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Pflege im Demenzheim: „Obwohl du BVB-Fan bist, mag ich dich“

| Lesedauer: 10 Minuten
Edwin und den Bundesfreiwilligen Ensar Aydemir (von links) verbindet die Liebe zum Fußball und zu Autos. Darüber können sie ewig im Haus St. Anna in Netphen sprechen.

Edwin und den Bundesfreiwilligen Ensar Aydemir (von links) verbindet die Liebe zum Fußball und zu Autos. Darüber können sie ewig im Haus St. Anna in Netphen sprechen.

Foto: Ina Carolin Pfau / WP

Netphen.  Edwin (74) und Ensar Aydemir (18) können ewig über Fußball diskutieren. Zusammengebracht hat sie der Bundesfreiwilligendienst im Pflege-Heim.

Edwin und Ensar Aydemir verbindet die Liebe zum Fußball. Nur bei ihren Vereinen ist es eine Hassliebe – während Edwin großer Fan vom FC Schalke 04 ist, feuert Ensar Aydemir Borussia Dortmund an. „Obwohl du Dortmunder bist, mag ich dich sehr“, sagt Edwin A. (74) und Ensar Aydemir grinst. Der 18-Jährige leistet einen Bundesfreiwilligendienst im Demenzzentrum Haus St. Anna in Netphen. „Ich muss hier immer lächeln. Ich mag alle Bewohner“, sagt er. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Ensar Aydemir gefällt seine Arbeit so gut, dass er sich sogar eine Ausbildung im Pflegebereich vorstellen kann. Damit entscheidet er sich für eine Branche, die oft viel zu wenig Wertschätzung erfährt, obwohl sie es mehr als verdient hätte.

Netphen: Wie alles für Bufdi Ensar Aydemir anfing

„Ich wollte nicht Zuhause sitzen, sondern etwas Produktives tun“, sagt Ensar Aydemir. Eigentlich wäre er gerne Kfz-Mechatroniker geworden – doch zum diesjährigen Ausbildungsjahr fand er keine Ausbildungsstelle. Es sei kein Platz mehr freigewesen. Bekannte machten ihn auf das Demenzzentrum in Netphen aufmerksam. Da habe er sich gedacht: „Warum nicht? Ich kann doch mal reinschauen.“ Und Ensar Aydemir erzählt weiter: „Mein bester Freund arbeitet in der Pflege. Er hat mir vieles erzählt, wie es abläuft und wie es ist mit den Bewohnern.“ Ihm gefiel, was er hörte und so klopfte er beim Haus St. Anna an.

Nach einer Bewerbung und einem Bewerbungsgespräch mit Einrichtungsleiter Stephan Berres bekam er schnell die Zusage für den Bundesfreiwilligendienst. Seit 1. Oktober ist er nun „Bufdi“ – der zweite im Haus St. Anna überhaupt. „Ich habe erstmal alle Bewohner kennengelernt, damit ich weiß, wie sie drauf sind, was sie brachen und wobei sie Hilfe benötigen“, sagt Ensar Aydemir über seine ersten Tage im Demenzzentrum. Er reicht ihnen zum Beispiel Essen und Trinken an, wenn es nötig ist. Bereits nach rund einem Monat überlegt der Kreuztaler, ob eine Ausbildung in der Pflege etwas für ihn ist. Da ginge es viel mehr um Pflege als bei seinem Bundesfreiwilligendienst, betont er.

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Immer häufiger schaut er bei den pflegerischen Tätigkeiten im Haus St. Anna zu und kann irgendwann mitanpacken. Er hilft zum Beispiel dabei mit, Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Bett zu holen und ihnen ihre Kleidung anzuziehen. Der ein oder andere hätte Berührungsängste – Ensar Aydemir überhaupt nicht. „Bei Bekannten ist es schwieriger zu helfen“, sagt er. Bei den Seniorinnen und Senioren im Demenzzentrum falle das leichter.

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Jeden Morgen begrüßt Ensar Aydemir die Bewohnerinnen und Bewohner mit einem „Guten Morgen“, fragt, wie sie geschlafen haben. Danach hilft er bei der Pflege. „Mit einem nassen Waschlappen wische ich ihnen übers Gesicht – damit man den Schlaf aus den Augen bekommt“, erzählt er. Irgendwann werden schließlich die Schlafsachen aus- und die normale Kleidung angezogen.

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Bei Pullovern gebe es einen einfachen Trick: „Man zieht ihn über den Kopf, geht durch die Ärmel rein und kann dann ganz leicht die Hand packen und rausziehen“, sagt Ensar Aydemir. Natürlich alles mit dem nötigen Feingefühl – nach ein bisschen Übung laufe das „wie Butter“. Am Anfang habe er auch vor den Bewohnerinnen und Bewohnern gestanden und gedacht: „Wie soll ich das machen?“ Doch die Pflegefachkräfte im Haus St. Anna sind ständig für ihn da und lassen ihn nie im Stich. „Hier ist alles Teamarbeit. Alleine ist das Ganze unmöglich.“

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Wenn die Bewohnerinnen und Bewohner am Frühstückstisch sitzen, schmiert Ensar Aydemir Brote, wenn es nötig ist. Die Seniorinnen und Senioren sollen so viel selber machen, wie sie können. „Alle Bewohner hier lieben ihren Kaffee“, erzählt Ensar Aydemir. „Den brauche ich morgens auch.“ Der Bufdi schaut regelmäßig zu, wenn die examinierten Fachkräfte die Medikamente für die Bewohnerinnen und Bewohner zusammenstellen. Ihm ist bewusst, welche Verantwortung damit einhergeht. Wenn er nach der Ausbildung als Examinierter einmal dafür zuständig ist, „werde ich alles dreifach und doppelt kontrollieren“, betont er.

