Werkzeugbau

Jörg Schenk: Siegener Gitarrenflüsterer und Vollbart-Musiker

Für feine Justierungen und Nachbesserungen sind hochspezialisierte Werkzeuge nötig, Einige sind in Europa nicht zu bekommen

Für feine Justierungen und Nachbesserungen sind hochspezialisierte Werkzeuge nötig, Einige sind in Europa nicht zu bekommen

Foto: Wolfgang Leipold

Weidenau.   In seiner Gitarrenwerkstatt am Haardter Berg in Siegen repariert „Gitarrendoktor“ Jörg Schenk Gitarren, baut sie um, veredelt nach Kundenwunsch.

Schon lange, bevor man die Werkstatt im Keller seines Hauses am Haardter Berg betritt, ist das Geräusch eines Kompressors zu hören. Jörg Schenk ist mitten in der Arbeit: Er repariert den Gitarrenhals eines alten Instruments mit starken Spielspuren, an dem sich einige Bünde gelockert hatten. Einige Stunden später wird der Kunde die Gitarre wieder abholen und seine helle Freude haben, wie gut sie sich wieder spielen lässt.

Jörg Schenks Liebe zur Gitarre lässt sich lange zurückverfolgen. „Schon mit zwei Jahren habe ich meinem Cousin die Kindergitarre weggenommen.“ Die Eltern erkannten Klein-Jörgs Liebe zur Musik, doch hätten sie ihn lieber an der Heimorgel oder dem Akkordeon gesehen. Der aber wusste: Es sollte die Gitarre sein. „Mit 16 habe ich mein Sparschwein geknackt, Oma angepumpt und mir eine Akustik-Gitarre mit Stahl-Saiten und Westernklang gekauft.“

Physik und Chemie sind nützlich für den Gitarrendoktor

Die hängt noch heute an der Wand des Raumes, in dem er seinen Schülern Gitarrenunterricht gibt. Das Innenleben von Gitarren lernte Jörg Schenk eher zufällig kennen. „Ein Freund gab mir seine defekte, in Einzelteile zerlegte Gitarre, die ich in einer Plastiktüte nach Hause schleppte. Eine Nacht später hatte ich meine erste E-Gitarre.“

Nach Abschluss seiner Schulzeit am Fürst-Johann-Moritz Gymnasium arbeitete er halbtags im Musikhaus Horn, gab nachmittags Gitarren-Unterricht und machte abends Livemusik. Dass die Eltern ihren Sohn lieber als Maschinenbau-Studenten gesehen hätten, verschweigt Jörg Schenk nicht. Tatsächlich habe er das Studium begonnen, aber nicht abgeschlossen, sagt er: „Während des Studiums habe ich schon meinen Lebensunterhalt durch Unterricht und Livemusik finanziert.

Instrument nach individuellen Wünschen einstellen

Das im Studium erworbene Wissen um Metalle, Werkzeuge, Physik, Chemie und so weiter ist äußert nützlich in meinem Beruf als Gitarrenflüsterer.“ Aber: „Ich bin nicht der Mathe-Typ, sondern arbeite lieber kreativ. Das macht mir Spaß und ich bekomme auch noch Geld dafür.“ So ist er, wie er sich selbst bezeichnet, „Bundreiner Gitarrendoktor, Herzblut Gitarrenlehrer, Vollbart Livemusiker“ in einer Person. Und man spürt seine Freude an dieser „Vielsaitigkeit“.

Seine Spezialgebiete sind neben dem Reparieren vorwiegend das Veredeln und Umbauen von Gitarren. Auch von Instrumenten frisch aus der Fabrik. „Man kann an Serienmodellen vieles verbessern. Manchmal rufen mich Kunden, die bei Music-Store in Köln eine Gitarre gekauft haben, von unterwegs an, um sich bei mir ihr Instrument auf einen individuellen Stand bringen zu lassen.“

Spezialwerkzeuge aus allen Teilen der Welt

Dabei geht es meistens um das Griffbrett. Präzise Werkzeuge sind nötig, um diese feinmechanischen Arbeiten erledigen zu können. Dafür hat Jörg Schenk, als er vor drei Jahren seine Werkstatt offiziell eröffnete, ordentlich investiert. So liegen für seine aktuelle Arbeit eine winzige Präzisionssäge aus Japan, filigrane Feilen aus Deutschland, eine Spezialzange aus Slowenien und Schleifblöcke aus Portugal bereit: „Die stellt in Europa sonst niemand her.“

Jörg Schenk ist stolz darauf, dass zu seinen Kunden neben Hobbymusikern auch fast alle namhaften Profis der Region zählen. Zu diesen Profis gehört er auch, nachdem er vor 30 Jahren in der Evau-Big-Band unter der Leitung von Hartmut Sperl und später auch in der Uni-Big-Band erste Live-Erfahrungen sammeln konnte.

Bis zu sieben Gitarren bei Live-Auftritten

Jörg Schenk ist ein gefragter Bandmusiker. So hat er für den bevorstehenden abendlichen Auftritt in Meinerzhagen schon eine seiner Gitarren gestimmt. Ein Urmodell von 1950 mit „offener Stimmung“, er kann also Akkorde spielen, ohne zu greifen. Passend zum Programm mit Rock-Klassikern von ZZ Top und den Stones: „Ich will deren Sound erzeugen und muss die Instrumente so stimmen, wie es die Kollegen gemacht haben.“ Bei manchen Events her er bis zu sieben Gitarren dabei. Das sind vorwiegend Auftritte mit der bekannten Jojo-Weber-Band.

Einmal im Jahr trifft er sich mit Kollegen im Wissener Kulturwerk. Im Mittelpunkt dieser Konzerte stehen Kompositionen von Musikern, die im Jahr zuvor gestorben sind: „Heritage – die Songs der Legenden“. Projekte, die Rockmusik mit klassischen Streichinstrumenten kombinieren, findet Jörg Schenk besonders spannend.

Mit sonorer Bassstimme ein gefragter Sprecher

Er ist auch als Sprecher ein gefragter Mann. Kein Wunder bei seiner angenehmen, sonoren Bassstimme. Und mit sichtlicher Vorfreude blickt er dem kommenden Oktober entgegen: Da ist der Musiker mit dem markanten Vollbart und dem feinen Händchen mit der Street-Life-Band aus dem Westerwald für zehn Tage auf Ibiza.

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