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Hanami – Die fünfte Jahreszeit in Japan

Auch von nahem betrachtet sind die Kirschblüten wunderschön.

Auch von nahem betrachtet sind die Kirschblüten wunderschön.

Foto: Jan Lindner

Kyōto.   Die Kirschblütenzeit in Japan dauert nur wenige Tage, doch das Land richtet sich in dieser Zeit fast vollständig auf das rosa Kulturgut.

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Zwischen Ende März und Mitte April sieht man in Japan überall rosa – die Kirschblütenzeit findet statt. Wann genau die Kirschblüte in welchem Teil von Japan blüht, hängt vom jeweiligen Klima ab. Auf Okinawa, der kleinen Inselgruppe südlich von Japan, öffnen sich die ersten Blüten schon Mitte März, in Kyōto hingegen erst Ende März. Für ein bis zwei Wochen hat man somit die Möglichkeit, die Kirschblüten zu bewundern und ein in Pink getauchtes Japan zu erleben. Der japanische Begriff für das Spektakel, „Hanami“ (wörtlich „Blüten sehen“), fasst das generelle Vergnügen und die Erlebnisse rund um die Kirschblüte zusammen. Viele treffen sich mit Freunden und veranstalten eine Art Picknick unter den Kirschbäumen.

Tourismus wird gefördert

Nicht nur die Kirsche blüht in der „Hanami“-Zeit auf, sondern auch der Tourismus. Es zieht die Menschen zu den Tempelanlagen, um Eindrücke der Farbenpracht zu gewinnen, Bilder zu machen und Japan von einer seiner schönsten Seiten zu erleben. Nicht nur für Anwohner, sondern auch für die japanischen Verkehrsunternehmen stellt der Touristenandrang allerdings eine Belastung dar. Für Pendler wird es in dieser Zeit olympischen Sportart, überhaupt aus dem Bus aussteigen zu können. Auch der ein oder andere Student meiner Uni wählt lieber den 30- minütigen Fußweg als eine halbe Stunde auf einen überfüllten Bus zu warten.

In Deutschland kann man die Kirschblüten natürlich auch vereinzelt bewundern. Dennoch ist das Ausmaß der Blütenpracht in meiner Heimat nicht mit dem japanischen Standard zu vergleichen. Nicht nur die Anzahl der Bäume, sondern auch die Vielzahl an Souvenirs, die man rund um die berühmten Schauplätze kaufen kann, ist enorm. Es gibt während dieser kurzen „Jahreszeit“ keinen Verkaufsstand, der nicht irgendetwas mit „Kirsch-“ oder sogar „Kirschblütengeschmack“ verkauft. Außerdem ist der Name „Sakura“ (japanisch für „Kirschblüte“) sogar in den Rankings für die beliebtesten Mädchennamen enthalten. Das „typisch Japanische“ lässt sich also auch hier regelrecht in allen Facetten des Alltagslebens zurückverfolgen.

Die Symbolik der Kirschblüte

Die Kirschblüte ist typisch für Japan und wird meist direkt mit dem „Land der aufgehenden Sonne“ assoziiert. Genau wie in der Natur findet die Blüte auch ihren Platz in der Literatur, Kultur und Kunst. Sie gilt als ein Symbol für Sterblichkeit, aber auch für Wiedergeburt. Sobald sie erblüht, kann man sich ihrer Schönheit erfreuen.

Doch nach wenigen Tagen wirft der Kirschbaum seine Blüten ab. Deswegen gilt „Hanami“ auch als Jahreszeit – es ist ein fester Zyklus, der sich immer wiederholt. Dieser Kreislauf erinnert daran, dass alles vergänglich ist und man das Hier und Jetzt genießen sollte, denn auch wenn sich das Schöne wiederholen sollte, muss man eine Weile darauf warten. Vielen spendet das „Konzept“ der Kirschblüte auch Trost, denn der Gedanke, dass das Schöne zurückkehren wird, scheint die Erkenntnis der Sterblichkeit zu erleichtern.

Unterschiede zu Deutschland

In Japan, anders als in Deutschland, sind einige Dinge hochgradig von der Saison abhängig. Das wurde mir durch die Kirschblüte noch einmal verdeutlicht. Gerade in Supermärkten sieht man diese Veränderung, denn Lebensmittel, die man gerne kauft, sind möglicherweise nächste Woche schon nicht mehr im Regal und erscheinen erst in einigen Monaten wieder. Dies ist ebenfalls ein kleines Privileg, dass wir in Deutschland manchmal gar nicht zu schätzen wissen. So gut wie alles ist durch Importe und Handel jeden Tag erhältlich. So verliert man meiner Meinung nach das Gespür für die Vergänglichkeit von Dingen. Allein für diese kleinen Erkenntnisse, die ich durch meinen Aufenthalt in Japan gewinnen kann, bin ich sehr dankbar, denn ich sehe Deutschland langsam immer deutlicher mit anderen Augen.

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