Ortsjubiläum

Frohnhausen wird 675: Ein Lesebuch zum Jubiläum

Manfred Heinz (links) und  Christian Hausknecht

Manfred Heinz (links) und Christian Hausknecht

Foto: Steffen Schwab

Frohnhausen.  Manfred Heinz und Christian Hausknecht schreiben über die Geschichte ihres Dorfs: Von B wie Bicken über N wie Newwelpücker bis W wie Weltkriege.

Das Mann- und Güterbuch der Herren von Bicken nennt im Jahr 1344 eine Reihe von Dörfern, die den Adeligen von der Wasserburg Hainchen abgabenpflichtig sind. Unglinghausen, Walpersdorf, Sohlbach werden darin zum ersten Mal genannt. Und Frohnhausen. Als „Lesebuch zum Jubiläum“ stellen die Frohnhausener Manfred Heinz und Christian Hausknecht ihr Werk vor, das sie in diesen Wochen druckreif machen. Sie wollen „Unterhaltung bieten und Neugierde stiften“, schreiben sie in ihrem Vorwort, „hier und da eine Überraschung bieten und bestenfalls zu weiteren Nachforschungen anstiften“.

B wie Bicken

Den „kleinen Zehnten“ sind die „Fronhausener“ den Bicken 1344 schuldig – eine Abgabe, die sich auf Eier, Milch, Butter und Honig bezieht. Unter den insgesamt 22 im „Mannbuch“ genannten Netpherländer Orten sind eine Reihe, die schon früher einmal erwähnt wurden. Auch Frohnhausen wird älter sein. Schon um 500 bis 0 vor Christus siedelten Menschen am benachbarten Burggraben, Helmut Baldsiefen hat sogar Pfeilspitzen aus der Altsteinzeit von vor 13.000 Jahren ausgegraben, gemeinhin sind die Dörfer mit den „-hausen“-Endungen im Dorfnamen ab 900 entstanden.

C wie Chronisten

Manfred Heinz ist Ortsbürgermeister, Christian Hausknecht geschichtsinteressierter Wahl-Frohnhausener mit Arbeitsplatz an der Uni-Bibliothek. Hausknecht wohnt seit 2001 im Siegerland, seit 2003 in Frohnhausen, macht auch Führungen im Siegerlandmuseum. Heinz ist gebürtiger Gilsbacher, lebt seit 1970 in Frohnhausen: „Das heißt aber nicht, dass man Frohnhausener ist.“ Ihr um die 270 Seiten starkes Buch geht Ende Mai in Druck, mit einer Auflage von zunächst nur 100 Exemplaren. „Zur Not drucken wir schnell neu“, verspricht Christian Hausknecht.

D wie „Drittes Reich“

Heinrich Weber soll an im 1. Weltkrieg erlittenen Kriegsfolgen gestorben sein. Er hatte eine Kopfverletzung erlitten, wurde aufgrund seiner Depressionserkrankung in Landeskrankenhäuser eingewiesen. Der Familie wird 1944 mitgeteilt, ihr Angehöriger sei „sanft entschlafen“. Die Nervenheilanstalt in Posen gilt allerdings als Euthanasielager, also als Tatort von Krankenmorden. „Im Dorf hat man nicht darüber gesprochen“, sagt Manfred Heinz, der auf den Bericht von Nachfahren zurückgreifen kann.

E wie Einwohner

„Das war die eigentliche Arbeit, die Einwohner möglichst lückenlos zu dokumentieren“, sagt Manfred Heinz. Gelungen ist die Zuordnung für alle alten Häuser, auch dank der Vorleistung von Ewald Hatzig, der die alten Familienstämme zurückverfolgen konnte.

Wichtige Quellen sind die Kirchenbücher und das Grundkataster von 1837. Heute hat Frohnhausen etwa 120 Häuser und um die 385 Einwohner, seit den 1960er Jahren wird in den Neubaugebieten Im Buden, Am Hömberg und Vorm Eichhain verstärkt gebaut – die nachgewachsene Generation der Alt-Frohnhausener braucht Platz.

