Jugendkammer

Junge Männer gestehen Überfall auf Tankstelle in Hilchenbach

Vor der Jugendkammer des Siegener Landgerichts müssen sich zwei 21-Jährige wegen des Überfalls auf eine Tankstelle in Hilchenbach verantworten. Beide sind geständig.

Foto: Hendrik Schulz

Vor der Jugendkammer des Siegener Landgerichts müssen sich zwei 21-Jährige wegen des Überfalls auf eine Tankstelle in Hilchenbach verantworten. Beide sind geständig. Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Staatsanwalt fordert Bewährungsstrafen für Angeklagte. Idee zur Tat kam ihnen angeblich durch Filme und Ghetto-Rap-Musik.

Sie habe eigentlich bis vor ein paar Minuten gedacht, die Sache verarbeitet zu haben, erklärt die Zeugin in einer Mischung aus Tränen und Lächeln. Aber offenbar sei die Erinnerung an den Tankstellenüberfall vom 18. Dezember 2015 in Hilchenbach doch noch massiver als gedacht. Da waren die beiden Angeklagten „eine halbe Minute“ vor Ladenschluss mit Sturmhauben über den Köpfen in den Shop gekommen und hatten die 24-Jährige gezwungen, die Kasse zu öffnen. Jetzt wird gegen die jungen Männer wegen schweren Raubes vor der Jugendkammer des Siegener Landgerichts verhandelt. Sie müssen erleben, wie sehr sie die Zeugin, die schon nach Sekunden anfängt zu schluchzen, mit ihrem Tun verletzt haben.

Die Angeklagten waren damals jeweils 19 Jahre alt. Die zuständigen Vertreter der Jugendgerichtshilfe bescheinigen beiden später eine verzögerte Entwicklung und empfehlen die Anwendung des Jugendstrafrechts. Der einige Monate ältere S. hatte bei der Tat eine Waffe dabei – eine defekte Schreckschusswaffe, wie er dem Gericht erklärt. „Auf keinen Fall eine richtige Waffe, so etwas hätten wir nie gemacht“, versichert der jüngere Mittäter. Er ist deutlich mitteilsamer, allerdings können beide nicht wirklich erklären, was sie an jenem Dezembertag zu der Tat bewogen hat.

Idee durch Musik und Filme

Der Entschluss sei gemeinsam gefasst worden, „am gleichen Tag oder kurz davor“, jeder habe hinterher 200 Euro gehabt. Ein großer Teil der Beute blieb auf dem Tankstellengelände zurück, unter einem Auto, hinter dem sich beide nach dem Herauslaufen versteckten. „Weil wir einen Wagen sahen und dachten, der verfolgt uns, wir waren in Panik“, sagt der Jüngere. Wie sie nach Hause kamen, wollen beide nicht verraten. Den Hinweg haben sie mit dem Bus gemacht. Die Waffe ist nicht gefunden worden.

Der Angeklagte S. spricht von Geldproblemen in Zusammenhang mit seiner Drogensucht. Sein Freund D. schiebt es auf falsche Vorbilder und darauf, „in einem falschen Film, wie ein Möchtegern-Ami-Ghetto-Gangster“ gewesen zu sein. Die Musik sei schuld und die Filme, die er gesehen habe. Es klinge sicher blöd, „aber ich wollte wie Al Capone sein“. Aus heutiger Sicht sei das unreif gewesen. „Wir haben das auch nur gemacht, weil es eine Kette war“, sagt der Angeklagte. Einem privaten Eigentümer, „der sich alles aufbauen musste“, hätten sie nie schaden wollen.

Was das alles für die Angestellte bedeuten könnte, an seelischem Schaden, „das haben wir überhaupt nicht bedacht“, so der Jüngere. Er habe auch an dem Abend noch gedacht, wie „beschissen das doch ist, dass da jetzt eine Frau arbeitet“. Als die junge Frau aussagt, hält D. sein Gesicht die ganze Zeit nach unten oder bedeckt. „Ich kann Sie gar nicht ansehen“, stottert er, als er sich bei seinem Opfer entschuldigt. Beide Männer drücken ihr Bedauern aus. „Das hätten Sie sich mal früher überlegen müssen“, entgegnet die Zeugin leise und geht.

Zwei weitere Anklagen

Gegen D. gibt es noch zwei weitere Anklagen. Mit einem gesondert verfolgten Partner hat er demnach im Januar 2016 über den Ebay-Kleinanzeigenmarkt Smartphones gekauft und den Verkäufern Fotos von Überweisungsträgern geschickt. Sein Kumpel holte die Telefone in diversen Städten in NRW und Hessen ab, D. stornierte jeweils die Zahlungen vor der Buchung. Das stimme, aber nur zum Teil, sagt der Angeklagte. Ebenso war es bei teuren Käufen in Elektromärkten im gleichen Zeitraum. D. unterschrieb Verträge für Smartphone-Käufe, sein Freund verkaufte die Geräte wieder. Der habe immer von Gesetzeslücken gesprochen, illegal sei das jedenfalls nicht. Er sei naiv gewesen, klagt D., der nun auf hohen Schulden sitzt und die Gläubiger im Nacken hat. Zeugen sind in diesen Verfahren nicht geladen. Sie werden eingestellt.

Die Angeklagten, deren Freundschaft beendet ist, sind geständig. Staatsanwalt Rainer Hoppmann hält ihre Reue und Distanzierung von der Tat für ehrlich und sieht Raum für Bewährungsstrafen. Der nicht vorbestrafte S. soll mit einem Jahr und acht Monaten aus dem Verfahren gehen. Gegen D. beantragt Hoppmann zwei Monate mehr, weil er bereits wegen Sachbeschädigung aufgefallen ist. Beiden legt er 150 Sozialstunden auf und einen Monat Dauerarrest, um ihnen die Ernsthaftigkeit „des Schwerverbrechens“ vor Augen zu führen. Das Urteil wird am 15. August verkündet.

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