Hilfe zur Selbsthilfe

Immobilie gesucht: Sicherer Platz für Frauen in Not geplant

Rund ein Viertel der Wohnungslosen in Deutschland sind Frauen. Sie verbergen ihre Situation aber oft besser als betroffene Männer. Außerdem wurden viele von ihnen in ihrem Leben Opfer von Gewalt.

Rund ein Viertel der Wohnungslosen in Deutschland sind Frauen. Sie verbergen ihre Situation aber oft besser als betroffene Männer. Außerdem wurden viele von ihnen in ihrem Leben Opfer von Gewalt.

Foto: Alternative Lebensräume für Frauen

Siegen.   Mit „Housing-First“ möchten die Alternativen Lebensräume wohnungslosen Frauen wieder auf die Beine helfen. Noch läuft die Suche nach einem Haus.

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Um wohnungslosen Frauen zu einer festen Bleibe zu verhelfen, sucht die Alternative Lebensräume GmbH nach einem Haus in der Region. Die gemeinnützige Gesellschaft möchte eine Immobilie in Siegen-Wittgenstein oder Olpe kaufen, um dort das so genannte Housing-First-Konzept umsetzen. Dabei wird Betroffenen der unbefristete Einzug in eine Wohnung ermöglicht, um ihnen aus dieser gesicherten Situation heraus auch in anderen Lebensbereichen wieder auf die Beine zu helfen.

Der Ansatz

Housing-First sei „ein regelrechter Paradigmenwechsel in der Wohnungslosenhilfe“, schreibt die gemeinnützige Gesellschaft in einer Mitteilung. Wohnraum werde an erste Stelle gerückt. „Klassischerweise werden Betroffene nämlich zunächst in Übergangsunterkünften und Wohnheimen untergebracht“, heißt es weiter. Der Aufenthalt dort sei aber meist zeitlich begrenzt und an Auflagen gekoppelt: „Oft landen Betroffene wieder auf der Straße, denn auf dem Wohnungsmarkt haben sie kaum eine Chance.“ Housing-First kehrt das Vorgehen um: Als erstes bekommen Betroffene eine Wohnung mit einem normalen, unbefristeten Mietvertrag, sollen so zur Ruhe kommen und ihre Angelegenheiten regeln können – wobei ihnen sozialarbeiterische Hilfen zur Seite stehen. In Deutschland sei dieses Vorgehen noch wenig verbreitet, ist den Ausführungen zu entnehmen. Doch: „Studien aus den USA und mehreren europäischen Ländern belegen: Housing-First beendet Wohnungslosigkeit langfristig und ist günstiger als wiederholte Unterbringung im Betreuten Wohnen.“

Die Zielgruppe

Die Alternative Lebensräume GmbH geht mit Verweis auf die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe für das Jahr 2018 von mehr als einer Million von Obdachlosigkeit Betroffenen in Deutschland aus. Rund ein Viertel seien Frauen. Bei diesen gestalte sich die Wohnungslosigkeit oft anders als bei Männern, sei unauffälliger und versteckter. Einerseits hielten sich obdachlose Frauen weniger in der Öffentlichkeit auf und seien sehr bemüht, nicht verwahrlost zu wirken. Andererseits suchten sie häufiger Unterschlupf bei Verwandten und Bekannten „oder halten sich in Paarbeziehungen auf, die sie ohne die Notlage vielleicht nicht führen würden“, wie es weiter heißt. Auch seien die Hintergründe oft andere als bei Männern: Häufig haben Frauen traumatische Gewalterfahrungen gemacht. Die Unterbringung in gemischten Notunterkünften sei deshalb keine Option: Es brauche ein besonderes Umfeld, damit sich diese Frauen wieder sicher fühlen.

Der Bedarf vor Ort

„Unser Hilfeangebot für Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind, umfasst bisher leider nur einen befristeten Aufenthalt“, sagt Sonja Becker, Geschäftsführerin Alternative Lebensräume. „Mit Housing-First können wir unser Angebot dahingehend erweitern, dass wir als erstes die Wohnungslosigkeit der Frau beheben, damit sie sich erholen und stabilisieren kann und sie von Beginn an weiß: Hier darf und kann ich bleiben.“ Die Gesellschaft appelliert an Immobilienbesitzer in der Region: „Wir suchen eine Immobilie zum Kauf und freuen uns über Angebote und Hinweise.“ Das Haus sollte zwischen 80 und 130 Quadratmeter Wohnfläche haben und zentral gelegen sein, sodass alltägliche Dinge zu Fuß oder via Bus erledigt werden können.

Die Finanzierung

Finanziell möglich wird das Vorhaben durch ein Projekt des Paritätischen NRW und eine Kunstspende von Gerhard Richter. Der Paritätische richtet zusammen mit dem Düsseldorfer Wohnungslosenhilfsverein „fiftyfifty“ einen „Housing-First-Fonds“ ein. Aus diesem erhalten die Träger das Grundkapital, das zur Finanzierung einer Immobilie notwendig ist. Darüber hinaus gibt es fachliche Unterstützung. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW fördert das Projekt. Der Fonds selbst finanziert sich aber auf andere Weise: Der berühmte Maler Gerhard Richter spendete 18 Drucke seiner abstrakten „Cage“-Reihe. Diese verkauft „fiftyfifty“ über die eigene Benefizgalerie in Düsseldorf und die Erlöse fließen in den Fonds.

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