Demokratie

Siegener Wissenschaftler: „Gerechtigkeit schafft Sicherheit“

Mehr Gleichheit ermöglicht mehr Miteinander, meint Gustav Bergmann. Deshalb plädiert er für Umverteilung über eine hohe Vermögens- und Erbschaftssteuer und für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Foto:imago stock

Mehr Gleichheit ermöglicht mehr Miteinander, meint Gustav Bergmann. Deshalb plädiert er für Umverteilung über eine hohe Vermögens- und Erbschaftssteuer und für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Foto:imago stock

Siegen.   Der Siegener Wirtschaftswissenschaftler Gustav Bergmann warnt vor Abschottung: „Wenn ich mich einmauere, sitze ich selbst im Gefängnis.“

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„Diagonal“, die Zeitschrift der Uni Siegen, widmet sich immer einem Thema, das von ganz verschiedenen Seiten betrachtet wird. In der aktuellen Ausgabe über Sicherheit geht es um Bauwerke, Spezialgläser, Reaktoren, den öffentlichen Diskurs seit München 1972 oder um Rekrutierungspro­bleme der Feuerwehr. Gustav Bergmann, Professor für Innovations- und Kompetenzmanagement in der Wirtschafts-Fakultät, verfolgt einen anderen Ansatz: Der Weg zur mehr Sicherheit führt über mehr Gerechtigkeit, meint er.

Sie glauben nicht, dass mehr Überwachung, hohe Mauern und Abschottung uns schützen?

Gustav Bergmann: Im Gegenteil. Je mehr ich mich zurückziehe, um so wahrscheinlicher ist es, dass ich von Unvertrautem überrascht werde. Nur wenn ich mich mit Risiken auseinandersetze, bin ich in der Lage, unsichere Situationen zu überstehen. Wir müssen unser Repertoire erweitern; das baucht jede Gesellschaft, jedes Unternehmen, jede Organisation. Wenn ich mich einmauere, sitze ich selbst im Gefängnis.

Sie sprechen metaphorisch, doch die Ängste der Menschen sind real.

Unsicherheit ist vor allem ein Gefühl. Das taucht oft dort auf, wo die objektive Sicherheit am größten ist. In Sachsen sieht man Migration als Problem, obwohl es dort am wenigsten Migranten gibt.

Aber die Menschen haben Angst vor Neuem, vor der Globalisierung und der Digitalisierung.

Wir befinden uns mitten in einem Epochenwandel. Und da ist Rückzug ins Vertraute der erste Reflex. Das ist so, wie wenn ich mir beim Erschrecken die Hände vors Gesicht halte. Ich erhöhe aber die Gefahr, indem ich mich handlungsunfähig mache. Wir können die Digitalisierung und Globalisierung nicht aufhalten; stattdessen können wir an der Gestaltung mitwirken.

Die Nationalstaaten erweisen sich da leider als hilflos.

Die Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft. Natürlich könnte man Auflagen machen, wie beim Frauenanteil in der Führung von Dax-Unternehmen. Eigentum verpflichtet laut Grundgesetz. Gilt das etwa nicht für Aktiengesellschaften? Unternehmen haben der Gesellschaft zu dienen. Wir müssen auch zu einer Demokratisierung der Wirtschaft kommen. Dort, wo Menschen einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, existieren noch strikte Hierarchien ohne demokratische Mitwirkung. Dabei würden mehr Dissens und Widerspruch den Unternehmen nützen.

Wenn die Digitalisierung die halbe Gesellschaft arbeitslos macht, nützt das wenig.

Das ist eine große Gefahr. Aber dass Maschinen uns die langweilige Arbeit abnehmen, ist eine große Chance. Die müssen wir annehmen und einfordern, statt uns von negativen Szenarien ängstigen zu lassen.

Sicherheit ist eine Illusion?

Vollkommene Sicherheit ist ein Zustand der vollendeten Unfreiheit, bedeutet Abwesenheit von Risiko und keinerlei Entwicklung.

Viele Bürger fürchten aber eine Entwicklung zum Negativen.

Generell ist es schwieriger, etwas aufzubauen, als etwas zu zerstören. Da wir aber nicht in Schutt und Asche leben, können die Menschen so übel nicht sein. Kriege nehmen ab, die Kultivierung nimmt zu, wir haben Demokratie und Rechtsstaat entwickelt.

Ist das nicht auch gefährdet?

Allerdings. Wir machen einen Fehler, wenn wir uns am angelsächsischen Kapitalismus-Modell orientieren. Die USA haben eine Gesellschaft voller Gewalt und Unsicherheit, die Gefängnisse sind voll. In Skandinavien, wo Solidarität und Gleichheit eine wichtigere Rolle spielen, sind die Menschen zufriedener, die Lebenserwartung ist höher. Und zufriedene Menschen sind weniger gewalttätig.

Sie wollen mehr Gleichheit?

Mehr Gleichheit entlastet vom Statusstress und ermöglicht mehr Miteinander. Aber Gleichheit ohne Freiheit endet in Tyrannei und Ödnis. Freiheit ohne Gleichheit dagegen führt in die Freiheit für wenige und deren Herrschaft über alle anderen. Wir brauchen eine gerechte Freiheit. Das bedeutet auch mehr ökonomische Teilhabe. Die Schere zwischen den Einkommen aus Kapital und aus Arbeit ist schon zu weit geöffnet. Wir brauchen Umverteilung, eine hohe Erbschafts- und Vermögenssteuer und ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Und dann legen alle die Füße hoch?

In Befragungen sagen die meisten Menschen: Ich würde weiter arbeiten, die anderen aber sicher nicht. Ich denke über andere aber nicht schlechter als über mich selbst.

Das Menschenbild ehrt Sie. Aber ist es realistisch?

Die Umstände sind entscheidend: In anonymen Strukturen tendieren Menschen zu amoralischem und wenig verantwortlichem Handeln. Eine Welt ohne Maß und Regel endet schnell in Zerstörung. Maßlos sind endloses Wachstum, Beherrschungswahn und Antreiben zur Beschleunigung. Den Menschen wird die Muße ausgetrieben. In allen Lebensbereichen sollen die Prinzipien des Marktes und der Konkurrenz vordringen, alle Menschen, alle Institutionen, alle Staaten sollen miteinander in Konkurrenz treten und sich nirgendwo sicher fühlen.

Und was setzen Sie dagegen?

Wir müssen bremsen und Halt suchen. Wir müssen mehr Gerechtigkeit schaffen und bessere Beziehungen zu unserer Mitwelt aufbauen. Eine alte Weisheit aus Asien sagt: Mitgefühl und Achtsamkeit besiegen die Angst.

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