Theater

Dschungel-Trilogie im Apollo Siegen: Was aus Mogli wurde

Verzweifelte Eltern: Messua (Samira Vinciguerra) und Mogli (Mark H. Mühlemann) ohne ihr Kind – Gegenspieler Buldeo hat es ihnen weggenommen und es nach England gebracht.

Verzweifelte Eltern: Messua (Samira Vinciguerra) und Mogli (Mark H. Mühlemann) ohne ihr Kind – Gegenspieler Buldeo hat es ihnen weggenommen und es nach England gebracht.

Foto: Wolfgang Leipold

Siegen.  Die Dschungel-Trilogie im Siegener Apollo verbindet Märchenhaftes mit dem Kampf um wirtschaftliche Interessen und Geschichte des Imperialismus’.

Natürlich erfreut sich der geneigte Theatergänger bei der „Dschungel-Trilogie“ im Apollo zunächst an dem, was er kennt. Die putzige Geschichte des Jungen Mogli (Mark H. Mühlemann), der im Dschungel aufwächst und dort manchen Gefahren trotzt. Und dabei Shir Khan (Andreas Kunz), dem herrschsüchtigen Tiger, begegnet – „Das Menschenkind gehört zwischen meine Zähne“ –, eine Elefantenherde beim Exerzieren sieht, wobei ihm auffällt, dass deren Anführer nur einen Stoßzahn hat.

Auch eine aufgeregte Affenhorde und ein Wolfsrudel beeindrucken ihn und dazu die Schlange Kaa (Torben Föllmer), die ihn fast erwürgt hätte. Doch am nachhaltigsten für Mogli ist die Begegnung mit Balu (Werner Hahn), dem Bären, der sein Lehrmeister in Sachen Lebensklugheit und Überlebenstraining wird. Balus Empfehlungen „Auch ohne Töten lässt sich’s leben“ und „Wer zu viel Angst hat, ist ein Feigling, wer keine Angst hat, ist ein Dummkopf“ werden Mogli ein Leben lang begleiten.

Das Konzept

Gut, dass Dramaturg und Produktionsleiter Magnus Reitschuster das Märchen vom Dschungelbuch ins Zentrum der Trilogie gerückt hat. Dieses im Dezember 2019 schon vielfach und vor allem für Kinder aufgeführte Stück begeistert auch Erwachsene. Wegen seiner spielerischen Leichtigkeit, den tollen Kulissen, den wunderbaren Tierszenen, der mitreißenden Musik im Musical-Stil (Dorian Rudnytsky, Marc Heilmann) zwischen Rock und Reggae und viel Wortwitz – und auch der Schauspieler.

Wobei der Gute-Laune-Bär Balu („Keiner hat es schwerer als der Lehrer“) und der machtbesessene, dämonische Shir Khan die Gegenpole sind. Am Ende verlässt Mogli den Dschungel, weil er das Mädchen Messua (Samira Vinciguerra) sieht, sich in sie verliebt, und auch eine von Balus Regeln missachtet: Er hatte Shir Khan getötet.

Der Rahmen

„Ahe, ahe, mein Herz ist so schwer von Dingen, die ich nicht versteh“, singt die junge Mutter Messua mit einem weinenden Baby auf dem Arm. Unterbrochen wird sie vom Lärm einer Kettensäge. Anzugträger bestimmen die Szene: Großwildjäger, Holzfäller, Bauern. Die sehen den Dschungel als Broterwerb. Der Engländer Sahib (Johannes Fast) schlägt Mogli als deren Aufseher vor, Messuas Ehemann und Vater des Kindes, was diese mit allen Mitteln in einer Abstimmung verhindern wollen. Zwischen allen steht der Lehrer: Unbestechlich, weise und tolerant. Doch den haben sie in seiner Schule eingeschlossen und mit dem skrupellosen Buldeo einen der Ihren als Gegenkandidaten aufgestellt.

So weit, so schlecht. Denn es stellt sich heraus, dass Sahib, der vermeintliche Naturschützer, in Wirklichkeit ein Elfenbeinhändler großen Stils ist, der Messua und Mogli auch noch ihr Kind wegnimmt und nach England bringt. Am Ende sitzen sie trauernd und verzweifelt am Boden. Zwischen allen Stühlen. Und Mogli hat erneut getötet. Nach dem Tiger nun auch Buldeo, der ihn mit der Kettensäge bedroht hatte.

Die Inszenierung

Das zuckersüße Bild eines Märchens mit der Realität zu konfrontieren, es geschichtlich mit dem Kolonialismus der Engländer einzurahmen: Das ist für manchen Theaterbesucher unbequem, aber nötig; ebenso hätte das etwa zeitgleiche Wüten deutscher Kolonialisten in Namibia der geschichtliche Hintergrund sein können.

Magnus Reitschuster kommt das Verdienst zu, dem putzigen Bild von Mogli, das vor allem durch den Disney-Film Generationen geprägt hat, den Spiegel der Wirklichkeit vorzuhalten. Dass nämlich der Mensch die größte Gefahr für die Natur darstellt und meint, mit Geld alles regeln zu können. Auch heute noch und mehr denn je. „Rule Britannia“, jene Hymne über Macht und Größe des Königreichs, das bei jedem British Proms Konzert ertönt, bildet auch in der Dschungel-Trilogie den musikalischen Schlusspunkt. Doch sie klingt eher wie ein Hohn.

Das größte Lob haben jedoch die neun Schauspieler verdient, von denen jeder mehrere Rollen verkörpert. Ob in der bunten Kulissenwelt des Dschungels die Charaktere der Tiere oder in der rauen Realität die Charaktere der Menschen, ob laut oder auch leise: Sie ziehen ihr Publikum in eine magische, fremde und doch so bekannte Welt.

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