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Als Bufdi leistet er den Seniorinnen und Senioren vor allem Gesellschaft, guckt mit Edwin A. und den anderen zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft. „Mit der Rikscha fahren wir im Sommer auch oft um den Block“, erzählt der 74-Jährige. Solche Ausflüge sind immer etwas Besonderes. Im Alltag begleitet Ensar Aydemir die Mahlzeiten. „Nach dem Mittagessen kommen die Bewohner meistens in eine innere Ruhe“, erzählt Ensar Aydemir. Am Nachmittag gibt’s Kaffee und Kuchen. „Darauf freuen sich die Bewohner am meisten.“ Kurz nach dem Kuchenessen hat der Bufdi Feierabend – um 8.30 Uhr legt er morgens los.

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Mit Edwin A. hat Ensar Aydemir auch schon Fußball an einem Aluminium-Tor im Außenbereich des Hauses St. Anna gespielt. Oder ihm das Deutschlandtrikot angezogen, als die deutsche Nationalelf bei der Fußball-WM spielte. „Da kamen viele andere Bewohnerinnen und Bewohner dazu. Wir saßen alle zusammen – mit Süßigkeiten“, erzählt Ensar Aydemir. So viel Zeit wird er in der Ausbildung für die Seniorinnen und Senioren vermutlich nicht mehr haben. Er hofft, dass er danach wieder die Chance dazu hat – in der Ausbildung will er sich aufs Lernen konzentrieren.

Manche Bewohnerinnen und Bewohner würden die Pflegefachkräfte auch schon mal mit ihrer Familie vergleichen. „Sie denken an ihre Kinder und sagen, dass man ihnen ähnelt und man ein wunderbarer Mensch ist“, erzählt Ensar Aydemir und lächelt. „Man muss Menschen lieben in diesem Job, sich mit ihnen verständigen können und sie verstehen.“ Immer wieder müsse man sich vor Augen halten, was man selber haben möchte, wenn man sich in der Situation der Bewohnerinnen und Bewohner befände.

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„Pflege ist unterbewertet. Viele trauen sich das nicht zu oder denken, dass der Job eklig ist. Ist er aber nicht“, betont Ensar Aydemir. Bei seinem Job als Bufdi macht ihm alles rund um die Pflege am meisten Spaß. „Genau in den Momenten baust du die meiste Bindung auf.“ Bei dieser Arbeit könne man sich auf eine Person fokussieren – „man lernt sie richtig kennen“. Natürlich gebe es auch mal Tage, die auch bei ihm nicht perfekt laufen würden – das ist so wie überall. Aber der Spaß an seiner Arbeit geht ihm nie verloren.

Auch so ein Teamgeist wie im Haus St. Anna sehe man nirgendwo anders. „Sobald du Hilfe brauchst, ist jeder sofort für dich da.“ Selbst die Bewohnerinnen und Bewohner wollen helfen, zum Beispiel beim Geschirr abtrocknen. „Da sagt man nicht Nein“, erzählt Ensar Aydemir und lacht. „Handtücher falten sie auch sehr gerne. Sie waren alle mal verheiratet und haben gearbeitet.“

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Das Haus St. Anna hat sich auf die Versorgung von Demenzerkrankten spezialisiert – damit gehen auch besondere Bedürfnisse und Anforderungen einher. „Am Anfang wird man schnell vergessen“, so Ensar Aydemir. Aber wenn man jeden Tag aufs Neue zu den Seniorinnen und Senioren komme, präge sich der Mensch ein. Wenn er dann mal frei habe und erst nach seinen freien Tagen wiederkomme, würden ihn Bewohnerinnen und Bewohner nicht selten fragen: „Wo warst du denn?“

Bufdi im Pflege-Heim: Wie die Zukunft für Ensar Aydemir aussieht

Jeden Morgen begibt sich der Kreuztaler mit dem Bus nach Netphen. „Ich habe hoffentlich meinen Führerschein bald fertig“, sagt Ensar Aydemir. Denn mit dem Bus ist es von Kreuztal bis nach Netphen eine ganz schöne Odyssee. Eine Ausbildung will er daher erst anfangen, wenn er mit dem Auto zum Haus St. Anna fahren kann. Der Bundesfreiwilligendienst kann auf sechs Monate verkürzt werden (siehe Box) – diese Möglichkeit will Ensar Aydemir dann gerne nutzen.

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Noch ist die Idee, eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker zu machen, allerdings nicht ganz aus seinem Kopf verschwunden. Aber über Autos kann er sich ja auch mit Edwin unterhalten. „Ich war früher Kfz-Meister im Ruhrgebiet“, erzählt der 74-Jährige. Nur kriegt man in diesem Beruf längst nicht so viel von den Menschen zurück wie in der Pflege. „In meinem Job hast du so viel Spaß“, sagt Ensar Aydemir. Schon allein, wenn er mit den Bewohnerinnen und Bewohnern über Fußball diskutieren kann. Nur vom FC Schalke 04 konnte Edwin den treuen BVB-Fan Ensar Aydemir noch nicht überzeugen: „Der läuft nicht über.“

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