Wissenschaft

Der Fall Bruno Lüdke – wie er zum Monster gemacht wurde

Kiste aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin mit diversen Materialien aus den 1940er und 1950er Jahren, die bis 1993 dazu dienten, Bruno Lüdke in der Ausstellung als Serienmörder darzustellen.

Kiste aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin mit diversen Materialien aus den 1940er und 1950er Jahren, die bis 1993 dazu dienten, Bruno Lüdke in der Ausstellung als Serienmörder darzustellen.

Foto: Uni Siegen

Siegen.   In ihrem Buch untersucht eine Forscherin der Uni Siegen wie Lüdke als vermeintlicher Serienmörder in die Mühlen von Medien und Justiz geriet.

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Das Böse übt seit jeher einen morbiden Zauber auf das Publikum aus. In der jungen Bundesrepublik ergötzten sich Leser und Kinogänger an der dämonischen Figur des vermeintlichen Massenmörders Bruno Lüdke.

Die Kultur- und Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Regener von der Uni Siegen und der Jenaer Historiker Dr. Axel Doßmann haben in einem Buch den Fall des Bruno Lüdke untersucht. Darin arbeiten sie die Geschichte dieses historischen Unrechts auf und entwerfen eine Mediengeschichte des Rassismus vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Medien prägen Mythos

Morde an mehr als 50 Frauen wurden Lüdke von der nationalsozialistischen Polizei und Justiz angelastet. In den 1950er Jahren trugen laut den Wissenschaftlern verschiedene Medien dazu bei, Lüdke zum Monster zu stilisieren. In Robert Siodmaks Spielfilm „Nachts, wenn der Teufel kam“ spielte Mario Adorf den vermeintlichen Massenmörder Lüdke. In Dokumentarfilmen, in Ausstellungen und im Internet ist der Mythos präsent geblieben. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass die gegen Bruno Lüdke erhobenen Vorwürfe nicht haltbar waren.

„Unser Ziel ist es zu zeigen, wie ein Mensch bei der Kripo und in den Medien ein böses Gesicht erhält“, sagt Susanne Regener. Neben einer wissenschaftlichen Analyse, bietet das Buch Abbildungen zahlreicher Dokumente zum Kriminalfall: von Tatortfotos, über Verhörprotokolle, Aktenblätter, bis hin zu einer Büste und einem Handabdruck Lüdkes. „Die Leserinnen und Lesern sollen sich selbst ein Bild machen können, unsere Deutungen konkret nachvollziehen können“, erklärt der Wissenschaftler Axel Doßmann.

Lüdke wurde zwangssterilisiert

Geboren wurde der Kutscher Bruno Lüdke 1908 in Cöpenick bei Berlin. Im Jahr 1940 wurde er auf Beschluss des „Erbgesundheitsgerichts“ zwangssterilisiert, die sozialrassistische Diagnose lautete „erblicher Schwachsinn“. Im Zuge einer Mordermittlung wurde Lüdke drei Jahre später verhaftet. In manipulativen Verhören gestand er angeblich 53 Mordfälle, die vornehmlich an Frauen seit 1924 im gesamten Reichsgebiet verübt worden waren. Mitte April 1944 wurde Bruno Lüdke im Wiener Kriminalmedizinischen Zentralinstitut durch ein Menschenexperiment ermordet.

Die Wissenschaftlerin erläutert zum Fall Lüdke: „Der Fall macht exemplarisch deutlich, wie verschiedene Medien ineinandergreifen und damit öffentlich wirksame Aussagen und Fake-News herstellen.“ Mit ihrem Buch möchten Regener und Doßmann historische Gerechtigkeit herstellen: Die Studie zeigt auf, dass die Schuldkonstruktion im Fall Lüdke dazu dienen sollte, ein sozialrassistisches Gesetz gegen die so genannten „Gemeinschaftsfremden“ zu installieren. Damit hätte im Nationalsozialismus die Verfolgung und Ermordung von kranken und unangepassten Deutschen juristisch legitimiert werden können.

Die Forscher zeigen in ihrem Buch, wie durch verschiedene mediale Transformationen der Mythos des Serienkillers ausgemalt wird. Beispielhaft werde dargestellt, wie rassistische Menschenbilder in unserer Gesellschaft entstehen. Seit dem 19. Jahrhundert werden Kategorien wie gut und böse, wissenschaftlich und populärkulturell verhandelt, die beispielhaft analysiert werden. Der Kriminalfall Bruno Lüdke sei dabei exemplarisch zu sehen für eine Gewaltgeschichte: Geistig behinderte Menschen und andere Außenseiter geraten heute noch unschuldig allzu leicht in die Mühlen von Strafverfolgung und Justiz.

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