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Claudia Michelsen liest im Siegener Lyz Marlene Dietrich

Schauspielerin Claudia Michelsen gastiert mit „Sag mir, wo die Blumen sind“ im Kulturhaus Lyz in Siegen.

Schauspielerin Claudia Michelsen gastiert mit „Sag mir, wo die Blumen sind“ im Kulturhaus Lyz in Siegen.

Foto: Wolfgang Leipold

Siegen.  Sie war der einzige deutsche Weltstar ihrer Zeit: Im Siegener Kulturhaus Lyz erinnert Claudia Michelsen an die große Marlene Dietrich.

Am Sonntagabend, 20. September, ermittelt sie noch als Kommissarin Doreen Brasch in der ARD-Serie „Polizeiruf 110“ und ist damit Gast in Millionen deutscher Wohnzimmer. Wie privilegiert mussten sich am Abend zuvor die gut 100 Besucher im Lyz vorgekommen sein, Claudia Michelsen exklusiv und ganz für sich allein gehabt zu haben. Mit einer Lesung beschreibt die vielfach preisgekrönte Film- und Fernsehdarstellerin das Leben Marlene Dietrichs, des einzigen aus Deutschland stammenden Weltstars der Filmgeschichte.

„Ich habe mich früher viel mit Marlene Dietrich beschäftigt“, sagt Claudia Michelsen, „doch dann ist sie mir abhanden gekommen.“ Mit ihrem Programm „Sag mir, wo die Blumen sind“ nimmt sie ihr Publikum auf eine gut 90-minütige Reise durch ein bewegtes Leben und kombiniert dabei drei Biografien: Die von Marlene Dietrich selbst, ganz allein und ohne Ghostwriter geschrieben, dazu die ihrer Tochter Maria und die des Regisseurs Josef von Sternberg, der sie 1930 mit dem Film „Der blaue Engel“ zum Star gemacht hatte und ihr die Türen der Filmstudios in Hollywood öffnete.

Marlene Dietrich: Immer schon einsam und traurig und kaum zählbare Affären

So erfahren die Zuhörer von Marlenes Kindheit in Berlin, ihrer vorzeitigen Einschulung, die sie immer zur Jüngsten machte und dadurch ein Grund ihrer schon damals ausgeprägten Einsamkeit und Traurigkeit wurde. Nur eine Lehrerin steht ihr bei: Eine Französin, die aber 1914 aus ihrem Blickfeld verschwand: Da beginnt mit dem 1. Weltkrieg der deutsche Einmarsch nach Frankreich, der die gesamte Bevölkerung in Jubel ausbrechen lässt. Ihre Jugend in Weimar, „der Stadt Goethes, meines Ideals“ empfindet Marlene Dietrich als die schönste Zeit ihres Lebens. Sie genießt die kulturellen Möglichkeiten der Stadt, die Opern- und Theaterbesuche: „Ein solches Übermaß an Freude sollte mir nie mehr vergönnt sein.“

Zurück in Berlin geht sie zur Max-Reinhard-Schauspielschule, bekommt eine kleine Filmrolle als Dame von Halbwelt und lernt dabei Rudolf Sieber kennen, der dann ihr zukünftiger Mann wird. Ihre Ehe hält über 50 Jahre, bis zum Tod Siebers 1976. Ihr Kind Maria bezeichnet sie als „unser ganzes Glück“. Doch eheliche Treue ist nicht ihre Stärke und ihre Affären sind kaum zu zählen. Der Schriftsteller Erich Maria Remarque, Gary Cooper, John F. Kennedy und Yul Brunner sollen ihre Liebhaber während ihrer Hollywood-Karriere gewesen sein. Und vor allem Jean Gabin, das filmische Raubein, den sie 1938 kennenlernte („die größte Liebe meines Lebens“), der sie dann aber verlässt – und das ist für sie eine neue Erfahrung.

Claudia Michelsen präsentiert in Siegen viel mehr als „nur“ Vorlesen

Vor allem für eine ihrer Lebensentscheidungen wird sie in Deutschland kritisiert: Dass sie in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs zur amerikanischen Armee geht („Ich wollte mithelfen, diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden“). 1960 kehrt sie nach Berlin zurück, ist aber als androgyner Star weltweit unterwegs, besitzt Wohnungen in Paris, ihrer Lieblingsstadt, und New York. Freunde sterben, trotz opulenter Gagen hat sie Geldnot, Einsamkeit plagt sie. Über ihr Ende mutmaßt sie: „Nach zwei Tagen bin ich vergessen.“

Im Mai 1992 stirbt Marlene Dietrich, 90-jährig und ziemlich allein. Dass sie nicht vergessen ist, ist auch ein Verdienst von Claudia Michelsen. Es ist nicht nur ihre kluge Auswahl von Texten, sondern die Art der Präsentation, die viel mehr als „nur“ Vorlesen ist. Sie lässt Kopfkino entstehen, indem sie in die Rolle der Dietrich schlüpft, mal zupackend-selbstbewusst liest, dann wieder ihre Stimme fast flüsternd einsetzt und keine Angst vor kleinen Pausen hat.

Besonders beeindruckt, wenn Claudia Michelsen die wütende Marlene zitiert, noch mehr aber die Verzweifelte, Resignierende, als es um das Wohl ihrer Tochter geht: „Kein Ruhm, kein Film ist wichtiger als die Entwicklung eines Kindes.“ Und nichts passt besser ans Ende dieses großen Abends als Marlene Dietrichs Lied „Sag mir, wo die Blumen sind.“

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