Kabarett

Hagen Rether spricht gesellschaftliche Probleme an

Kabarettist  Hagen Rether fragt sich, wer die Welt retten soll. 

Foto: Kristin Scheller

Kabarettist Hagen Rether fragt sich, wer die Welt retten soll.  Foto: Kristin Scheller

Kreuztal.   Empathie in der Gesellschaft nimmt ab, Hass nimmt dagegen zu – das sagt der Kabarettist. Wie er mit Sarkasmus sein Publikum wachrütteln will.

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„Wir können doch nicht die Welt retten!“, zitiert der Kabarettist Hagen Rether den gemeinen Bürger und antwortet: „Ja, wer denn sonst? Ich sehe gerade niemand anderen!“ Das ist auch das Motto, dem die mittlerweile sechste Version seines Programms „Liebe“ unterliegt – eine Show voller unbequemer Wahrheiten und Erkenntnissen, die so traurig sind, dass man schon lachen muss. „Das ist doch nicht lustig!“, ruft der Kabarettist des Öfteren in die Menge und hat recht damit: So sehr er mit den Themen, die er anspricht, amüsiert, so sehr sind seine Worte auch bedrückende Appelle, endlich aufzuwachen.

Shitstorms und Hass

Empathie, so sagt er, sei beinahe ausgestorben. Wir leben in einer Welt, in der Shitstorms und Hass selbstverständlicher sind als sich positiv zu engagieren. Ihm graut es bei den heutigen Diskussionen um Flüchtlinge und andere: „Mitgefühl, Nächstenliebe – all das sind Werte, die man einem Dreijährigen im Kindergarten mitgibt!“ Und dennoch findet man sie in derartigen Debatten selten wieder: „Soziale Themen jucken uns gar nicht! Wir interessieren uns nicht für Alleinerziehende und Leiharbeiter!“ Stattdessen schlage man sich bei Fußballspielen die Köpfe ein und brenne Flüchtlingsheime nieder.

Das Positivste, das Rether dem entgegenzusetzen hat, ist Sarkasmus: „Man hat jetzt rausgekriegt, dass die meisten Flüchtlinge keine Facharbeiterausbildung haben. Hallo? Kommen die einfach ohne Facharbeiterausbildung aus dem Krieg!“ Selbst wenn Abgrenzungsmechanismen wie Rassismus biologisch erklärbar seien, sollte die Kultur doch irgendwann einmal aufzeigen: „Wenn ich erst denke „Der sieht ja ganz anders aus; vielleicht muss ich vor dem Angst haben?“, muss mir doch dann einfallen „Hey, ich bin ja gar kein Pavian!“ Oder?“

Überhaupt kämen uns die Flüchtlinge ja recht gelegen: Unsere eigenen Probleme können wir so geflissentlich ignorieren. Jede fünfte Frau ist Opfer sexueller Gewalt, auch vor der Krise war dies nicht besser, und häusliche Gewalt ist Alltag in Deutschland. Doch wen kümmere es schon, dass 30 Prozent der Frauenhäuser geschlossen werden, wenn wir uns auf die Marokkaner stürzen können?

Skandale zur Ablenkung

Natürlich seien Vorfälle wie die Silvesternacht 2015 grauenvoll und nicht zu unterschätzen, doch momentan würden sie genutzt, um zu hetzen, nicht aber um zu lernen oder zu verbessern. Dahinter vergrabe man zurzeit lediglich unsere eigenen Probleme. „Wir lenken uns gerne mit Skandalen ab.“

Währenddessen kommen Politiker wie Söder mit Konzepten wie der „Leitkultur“ an – „was soll das denn sein? Etwas, das nur wir haben?“ Rether fällt da der Holocaust ein, aber nichts, das wir einen einzigartigen Teil unserer Kultur nennen wollen und können: „Denn Goethe heißt woanders Shakespeare. Was also reden wir uns da ein?“

Auch mit der Religion steht Rether auf Kriegsfuß – mindestens mit unserem Umgang mit ihr, der voller Heuchelei und Doppelmoral stecke. Letztendlich werde Religion zu oft dafür genutzt, um Frauen zu benachteiligen. „Religion ist eine Sache von Männern für Männer,“ meint er.

Flüchtlinge und Frauenrechte bilden nur einen kleinen Teil in Hagen Rethers Meinungsrepertoire. Der Kabarettist spricht eine Vielzahl an gesellschaftlichen Problemen an, dabei bleibt er immer einer der „linksliberalen Multikulti-Oköspinner-Humanisten“, wie er mit Augenzwinkern auch sein Publikum anredet. Eines lässt ihn in seinem Feld herausstechen: Er bezieht Stellung, gnadenlos und zielorientiert.

Linksgrün orientiert, kann er dabei seine Aussagen auch gut begründen, meist mit Fakten belegen. Seine Argumentation stark und auf den Punkt und die Motivation, seine Ideale weiterzugeben, unerschütterlich, schafft er es, bedrückende Gegebenheiten mit Humor zu verbinden, sodass sie verdaulicher, aber nicht weniger wahr werden.

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