F wie Fotos

„Wir haben versucht, historische und aktuelle Bilder zusammenzustellen“, sagt Christian Hausknecht. „Es war gar nicht so einfach, die Fotos zu kriegen“, sagt er.

Die Dorfmädchen aus den 1940ern, die sich beim Viehauftrieb ablichten ließen, sind heute hochbetagt, die Schulkinder aus den 1960ern leben gerade ihre besten Jahre.

H wie Hauberg

Die alten „Frouwhüser“ leben vom Wald. Auch 1815 werden nur zwei „Professionisten“ genannt, die nicht von Land-, Forstwirtschaft oder Köhlerei leben. Von den 24 Häusern, die 1900 in Frohnhausen stehen, haben 19 ein eigenes Haubergszeichen. Das unterscheidet sie von den später Zugezogenen: „Ich würde heute nichts kriegen, wenn ich Hauberg in Frohnhausen kaufen wollte“, sagt Manfred Heinz.

Gustav Demandt, Haubergsvorsteher von 1907 bis 1945 und Bürgermeister, hat die Chronik der Haubergsgenossenschaft geschrieben. Er erwähnt, wie er sich 1923, mitten in der Inflation, für vier Festmeter Durchforstungsholz ein Fahrrad kaufen konnte: der Gegenwert von 120 Millionen Reichsmark. Pingen und eine Stollenhalde sind von der Eisen- und Manganerzförderung der Bergwerke Kupferberg 1 und 2 übrig geblieben. „Man sieht die Spuren im Gelände heute noch“, sagt Manfred Heinz. Thomas Kettner hat die kurze, 1891 beginnende und wohl schon um 1900 beendete Bergbaugeschichte Frohnhausens aufgeschrieben. 1990 wird das Bergrecht offiziell gelöscht.

K wie Keppel

Frohnhausen hätte, genauso wie das benachbarte Oelgershausen schon 1319, in einer Urkunde des Stiftes Keppel erwähnt werden können.

Sechs „Keppelsche Höfe“ sind, neben den stiftischen Hochwäldern, in der Gemarkung eingetragen – der erste mit dem Hausnamen „Peadersch“ für Peter Linnenhof, später auch „Lindenhof“ oder nach den späteren Eigentümern „Demandts Hof“ genannt: „Jährlich auf Martini“ sind unter anderem Korn und Hafer zu liefern, ein Schwein, zwei Gänse und vier Hühner. 1847 lösen die Pächter die Abgabenpflicht gegen einmalige Zahlungen an den Stiftsfonds ab. Als einziges Baudenkmal im Ort ist der Schollnhof in die Denkmalliste eingetragen.

N wie Newwelpücker

Im Siegtal ist noch Nebel, während in Frohnhausen schon die Sonne scheint –weil sie den Nebel mit der Stange nach Netphen wegschieben, werden die Frowhüser auch Newwelpücker genannt. Das von den Chronisten etwas untertrieben „Büchlein“ genannte Werk sammelt auch Anekdoten, Redensarten – und Reime wie das Wiegenlied: „Wiewe, wiewe Suse, Käppel on Frowhuse, Eschemich leyt noh drbie, dat Kenndche well gesuselt siie.“

Q wie Quellen

Das Mannbuch der Bicken haben Manfred Heinz und Christian Hausknecht im Staatsarchiv Koblenz gefunden. Darin wird Frohnhausen zum ersten Mal erwähnt. Die beiden haben viele Adressen abgeklappert: die Staatsarchive in Koblenz und Münster, das Stiftarchiv in Keppel, das Stadtarchiv in Hilchenbach. Und ganz viele Mitbürgerinnen und Mitbürger, die noch einmal in den Nachlass ihrer Vorfahren geschaut haben. Wichtig waren die Kirchenbücher – die sind zwar gerade in Paderborn zur Digitalisierung – Heimatforscher Ewald Hatzig hat aber frühzeitig Abschriften gefertigt,die Geburten, Taufen, Hochzeiten und Todesfälle bis zurück zum 30-jährigen Krieg dokumentieren. „Da ist das meiste zerstört worden“, sagt Manfred Heinz.

