Theater

Inszenierung des „Weißen Rössl“ im Siegener Apollo

Rössl-Wirtin „Pepperl“ (Julia Ziehme) mit dem Berliner Hemdhosen-Fabrikant. Giesecke (Michael Theis) versucht es mit der Landestracht – hält aber ansonsten große Stücke auf seine Heimatstadt.

Rössl-Wirtin „Pepperl“ (Julia Ziehme) mit dem Berliner Hemdhosen-Fabrikant. Giesecke (Michael Theis) versucht es mit der Landestracht – hält aber ansonsten große Stücke auf seine Heimatstadt.

Foto: Michael Kunz

Siegen.   Die Premiere einer Koproduktion von Theater und Universität Siegen: Die Operette von 1930 bietet auch heute noch perfekte Unterhaltung.

Die Ziele von Initiator und Regisseur Werner Hahn waren nicht gerade bescheiden. Die Wände des Apollo sollte sie sprengen, die Neu-Inszenierung des „Weißen Rössl“. Nach der ausverkauften Premiere am Samstag lässt sich zumindest konstatieren, dass Gebäude und Ausstattung für weitere Aufführungen zur Verfügung stehen. Im übertragenen Sinne dürften die Erwartungen in jeder Hinsicht erfüllt, Applaus und Jubel mühelos bis auf den Vorplatz hörbar gewesen sein. Und das völlig zu Recht.

Postkartenidylle und Ohrwürmer

Die Koproduktion von Apollo und Uni gibt einen guten Eindruck, wie es 1930 gewesen sein könnte, als das Singspiel von Ralph Benatzky (und diversen Mitstreitern) in Berlin Premiere feierte. Das opulent-frivole Werk setzte einen Kontrapunkt zur tristen Welt der Wirtschaftskrise, mit einer vordergründig harmlosen Liebesgeschichte vor österreichischem Postkartenhintergrund, mit einer ganzen Serie von Ohrwürmern, vom Titellied über den „schönen Sigismund“ bis zur dramatischen Ballade „Zuschaun kann i net“, aber eben auch der einen oder anderen versteckten Kritik am gesellschaftlichen System. All dies findet sich unterschiedlich gewichtet in der Apollo-Produktion wieder, die tatsächlich so groß geworden ist, dass die Gänge und der Raum vor der Bühne immer wieder mitgenutzt werden.

„Im weißen Rössl“ erzählt mehrere Romanzen. Gerrit Schwan hat einen starken Auftritt als Oberkellner Leopold, der sich in einer komisch-tragischen Liebe zur Rössl-Wirtin verfangen hat und nichts unversucht lässt, um seine ‚Pepperl’ zu bekommen, von Julia Ziehme angemessen spröde verkörpert.

Moderne Anspielungen

Die will eigentlich den Juristen Dr. Siedler (Niels Hientzsch) angeln, der sich unsterblich in Otilie Giesecke (Nathalie Ufer) verguckt hat. Die ist die Tochter eines Trikotage-Fabrikanten (Michael Theis), der in einem Rechtstreit mit Siedlers Mandanten Sülzheimer verwickelt ist. Dessen Sohn, der „schöne Sigismund“ (Thomas Kehren) kommt auch noch ins Spiel und wirbt um das süße Klärchen Hinzelmann (Johanna Scheid), die mit ihrem Papa (Daniel Rahn) unterwegs ist, einem schlechtbemittelten Privatgelehrten.

Dazu kommen eine muntere Briefträgerin (Sheila Herzog), ein verträumtes Hochzeitspaar, eine Feuerwehrkapelle, Musiker, Tänzer, eben ein Singspiel aus dem Bilderbuch. Und genau so haben die kreativen Köpfe das auch inszeniert, herrlich altmodisch und als Beweis dafür, dass die gute alte Operette nach wie vor einen Platz auf den modernen Bühnen hat .

Die Inszenierung bleibt weitgehend in der damaligen Zeit, von ein paar Anspielungen auf Helene Fischer und Donald Trump abgesehen. Die hätten nicht unbedingt sein müssen, wie noch ein kurzer Ausflug in die moderne Rockmusik, aber schon damals gab es die eine oder andere Spitze gegen die Tagespolitik, und letztlich ist ja auch Benatzkys Idee des Auftritts von Kaiser Franz Joseph Jahre nach dessen Tod schon ein dicker Anachronismus.

Der wird zünftig durch den Neuenkleusheimer Musikverein empfangen, mit dem schönen „Hoch- und Deutschmeister-Marsch“. Werner Hahn selbst spielt den greisen Monarchen mit Würde, von der er sich durch den näselnden Tonfall im Stile von Gunther Philipps „Mucky von Kalk“ gleich wieder leicht distanziert.

Raum für düstere Assoziationen

Ein bisschen Zeitgeschichte gibt es auch. Während bei der Sigismund-Figur interessanterweise nichts mehr von dessen jüdischem Hintergrund erkennbar ist, der in der Sekundärliteratur vielfach betont wird, lassen sich solche Züge bei dessen Schwiegervater ausmachen. Professor Hinzelmann verkörpert in mehrfacher Hinsicht eine untergehende Welt. Er wirkt wie ein klassischer Wandervogel, leidet im Gegensatz zu den Anwälten und Fabrikanten unter der Wirtschaftskrise und verströmt – verstärkt durch Kleidung und Maske – melancholisch-jüdischen Fatalismus. Wenn der verschmitze Lebenskünstler und Eisenbahnfreund später vom letzten Bahnhof und der Himmelsbahn singt, kann beim Zuschauer die eine oder andere düstere Assoziation einer Zukunft entstehen.

Aber vor allem gibt es Musik und guten Gesang, Wortwitz und große Spielfreude, eine Inszenierung, die den Anspruch hat, auf gehobene Weise perfekt zu unterhalten. Was in sehr überzeugender Weise gelungen ist. Wer noch eine Karte für eine der weiteren Aufführungen bekommen kann, sollte das schnellstens angehen!

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