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Essen aus dem Müll: Siegener Studentin übers Containern

Die Container von Lebensmittelmärkten sind von den Mülltauchern besonders gefragt

Die Container von Lebensmittelmärkten sind von den Mülltauchern besonders gefragt

Foto: Anna Schüttler

Siegen.   Gurke zu krumm, braune Flecken auf der Banane: Viele Lebensmittel landen im Müll, sind aber noch genießbar. Beim Containern werden sie „gerettet“

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Zehn Minuten vor acht noch im Laden, zehn Minuten nach acht im Müll – das ist für viele Lebensmittel die traurige Realität. Doch manchmal bekommen die durchaus noch genießbaren Lebensmittel aus dem Abfall eine zweite Chance, zum Beispiel wenn ein Studi „containern“ geht, also die weggeschmissenen Artikel der Lebensmittelgeschäfte durchschaut und sich daran bedient.

Die Gründe

Eine dieser Studierenden ist Lara (Name geändert). Sie ist Studentin in Siegen und sie containert schon seit einiger Zeit. „In erster Linie sorge ich damit dafür, dass der Kühlschrank in der WG voll ist“, sagt sie auf die Frage nach dem Warum. Der Kostenpunkt ist für die Studentin allerdings nicht der einzige Grund, ein Mülltaucher zu werden. Auch aufgrund der Wegwerfgesellschaft und der Lebensmittelverschwendung hat sie damit angefangen. „Nur weil eine Banane einen kleinen braunen Punkt hat oder weil eine Gurke zu krumm ist, landen sie im Müll“, bedauert sie. Das Bundeszentrum für Ernährung schreibt auf seiner Homepage, dass jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen, unter anderem auch im Handel – diese Zahlen motivieren viele der Mülltaucher und Lebensmittelretter.

Das Gesetz

Dabei ist Containern eine gesetzliche Grauzone, denn wenn die Lebensmittel im Müll landen, gehören sie immer noch dem Laden. „Manche Discounter bauen Zäune um ihre Container. Da gehen wir natürlich nicht hin, das wäre auch Hausfriedensbruch“, so Lara. Manche Läden dulden die Mülltaucher, aber auch da gibt es einige unausgesprochene Regeln, die zu beachten sind. „Wir kommen erst nach Ladenschluss. Kein Kunde soll uns sehen und wir müssen alles sauber hinterlassen“, verrät sie. Von Problemen mit Ordnungshütern oder Ladenbesitzern hat sie noch nichts gehört, manche wehren sich aber: „Einige Läden wollen es nicht und schütten Milch über ihren Müll“.

Die Bedenken

Neulinge fragen öfter, ob sie nicht ein schlechtes Gefühl dabei habe, die Lebensmittel mitzunehmen. Auch die Reaktion ihrer Eltern war nicht positiv: „Mein Vater hat mich gefragt, ob ich Geldsorgen habe und meine Mutter hatte gesundheitliche Bedenken. Man darf aber nicht vergessen, dass es sich bei vielen Lebensmitteln ja nur um ein Mindesthaltbarkeitsdatum handelt.“ Auch nach dessen Ablauf ist das Meiste noch genießbar. „Wir essen ja keinen Hausmüll, sondern Lebensmittel, die ein paar Stunden vorher noch im Laden verkauft wurden. Eigentlich möchte ich in dem Zusammenhang gar nicht von Müll sprechen“, erklärt Lara.

Die Risiken

Trotzdem muss man einiges beachten. Von der Mitnahme von rohem Fleisch rät sie generell ab und empfiehlt wegen der Temperaturen Vorsicht beim Containern im Sommer. Auch sollte man nicht zu tief unter die Oberfläche tauchen, denn desto tiefer man gräbt, desto älter sind die Lebensmittel. Obst und Gemüse sollten etwas heißer gewaschen oder mit Essig gereinigt werden. „Man muss einfach seine Sinne nutzen“, ist ihr bester Tipp.

