Altersjubiläen

Ratseklat: In Netphen ist nicht jeder Glückwunsch erlaubt

Mancher Netphener ahnt nicht, wie viel Politik in seiner Geburtstagstorte steckt.

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Mancher Netphener ahnt nicht, wie viel Politik in seiner Geburtstagstorte steckt. Foto: imago stock&people

Netphen.  Die CDU in Netphen macht Gratulations-Richtlinien bei Ehe- und Altersjubiläen zum Thema. Wer den Besuch des Bürgermeisters ablehnt, bekommt auch kein Geschenk.

Wer 80, 85, 90 Jahre alt wird, bekommt Besuch von der Stadt, jenseits des 90. Geburtstags sogar in jedem Jahr. Außerdem wird offiziell gratuliert zur Goldenen, Diamantenen und Eisernen Hochzeit. Aber durch wen? Die CDU-Fraktion treibt das Thema um, seit der parteilose Paul Wagener Bürgermeister ist. Sie hat ihn im Verdacht, seine Stellvertreter(innen) und die Ortsbürgermeister bei den Geburtstagsbesuchen auszustechen. Und unterstellt, dass das den betagten Netphenern gar nicht recht ist. Im Rat kam es jetzt zum Eklat.

Die Vorgeschichte

Zum 80 Geburtstag kommt der Ortsbürgermeister, zum 85. und ab dem 90. kommt der Bürgermeister oder sein(e) Stellvertreter(in) mit, ebenso zu den Ehejubiläen. 2011 waren die „Grundsätze der Vertretung der Stadt bei Ehe- und Altersjubiläen“ das erste Mal Thema im Rat. Aufgefallen war, dass Wagener gelegentlich auch dort nachträglich gratulierte, wo schon offizieller Besuch war — mit selbst gekauftem Saft, wie Wagener versicherte. Das sollte später wichtig werden: Das Geschenk, vornehm: „Ehrengabe“, rustikal: „Flachgeschenk“, soll nur bekommen, wer den Bürgermeister auch empfängt.

Die Nachforschung

Sechs Jahre später lässt sich die CDU-Fraktion nachweisen, wer wem seit Juni 2011 gratuliert hat: Von 3180 Jubiläen, von denen 995 80. Geburtstage (hier kommt „nur“ der Ortsbürgermeister, siehe oben) abzuziehen sind, nahm der Bürgermeister 1513 selbst wahr – davon 184 allein, weil der Ortsbürgermeister um 11 Uhr keine Zeit hatte. 83 Mal ließ Wagener sich vertreten. 589 Ehrengaben — also mehr als jede vierte — wurde der Bürgermeister nicht los, weil es nicht zum Besuch kam. Meist weil der Jubilar krank war, sich nicht in Netphen aufhielt, und bei jedem zehnten Ehejubiläum und jedem 20. Geburtstag, weil der Besuch nicht erwünscht war. 27 Mal wurden Termine verschoben, 61 Mal nachträglich abgesagt.

Der Eklat

Salchendorfs Ortsbürgermeisterin Alexandra Wunderlich, zugleich Vorsitzende der CDU-Fraktion, hatte Glück. Meinte sie. Zwei Jubilare, die den Besuch des Bürgermeisters nicht gewünscht hatten, sahen sich wieder imstande, Besuch zu empfangen — nämlich ihre Ortsbürgermeisterin. „Ich habe im Nachhinein zwei Geschenke verteilt“, berichtete sie im Rat. „Muss ich die jetzt bezahlen?“ Was beim ersten Hören nach einem Scherz klang, entwickelte sich bitter ernst. „Abgesagt ist abgesagt“, machte Bürgermeister Paul Wagener der ihm unterstellten Ehrenbeamtin klar. Wer den Glückwunsch ablehne, könne auch kein Geschenk bekommen. „Das ist langjährige Verwaltungspraxis.“

Alexandra Wunderlich und Paul Wagener zündeten sodann die nächste Eskalationsstufe. Die Ortsbürgermeisterin zückte ihre Geldbörse, der sie zwei 50-Euro-Scheine entnahm: „Dann gebe ich sie Ihnen direkt.“ Das war der nächste Fehler, für den sich Alexandra Wunderlich eine Belehrung durch den Bürgermeister über das städtische Kassenwesen einhandelte: „Ich übernehme hier kein Bargeld.“ Die öffentliche Auseinandersetzung über das städtische Glückwunschwesen endete mit einer Zusage Paul Wageners: „Wir werden das bilateral klären.“ Das mit der Geldübergabe. Die Glückwünsche an sich sind und bleiben regelwidrig.

>>>>INFO: Das steckt in den Umschlägen

Zum 80. und 85. Geburtstag gibt es 25 Euro, vom 90. Geburtstag an jährlich 50 Euro. Zur goldenen Hochzeit nach 50 Ehejahren liegen 75 Euro im Umschlag, zur diamantenen und eisernen Hochzeit (60 und 65 Jahre) 100 Euro.

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