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Diagnose Brustkrebs in der Schwangerschaft: Was tun?

Dr. med. Badrig Melekian ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit der Schwerpunktbezeichnung Gynäkologische Onkologie am St. Marien-Krankenhaus in Siegen. Er betreut auch Schwangere mit Krebs. Foto:Jennifer Wirth

Dr. med. Badrig Melekian ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit der Schwerpunktbezeichnung Gynäkologische Onkologie am St. Marien-Krankenhaus in Siegen. Er betreut auch Schwangere mit Krebs. Foto:Jennifer Wirth

Siegen.   Chefarzt Dr. Melekian von der Klinik für Gynäkologie am St. Marien-Krankenhaus in Siegen erklärt, welche Behandlungsformen es gibt.

Der Wunsch nach einer eigenen Familie ist bei manchen Menschen groß. Ein Baby zu haben, ist oft ein lang gehegter Traum. Glück, Überraschung, Unsicherheit, Besorgnis – der positive Schwangerschaftstest kann für ein Gefühlschaos sorgen. Vor allem aber für das Gefühl, den kleinen Menschen vor allem Bösen beschützen zu wollen. Der Mutterinstinkt ist geweckt, der Körper verändert sich. Dann der Schock. Plötzlich ist ein Knoten in der Brust. Untersuchungen zeigen: Es ist Krebs. In der Schwangerschaft. Ein Kampf um Leben und Tod beginnt. Was nun?

Betroffenheit

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung der Frau. „Rund 20 bis 30 Prozent der an Krebs erkrankten Frauen haben Brustkrebs“, sagt Dr. med. Badrig Melekian. Er ist Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Marien-Krankenhaus in Siegen. Meist seien es ältere Frauen, aber auch 20- bis 30-Jährige seien betroffen. Einige mit Kinderwunsch, andere bereits schwanger.

Pro Tag stellen sich in der Brustsprechstunde drei bis vier Personen mit Brustkrebs vor; etwa alle zwei Jahre behandelt Dr. Melekian eine Schwangere mit Krebs. So wie dieses Jahr. Das ist zwar verhältnismäßig selten, doch immer mit einer besonderen Brisanz verbunden. „Viele Patientinnen denken, sie müssen die Schwangerschaft abbrechen“, weiß der Experte. Doch das sei ein Trugschluss. „Wir müssen immer wieder aufklären, dass keine Abtreibung nötig ist.“ Es müsse immer individuell entschieden werden.

Angst und Hoffnung

Es sei wichtig, offen mit der werdenden Mama zu sprechen, die aktuelle Wissenslage abzubilden und – besonders wichtig – Mut zu machen. „Wir müssen Hoffnung geben“, sagt Badrig Melekian. Auch sei es nötig, die Frauen darin zu bestärken, die Therapie zu beginnen. „Manche wollen in der Schwangerschaft nicht einmal Aspirin schlucken.“ Die Frauen seien sehr vorsichtig und die Aussicht auf eine Chemotherapie mache ihnen große Angst.

Behandlung der Frau

Nach Ultraschall, Mammografie und einer Gewebeentnahme, die im Labor untersucht wird, steht fest, dass es Brustkrebs ist. „Dann beginnt die Behandlungskette“, sagt Badrig Melekian. In einer sogenannten Tumorkonferenz kommen Experten aus verschiedenen Abteilungen zusammen und besprechen den individuellen Behandlungsplan. Eine an Brustkrebs erkrankte Schwangere wird fast genauso behandelt, wie andere Frauen. „Es gibt wenig Unterschiede.“

Der erste Schritt ist die Operation mit Entfernung des Tumors. Meist könnten rund 80 Prozent der Brust dabei erhalten werden. „Theoretisch ist es möglich, dass gestillt wird.“ Allerdings erst nach der Chemotherapie, falls eine nötig sein sollte. Im zweiten Schritt folgt bei den meisten Betroffenen die Chemotherapie. Sie wird intravenös verabreicht. Die Medikamente werden in der Regel besser vertragen als noch vor einigen Jahren. Die Frauen seien nicht mehr so geschafft und müde. „Es gibt viele Daten darüber, dass die Chemo für das Kind ohne bekannte Nebenwirkungen ist.“ Allerdings sollte damit erst begonnen werden, wenn das erste Schwangerschaftstrimester geschafft ist. Denn in den ersten Monaten bilden sich die Organe des Babys aus und es gibt laut Melekian keine Daten darüber, ob die Chemo diese Entwicklung beeinflusst. Sollte im Anschluss noch eine Bestrahlung nötig sein, dann erfolgt diese nach der Entbindung. Zeitlich begrenzt und lokal. Prinzipiell, so Badrig Melekian, sei das auch während der Schwangerschaft möglich. Doch: „Es gibt den statistischen Effekt, dass durch die Strahlen neuer Krebs ausgelöst werden kann.“

Blick auf das Baby

„Die große Sorge um das Kind ist da“, sagt der Chefarzt. Da es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt, wird das Baby häufig untersucht. Feindiagnostik kommt zum Einsatz. Das heißt, dass im Mutterleib alle Organe des Babys ganz genau untersucht werden. In der Regel geht es dem Baby gut.

Furchtbarkeit erhalten

Nicht unterschätzen dürfe man auch den Kinderwunsch junger Frauen, die an Krebs erkrankt sind. Denn die Chemotherapie kann sich negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken, erklärt der Experte. „Unter 30 ist es möglich, dass die Frau anschließend wieder normal ihre Tage bekommt. Aber nicht immer.“ Er nimmt sich Zeit, um die Wünsche mit den Betroffenen zu besprechen, und vermittelt bei Bedarf Gesprächstermine bei der Initiative „Ferti-Protekt“, die darauf spezialisiert ist.

Generell gibt es drei Optionen für Betroffene, die auf Nummer sicher gehen wollen:

Option 1: Eizellen werden vor der Chemo entnommen und eingefroren. Diese können vorher auch künstlich befruchtet werden.

Option 2: Eierstockgewebe entnehmen, einfrieren und nach der Behandlung wieder einsetzen. „Da sind bisher Einzelfälle bekannt, bei denen es geklappt hat“, so der Chefarzt.

Option 3 wird am häufigsten gewählt: Eierstöcke während der Chemo ruhigstellen mit Medikamenten. Dadurch werden sie geschützt.

„Viele Frauen beruhigt es zu hören, dass es mit 30 vielleicht noch klappt und machen nichts“, sagt Melekian. Je älter die Frau, desto unwahrscheinlicher ist das jedoch.

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