Interview

Kreuztalerin auf der Alp: Neustart mit Bergsommern

Katharina Afflerbach schreibt über ihre Bergsommer

Katharina Afflerbach schreibt über ihre Bergsommer

Foto: Privat

Katharina Afflerbach hat ihren Job als Marketingdirektorin an den Nagel gehängt und ist auf die Alp gegangen. Ein Interview.

In Kreuztal hat sie Abi gemacht, in Siegen studiert. Für unsere Zeitung war sie als freie Mitarbeiterin im Einsatz. Als Marketing-Fachfrau machte Katharina Afflerbach Karriere, bevor sie aus- und umstieg. Über ihre Bergsommer hat sie ein Buch geschrieben, das sie am Samstag, 29. Juni, auf dem Eichenhof in Eichen vorstellt. Steffen Schwab hat mit Katharina Afflerbach über die Bergsommer gesprochen und das, was daraus folgt.

Wie bist du auf den Berg gekommen?

Katharina Afflerbach: Ich habe die Berge schon immer geliebt. Ich hatte mir überlegt, dass ich gern einmal für längere Zeit am Stück in den Bergen sein wollte, nicht nur ein, zwei Wochen für den Urlaub. Dann hatte ich zwei Ideen: Entweder ich gehe auf eine Alp, oder ich arbeite auf einer Alpenvereinshütte. Und dann bin ich auf die Bergbauernhilfe Südtirol gestoßen: Dort kann man seinen Urlaub spenden. Das war für mich eine super Möglichkeit, das einmal zu testen: ob die Landwirtschaft etwas für mich ist, und ob es überhaupt für mich angenehm ist, bei Menschen auf Besuch zu sein. Und das ist dann einfach großartig gewesen: Wie auf Knopfdruck habe ich den ganzen Büroalltag weggeschaltet, viel intensiver als bei einem normalen Urlaub.

Das war im Frühling 2013. Von da bist du wieder zurück nach Köln gegangen…

Im selben Sommer habe ich eine Bergtour gemacht, in den Hütten übernachtet und mir auch das genau angeguckt. Ich habe festgestellt: Die Leute arbeiten nur drinnen, die sind gar nicht draußen in den Bergen. Diese Option war für mich dann keine mehr.

Und dann wieder Arbeit – was hast du gemacht?

Ich war Marketing-Direktorin bei einer Hotelkette in Köln. Von dem Moment an, wo ich wusste, dass ich auf eine Alp gehe und dass ich mich beruflich selbstständig machen wollte, habe ich meinen Plan gemacht und eine Weiterbildung für meine zukünftige Selbstständigkeit absolviert.

Selbstständig als…?

Als freiberufliche Marketing-Spezialistin und Texterin. Ich wusste, dass die Alpsaison am 1. Juni 2014 beginnt, und habe rückwärts gerechnet: Wann muss ich meine Stelle kündigen, wann muss ich mir eine Stelle für die Alp suchen, bis wann muss ich mit meiner Fortbildung fertig sein, wann muss ich meine Wohnung kündigen? So fügte sich dieser ganze Zeitplan.

Cool.

In meiner Ausbildung zum Coach gab es eine Frage: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Im Hinblick auf meine geplante Selbstständigkeit wäre die Antwort gewesen: Dann suche ich mir halt wieder eine Anstellung. Also konnte ja nicht wirklich etwas passieren! Ich brauchte nur einen Laptop und ein Handy, und beides hatte ich sowieso. Mein Fazit war: Keine Investitionen, kein Risiko, go for it!

Und dann hast du Familie Aeby und die Alp Salzmatt gefunden.

Es gibt eine Internetseite, auf der Alp-Jobs ausgeschrieben werden: zalp.ch. Im Januar 2014 war das Vorstellungsgespräch auf dem Tal-Bauernhof der Familie. Sofort war klar, dass wir das zusammen machen.

Dein Hausstand ist dann vorübergehend zu Hause in Kreuztal gelandet.

Ich habe die Wohnung in Köln aufgelöst, weil ich mir nicht sicher war, was während des Alpsommers mit mir passiert: Bleibe ich in den Bergen? Kann ich wieder in die Stadt zurück? Ich wusste ja nicht, was vier Monate am Stück in dieser Einsamkeit mit mir machen würden. Ich habe alles aufgelöst, um wirklich frei zu sein und danach in Ruhe entscheiden zu können – und nicht wieder irgendwohin zu müssen.