Lesen durften die Chronisten auch in der zweibändigen unveröffentlichten Privatgeschichte, die der aus Frohnhausen stammende Hilchenbacher Pfarrer Dr. Hermann Müller („Florenburgs Kirchen“, „Florenburgs Schulen“) zu Beginn des letzten Jahrhunderts verfasst hat, sowie die ebenfalls noch erhaltene Haubergschronik. Eigene Beiträge steuern Thomas Kettner (Bergbau), Wilfried Lerchstein (Post) und Heinz Stahl (Traktorkameradschaft) bei. Nicht zuletzt hilfreich war die kleine Dorfgeschichte zur 650-Jahrfeier von 1994. Im Jahr 2017 haben sie mit der Recherche begonnen, als feststand, dass es eine 675-Jahrfeier geben sollte.

S wie Schule

Die Dorfschule von 1784 hat zwei Klassenräume, einen für die evangelischen und einen für die katholischen Kinder. Bis 1896 wird wechselnd dort und in Herzhausen unterrichtet. Dann t die beiden neuen Volksschulen an der Straße zwischen Herz- und Eckmannshausen, direkt am Abzweig der Kreisstraße nach Frohnhausen, die erst 1904 als Weg befestigt wird.

1908 wird die Einquartierung der durchziehenden 11. Kompanie des 81. Infanterieregiments in der Schule gefeiert, die Schulchronik hält fest, „dass die Einquartierung den Patriotismus ganz gewaltig geweckt hat“. 1922 bekommt die Schule elektrisches Licht, 1923 wird die französische Besetzung des Ruhrgebiets mit einer Trauerfeier begangen.

T wie Telefon

Bis zum 1.Oktober 1968 hatte Frohnhausen ein Ortstelefon. Albert Kölsch, Inhaber des Anschlusses Netphen 340, waren die 40 Pfennige für ein Ortsgespräch nicht mehr genug. Das Protokollbuch der Gemeinde berichtet von ergebnislosen Bemühungen, einen Nachfolger zu finden. Überhaupt sind die Maßstäbe klein in der damals noch selbstständigen Gemeinde: 1966 wird der Haushaltsplan mit 62.300 DM Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen, 3400 DM Grund- und 100 DM Gewerbesteuern werden eingenommen, 2406 DM werden als Umlage für die Realschule in Netphen abgeführt.

V wie Vereine

„Es gab keine Vereine“, sagt Manfred Heinz. Das Dorf war klein, die Trennlinie zwischen den Konfessionen streng. Es gab eine Feuerwehr, übrig davon sind die Spritze und die Glocke, die auch bei Todesfällen geläutet wurde. Erst 1969 finden sich die „Sportfreunde Frohnhausen“ zusammen, 1976 gründet sich der Bürger- und Heimatverein, der heute auch Träger des 1983 errichteten Bürgerhauses ist. 2015 formiert sich die Traktorkameradschaft zum Verein – sie ist inzwischen mehrfacher Weltmeister.

W wie Weltkriege

15 gefallene und vermisste Soldaten verzeichnet Frohnhausen im ersten, 20 im zweiten Weltkrieg – das Dorf hat gerade einmal um die 150 Einwohner. Zwei Schicksale stellt die Chronik heraus: Noch 1949 wird der gebürtige Eschenbacher August Werthenbach in Russland zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, bevor er 1950 entlassen wird und nach Frohhausen heiratet. Als 18-Jähriger wird er noch 1944 eingezogen, mit 25 kehrt er zurück. „Er hat nie darüber erzählt“, sagt Manfred Heinz. Fritz Wagener,1916 in Afholderbach geboren, muss 1939 in den Krieg ziehen, zunächst an die „Westfront“!, ab 1941 nach Russland. 1942 heiratet er eine Frohnhausenerin. 1944 erscheint die Todesanzeige, dass er „nach 6-jähriger treuer Pflichterfüllung für die Zukunft des Großdeutschen Reiches am 20. Februar, kurz nach seinem Heimaturlaub im Alter von fast 28 Jahren im Osten den Heldentod gestorben ist“.

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