Plastik-Projekt

Gymnasium Netphen: Wissenschaft trifft junger Praktiker

Lehrerin Ursula Wussow hält auch dieses Abenteuer ihrer Ruanda AG mit der Kamera fest: Die Gäste von der Ruhr-Uni wollen wissen, was die Jugendlichen über Plastikverbrauch denken.

Lehrerin Ursula Wussow hält auch dieses Abenteuer ihrer Ruanda AG mit der Kamera fest: Die Gäste von der Ruhr-Uni wollen wissen, was die Jugendlichen über Plastikverbrauch denken.

Foto: Steffen Schwab / WP

Netphen.  Am Gymnasium Netphen gibt es die Thursdays for Future – auch die haben mit der Ruanda AG zu tun, die jetzt Besuch von der Ruhr-Uni Bochum hatte.

Das Team ist pünktlich, der Chef kommt zu spät. Da ist die Ruanda AG aus den 6. Klassen des Netphener Gymnasiums bereits voll im Gespräch mit ihren Gästen von der Ruhr-Universität Bochum. Es geht um den „Megatrend Nachhaltigkeit“, überflüssige Autofahrten und den Schulweg zu Fuß. „Ich bin euren Berg gerade hochgelaufen“, berichtet Dr. Steven Engler, „das geht.“ Engler, der Verspätete, tankt Strom, unten in Netphen. Dort parkt das Auto nun an der Steckdose.

Das Plastik-Budget

„Wir freuen uns, dass Sie gekommen sind“, sagt eine der Schülerinnen und stellt die AG vor: die Partnerschaft auf Augenhöhe mit der Root Foundation für die Straßenkinder in Kigali/Ruanda, die Lehrerin Ursula Wussow vor über vier Jahren noch an der Realschule initiiert hat: „Wir spenden nicht, wir teilen.“ Nicht nur Geld, sondern auch Erfahrungen, das Ganze auf Englisch und per Skype. Im laufenden Schuljahr zum Umgang mit Plastik(müll), zum Start mit Bildern und einem Film multimedial über ihre Lebenswelten. Dafür haben sie bereits viele Preise bekommen – Besuch ist für sie nichts Neues.

Die Gäste aus Bochum haben ein Programm: Stefan Schweiger erzählt, wie die Geschichte mit dem Plastik, die lange vor Christi Geburt an der Akropolis und mit Käse beginnt, zum Problem wurde: bis zum Plastikspielzeug, das den Magen eines verhungerten Laysan-Albatrosses gefüllt hat. „Da haben wir einen Film drüber gesehen“, erinnert eine Schülerin. Nora Schecke bringt das Thema Gerechtigkeit ins Spiel: Was, wenn jeder Mensch nur eine bestimmte Menge Plastik kaufen darf?

Hintergrund (1): Worum es hier eigentlich geht? Das Team hat einen Auftrag vom Bundesforschungsministerium: „Plastik Budget“ soll erkunden, wie Menschen für eine Selbstbeschränkung zu gewinnen sind. „Wir wollen so viele Meinungen wie möglich einholen“, sagt Steven Engler im Gespräch draußen auf dem Flur, „und in die Forschung einbeziehen.“ Und die Netphener, bei denen sie dann auch angeklopft haben, haben eine gewisse Prominenz.

„Es ist relativ leicht, auf Plastik zu verzichten, wenn es Alternativen gibt“, sagt jemand, „beim Einweggeschirr zum Beispiel.“ Das andere Beispiel, das mit den Plastiktüten in der Obstabteilung des Supermarkts, kommt prompt: „Elf Kilometer mit dem Auto zum Unverpackt-Laden fahren, erzeugt CO2.“ Stefan Schweiger macht es noch schwieriger: Die Fäden, die man im Garten spannt, um eine saubere Kante zu mähen, lösen sich irgendwann auf, „Unsere Gärten sind voll von Mikroplastik.“ Reifen nutzen sich ab, Gummisohlen von Schuhen auch, selbst der Kunstrasen auf dem Sportplatz. „Ist das beim Fahrrad genauso?“, fragt ein Mädchen, „man kann doch nicht auf alles verzichten.“ Eine Sitznachbarin ist da pragmatisch: Wenn der Bus sowieso fährt, kann man auch einsteigen – trotz der dicken Reifen.

Und jetzt Jenny Zorn mit dem „Megatrend Nachhaltigkeit“. Nur ein Trend? Ja, aber einer, der anders als die Diddl-Maus und das Tamagotchi sicher 30 bis 50 Jahre hält – so, wie das Altern der Gesellschaft, die Work-Life-Balance, die Gender-Debatte. Die wissenschaftliche Debatte kommt im Klassenzimmer an. Und auch wieder nicht. „Ich finde, dass wir was tun sollen und nicht nur da sitzen und denken, wie schlimm es ist“, wirft ein Mädchen ein. Eben den Müll einsammeln, wenn er da liegt. Den Leuten Papiertüten oder Netze anbieten, wenn sie zum Plastikbeutel greifen.

Wann ist Plastik nützlich, wann nicht? Was kann der einzelne tun? Was wünscht ihr euch von der Politik? Die Fragen stehen auf Papierbahnen, jede auf einem anderen Tisch. „Das sind ja Eddings“, lautet die erste Nachfrage, „drücken wir damit nicht auf den Tisch durch?“

So geht es weiter

Nach anderthalb Stunden trennen sich die Wege von Wissenschaft und Ruanda AG. Die Gäste lassen einen Fragebogen da, in dem es um Einstellungen und Meinungen zu Plastik(müll) geht – auch die Partnergruppe in Kigali wird den Bogen erhalten.

Hintergrund (2): Anderthalb Jahre Zeit hat das Wissenschaftler-Team noch für das Plastik-Budget. Ein ganz handfestes Ergebnis hat Steven Engler schon ganz konkret vor Augen: „Bei uns wird es am Schluss einen Plastikrechner geben.“ Zur Selbstkontrolle, sozusagen. Das ganze Thema ist noch viel größer. Zehn Partner haben sich zum „Virtuellen Institut Transformation Energiewende NRW“ zusammengefunden, das Engler ebenfalls leitet.

Die Ruanda AG hat gleich noch einen Termin in einer Firma – ein Schülerinnenvater hat sie eingeladen, weil er vom Eltern-Lernworkshop der 6. Klassen beeindruckt war. Sie sind viel unterwegs: Neulich haben sie in Erndtebrück für „Plant for the Planet“ Bäume gepflanzt, gerade haben sie bei „Be Smart Don’t Start“ gewonnen. Da geht es doch ums (Nicht-)Rauchen? Klar: „Wir wollen unsere Schule kippenfrei kriegen“, sagt Lehrerin Ursula Wussow. 762 Kippen haben die Kinder in 25 Minuten aufgeklaubt – das ist der Stoff für die „Thursdays for Future“, die schulinterne Ergänzung zu den Fridays. Und das Plastik? Ist doch da auch drin, sagt die Biolehrerin: Zelluloseacetat. Im Filter.

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