Turbo-Abitur

„Es bleibt weniger Zeit für Kindheit“

Die Anforderungen an die Schüler sind mit dem Turbo-Abitur gestiegen.

Die Anforderungen an die Schüler sind mit dem Turbo-Abitur gestiegen.

Foto: dpa

Siegen.   Seit Einführung des „G8“ habe der Stress für Schüler deutlich zugenommen, kritisiert die Elterninitiative „Familiengerechte Schule“ und kritisiert das Festhalten am Turbo-Abitur. Der Siegener Schulforscher Dr. Jörg Siewert äußert sich dazu in einem Interview.

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Der Protest gegen das „Abitur nach acht Jahren“ an NRW-Gymnasien nimmt an Schärfe zu. Die landesweite Bürgerinitiative „Familiengerechte Schule“, die sich gestern in Düsseldorf vorgestellt hat, fordert die schnellstmögliche Rückkehr zur Regelschulzeit von neun Jahren an Gymnasien. Der Siegener Schulforscher Dr. Jörg Siewert über überlastete Schüler und Lösungen.

Frage: Sind Schüler wegen der verkürzten Schulzeit überlastet?

Jörg Sievert: Nicht alle, aber sicherlich viele. Das liegt vor allem daran, dass die Lehrpläne noch nicht angemessen an G8 angepasst wurden. Nahezu der gleiche Lernstoff soll in kürzerer Zeit geschafft werden. Oder besser: zu viel in zu kurzer Zeit. Zudem darf nicht vergessen werden, dass seit der ersten Pisa-Studie eine extrem hohe Leistungsorientierung an den Schulen Einzug gehalten hat - wodurch Schüler (und auch Lehrer) mehr Druck verspüren.

Wie müssten die Rahmenbedingungen aussehen?

Sievert: Ich nenne drei Punkte: Die Lehrpläne müssten in allen Fächern deutlich entschlackt werden. Weil im Unterricht viel Zeit verschwendet wird, müsste ein flexiblerer Umgang mit Zeit her: Wer in einem Fach gut ist, muss mehr Zeit für ein anderes Fach erhalten, in dem er Lücken oder Rückstände aufweist. Zu guter letzt müssten Schüler viel mehr in die Verantwortung für ihr Lernen genommen werden. Dadurch wird Lernen effektiver.

Eltern kritisieren, dass es nichts bringt, wenn Kinder acht Stunden am Stück Unterricht haben. Niemand könne an einem Tag so viel Stoff aufnehmen. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Sievert: Kinder und Jugendliche sind nicht unbegrenzt aufnahmefähig. Wichtig ist, den Unterrichtstag intelligent zu rhythmisieren: z.B. Übungsaufgaben im Stile von Hausaufgaben auch in den Vormittag zu legen und ausreichend Entspannungsmöglichkeiten vorzusehen. Dann kann man auch Stunden in den Nachmittag legen, die hohe Konzentration erfordern.

Geht vor dem Hintergrund von vermeintlich gestiegenem Zeitdruck und Lernstress bei den Schülern ein Stück Kindheit verloren?

Sievert: Es bleibt weniger Zeit für Kindheit, weil die Zeit, die zur Verfügung steht, immer mehr in die Schule geht. So fehlt insbesondere für Außerschulisches, für informelles Lernen - in Vereinen, auf der Straße, in der Familie - die Zeit.

Gerade Vereine leiden. Wie kann dem gegengesteuert werden?

Sievert: Viele außerschulische Bildungspartner haben unter G8 zu leiden. Dem kann man wirksam begegnen, indem Vereine, Musikschulen usw. in die schulische Arbeit eingebunden werden.

Was wäre - von der Schulform her - die Lösung?

Sievert: Wenn das G8-Gymnasium und eine weitere Schulform, an der das G9-Abitur erworben werden kann (z.B. eine Gesamtschule), gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dies würde viel mehr Schülern (und ihren Eltern) gerecht werden.

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