Auf die Frage, ob die Läden dadurch Verluste machen, antwortet die Studentin: „Absolut nicht. Ich gehe trotzdem noch in die Läden. Von dem, was ich beim Containern finde, lasse ich mich einfach inspirieren und kaufe dann zum Beispiel meine Gewürze oder Dinge, die eben nicht dabei waren, im Laden.“ Sie beschreibt außerdem, dass eine Art Dankbarkeit und Treue zu Läden, die Containern unterstützen, entsteht, auch wenn sie teurer sind. „Wenn sie mich vorher ein paar Tage durchgebracht haben, bin ich auch bereit, etwas mehr auszugeben“. Trotzdem bedauert sie, dass es überhaupt soweit kommt, dass die Lebensmittel im Abfall landen: „Wir wollen lieber volle Regale in den Supermärkten, als dass ein Produkt ausverkauft ist. Ich kann daraus meinen Nutzen ziehen, aber es ist eigentlich die Katastrophe schlechthin.“

Die Gefühle

Auf die Frage, ob Containern einen gewissen Thrill besitzt, antwortet Lara: „Es ist auf jeden Fall spannender als einkaufen.“ Sie weiß nie, was diesmal im Container wartet. Die Mülltaucher kennen sich untereinander, verabreden sich zum Containern. „teilweise entsteht auch eine Art Rivalität“, so Lara. Generell scheint die Stimmung unter Gleichgesinnten aber sehr locker zu sein. „Essen verbindet und Containern auch“, sagt Lara und fügt hinzu „Oft stehen wir da und schnacken am Container“.

An Tagen, an denen sie alle Container leeren können, fühlt sie sich besonders gut. „Ich denke dann: Heute wurde nichts weggeschmissen“, erzählt sie. Auch andere Projekte zur Lebensmittelrettung sollten aus ihrer Sicht unterstützt werden. „Ich bin auch bei Food Sharing, aber da ist man wegen der festen Zeiten und Orte etwas eingeschränkt. Containern ist spontaner“, erklärt Lara. Sie unterstützt besonders, dass Lebensmittel erst gar nicht im Müll landen, sondern direkt verteilt werden. Lara findet: „Es ist eine offiziellere Alternative, um Essen zu retten.“

Interview mit Johannes Kaiser, Fachanwalt Sozialrecht, zum Containern 

1 Wie ist Containern per Gesetz definiert?

Das Gesetz sieht keine spezielle Regelung zum „Containern“ vor. Der Begriff taucht im Gesetz gar nicht auf, so dass wir Juristen auf die allgemeinen Vorschriften aus dem Zivil- und Strafrecht zurückgreifen müssen. Generell erlaubt das Gesetz dem Eigentümer einer Sache, mit dieser zu tun, was er will. Dazu gehört grundsätzlich auch, die Sache zu entsorgen.

2 Wie wird Containern bestraft?

Das Containern verwirklicht den Tatbestand des Diebstahls. In den meisten Fällen dürfte dieser nur auf Antrag verfolgt werden, weil die „gestohlenen“ Lebensmittel „geringwertige Sachen“ sind, zumal sie ja erst dann in der Tonne landen, wenn der Händler davon ausgeht, dass sie nicht mehr wirtschaftlich verwertet werden können. Aber Vorsicht: Es kommt immer auf den Einzelfall an. Schon der einfache Diebstahl kann mit Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden. In Betracht kommen weiterhin Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung.

3 Wie könnte dem Containern vorgebeugt werden?

Ich halte es für besser, auf Freiwilligkeit zu setzen. Ein Händler will seine Lebensmittel verkaufen, nicht wegschmeißen. Es passiert auch oft, dass Lebensmittel nicht weggeschmissen, sondern gezielt abgegeben werden. Der Händler muss aber auch die Möglichkeit haben, solche Lebensmittel wegzuwerfen, denen man auf den ersten Blick nicht ansieht, dass es gute Gründe für die Entsorgung gibt, ohne befürchten zu müssen, dass sie doch in den Verkehr gelangen. Das können zum Beispiel wegen Schadstoffbelastung zurückgerufene Lebensmittel sein.

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