Tatorte

Der Fall Bruno Kappi – Totgetreten auf dem Weg zur Arbeit

Das Weidenauer Einkaufszentrum, Blick vom Kaufhaus Wagner Richtung Poststraße. Vor dem Kaufhaus wurde am 15. Dezember 1992 Bruno Kappi ermordet.

Foto: Florian Adam

Das Weidenauer Einkaufszentrum, Blick vom Kaufhaus Wagner Richtung Poststraße. Vor dem Kaufhaus wurde am 15. Dezember 1992 Bruno Kappi ermordet. Foto: Florian Adam

Weidenau.   Der 55-jährige Bruno Kappi begegnet im Weidenauer Einkaufszentrum seinen Mördern. Der Sehbehinderte wird wahrscheinlich Opfer rechter Gewalt.

WP-TATorte: Kriminalfälle, die uns bewegen Bruno Kappi hatte keine Chance. Der sehbehinderte 55-Jährige geht am 15. Dezember 1992 in den frühen Morgenstunden durch das Weidenauer Einkaufszentrum. Er ist auf dem Weg zur Arbeit, wird aber nie dort ankommen. Er wird angegriffen, geschlagen, zusammengetreten. Wegen seiner schweren Kopfverletzungen kann die Polizei das Opfer zunächst nicht identifizieren. Die Liste seiner Verletzungen wird später in den Gerichtsunterlagen eine halbe DIN A4-Seite füllen. Doch niemand wird verurteilt. Bis heute nicht.

Bruno Kappi war „ein einfacher Mann, der ein zurückgezogenes Leben führte“, sagt der Leiter der Mordkommission Hagen bei einem ersten Pressegespräch am Nachmittag. Kappi war unverheiratet, wohnte in Tatortnähe bei Verwandten, hatte einen Job als Lagerarbeiter. Er trug eine dicke Hornbrille, seine Behinderung war ihm anzumerken. Gerade das, davon sind viele überzeugt, wird ihm zum Verhängnis; denn ein Mensch mit Behinderung passte nicht in das Weltbild der Täter.

Ermittlungen führen in die Skinheadszene

Die Ermittlungen führen schnell in die Skinheadszene. Schon im Januar 1993 machen die Ermittler diesen Ansatz öffentlich. „Es ist die Art der Tatbegehung, die von Anfang an unseren Verdacht auch in diese Richtung lenkte“, teilt die Mordkommission mit. Die Verletzungen des Opfers lassen Rückschlüsse auf das Schuhwerk der Täter zu – eindeutig Springerstiefel, wie sie zur Standardausstattung von Skinheads zählen. Die Ermittlungen laufen. Privatpersonen setzen eine Belohnung von 5000 D-Mark für Hinweise aus.

Die Polizei stößt auf zwei junge Männer, 16 und 20 Jahre alt, die einer für ihre Gewaltbereitschaft bekannten Skinhead-Gruppe angehören. Zeugenaussagen hatten zu den Verdächtigen geführt, sie kommen in Untersuchungshaft. Der Prozess gegen beide beginnt im Januar 1994, doch der Hauptschüler und der Fleischerlehrling, der kurz vor dem Angriff auf Bruno Kappi seine Ausbildungsstelle verloren hatte, streiten die Tat ab.

Zeugen sprechen von brutaler Attacke

Belastet werden sie durch Zeugenaussagen, denen zufolge sie in ihrem Umfeld über die brutale Attacke sprachen, sich damit gebrüstet haben sollen. Verhandelt wird vor dem Jugendgericht. Die Staatsanwaltschaft sieht die Schuld als erwiesen an und beantragt Freiheitsstrafen von neun und acht Jahren.

Das Urteil folgt aber den Anträgen der Verteidigung: Zeugen zogen Aussagen zurück, äußerten sich widersprüchlich, außerdem fehlt es an Beweisen wie etwa Fingerabdrücken am Tatort. Es endet mit Freisprüchen. Das ist auch der Grund, wieso Bruno Kappi in offiziellen Statistiken nicht als Opfer rechtsradikaler Verbrechen auftaucht.

Die Frage nach den Tätern mag damit ungeklärt sein. Für Beobachter der rechten Szene steht aber unverändert der Hintergrund der Tat fest. „Es steht in einem größeren Zusammenhang“, sagt Torsten Thomas. Der 49-Jährige ist Sprecher der Kreisvereinigung Siegerland-Wittgenstein VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten).

Rechtsruck in den 1990ern

Anfang der 1990er Jahre gab es rechtsradikale Ausschreitungen und Brandanschläge in Hoyerswerda (September 1991), Rostock-Lichtenhagen (August 1992), Mölln (November 1992) und Solingen (Mai 1993). Insgesamt starben dabei acht Menschen, viele weitere wurden verletzt. „Das war damals eine ganz andere Stimmung“, erinnert sich Thomas an die Situation in Deutschland.

Die Verbindung des Mordes an Kappi zur Neonazi-Szene „war damals schon zu sehen“. Selbst in Siegen war es nicht der erste Fall mit diesem Hintergrund: Beispielsweise hatte es im Mai 1992 einen brutalen Überfall auf einen chinesischen Gastdozenten der Uni gegeben.

Auch die Zahl der Übergriffe auf Menschen mit Behinderungen nahm damals in Deutschland zu. Im Weltbild des Naziregimes galten Behinderte als „unwertes Leben“, die Neonazis griffen diesen Wahnsinn auf. Bruno Kappi war „ein ganz wehrloser Mensch“, sagt Thomas. Er wollte am 15. Dezember 1992 einfach nur zur Arbeit.

Mehr zum Thema
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik