und weltweiter Service eine zunehmend tragende Rolle ein. Dies spiegelt sich auch in der Verteilung der Mitarbeiter wider. Während bis 2020 in Deutschland die Zahl weiter sinken werde, steige sie weltweit an, erklärt Finanzchef Heising.

Insgesamt 500 Jobs sollen in Deutschland abgebaut werden. Ein Großteil am Standort Hilchenbach, wo ein Zukunftssicherungstarif vereinbart wurde, außerdem in Düsseldorf. 300 Beschäftigte sind bereits ausgeschieden, für 200 werde weiter an Lösungen über Fluktuation und Altersteilzeit gearbeitet. Dass dem Sicherungstarif, der allen Beschäftigten Einiges abverlangt, 86 Prozent der Belegschaft zugestimmt haben, werten die Chefs als ausgesprochen gutes Zeichen. Erst ab 2022 werden die Mitarbeiter wieder ins Tarifgefüge zurückkehren, vorher bleiben sie auf Null-Entgelt-Diät bei zwei Wochenstunden Mehrarbeit. Auch der Vorstand leiste seinen finanziellen Beitrag, beteuern Dahmen und Heising, die am Standort Hilchenbach wie versprochen in Zukunftsthemen investieren wollen, etwa in 3-D-Druckverfahren.

Ausgesprochen erfolgreich ist die SMS-Logistiktochter Amova mit Sitz in Netphen. Wenn alles nach Plan läuft, wird Amova Ende dieses Jahres ein Pilotprojekt in Dubai beginnen. „Wir können groß und schwer“, sagt Dahmen. Also übertragen sie in Zukunft ihr Know-how bei Hochregallagertechnik auf Container-Terminals und wollen den Bereich Hafenlogistik mit deutlich effizienteren Lösungen erobern als sie derzeit in den Welthäfen von Hamburg bis Shanghai zu finden sind.

Ganz rund läuft es für SMS im Nahen Osten dennoch nicht. Das Irangeschäft ist so gut wie komplett auf Eis gelegt. Hintergrund sind die US-Sanktionen. SMS hat in Pittsburg einen Standort mit rund eintausend Mitarbeitern und der Trumpsche Protektionismus hat dem Konzern tatsächlich eine kleine Sonderkonjunktur verpasst: „Die Stahlpreise in den USA sind gestiegen. Diese Situation hat uns neue Aufträge beschert“, erklärt Dahmen den Ausstieg aus dem Iran. „Dennoch sind wir klar für freien Welthandel und gegen Sanktionen“, betont der Vorstandsvorsitzende. Das wäre sicher auch für „Urban Gold“ hilfreich, schließlich haben Russen die erste Anlage bestellt.

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