Es ging also nicht einfach nur darum, einen verlängerten Sommerurlaub zu machen und den Beruf zu wechseln, sondern letztlich auch um die Frage: Wie will ich eigentlich leben, außerhalb des Hamsterrades, in dem du dich damals gesehen hast?

Und: Kann ich überhaupt zurück? Will ich wieder zurück?

Du beschreibst in deinem Buch deinen ersten Bergsommer sehr detailliert. Mein erster Eindruck war: Das ist alles verdammt anstrengend.

Der Anfang war sehr schwer. Du läufst den ganzen Tag immer bergauf oder bergab, kaum geradeaus, meist über unwegsames Gelände quer über die Weiden. Du hast oft etwas dabei: ein paar Zaunpfähle, einen Vorschlaghammer oder eine Rolle Stacheldraht. Du bist fremd, auch wenn alle ganz lieb sind und dir sagen, dass du dich wie zu Hause fühlen sollst. Du verstehst nichts, denn Schweizerdeutsch ist wirklich eine andere Sprache. Für mich war alles neu – wenn ich wenigstens aus der Landwirtschaft gekommen wäre… Ich kannte nichts: die Gegend nicht, die Menschen nicht, die Arbeit nicht. Das Schwierigste war am Anfang, dass ich meine Kräfte nicht einteilen konnte.

Oben auf der Alp warst nur du und die Familie, sonst niemand.

Mutter, Vater und drei Kinder.

Für den Kontakt zur Außenwelt bist du eine Stunde runter ins Dorf gelaufen, in das Café mit WLAN.

Oder 20 Minuten mit dem Auto. Ich hatte einen freien Tag in der Woche, der oft verschoben wurde. Wenn Heuwetter war, war eben Heuwetter.

Aus deinem Buch lese ich, dass dir diese Art zu leben und zu arbeiten sehr gut getan hat.

Es hat mir große Freude gemacht, wenn ich mal meine Geschwister oder meine Eltern vom Tal aus anrufen konnte, um meine großartigen Erlebnisse mit ihnen zu teilen. Es hat mir richtig Freude gemacht, in diese Welt einzutauchen.

Keine Ablenkungen, keine Medien, keine Events… Du stehst mit den Tieren zum Melken auf und gehst mit den Tieren ins Bett …

Wenn du abends noch Energie hast, sitzt du mit Hirt und Hirtin am Küchentisch, du unterhältst dich, du liest, oder du sitzt einfach da und schweigst. Das ist gar nicht ungewöhnlich, einfach nur da zu sitzen und froh zu sein, dass man sitzen und sich ausruhen kann.

Mir ist aufgefallen, wie kurz so ein Sommer auf der Alp ist. Im Juni gibt es noch nicht genug Gras auf den Weiden, und im August kann schon wieder der erste Schnee kommen. Wie lang muss da der dunkle Winter sein.

Das ist so in den Bergen. Auf 1400 Metern kann es in allen Farben blühen, und auf 1900 Metern fängt das Gras gerade erst an zu wachsen. Am Anfang hatte ich dafür noch keinen Blick. Es war spannend zu beobachten, dass ich auf einmal erkennen konnte, ob eine Weide schon bereit für die Tiere ist oder noch nicht.

Du hast auch fotografiert.

Manchmal bin ich abends mit der Kamera losgezogen. Oder wenn ich im Gguschticheer unterwegs war, konnte ich dann und wann die Kamera mitnehmen …

Dann hast du zu den Gast-Rindern von den anderen Bauern aus dem Tal geschaut.

Man muss einmal am Tag sehen, ob noch alle Tiere da und gesund sind, ob die Zäune ganz sind und ob die Brunnen Wasser haben. Bei den meisten Arbeiten hatte ich keine Hand für die Kamera frei, da habe ich sie gleich in der Hütte gelassen.

Als du wieder zurück warst, hast du eine Weile überlegt, ob es einen zweiten Bergsommer geben soll.

Ich hatte ganz großen Respekt vor der beruflichen Selbstständigkeit. Ich stellte mir die Frage: Wie wirkt es sich aus, wenn ich gerade erst die ersten Projekte und Kunden akquiriert haben würde und dann schon wieder die nächste viermonatige Abwesenheit ankündigen müsste?

Dass du nicht für immer in den Bergen bleiben würdest, war für dich also klar?

Ich wurde eines Morgens auf der Alp wach und wusste, ich gehe wieder zurück nach Köln. Ich möchte nicht Vollzeitbäuerin sein. Mein anderes Leben könnte ich dann niemals auch noch führen, mit Unterwegssein, Reisen, und das liebe ich genauso sehr.

Was machen Alp-Bauern eigentlich im Winter?

Meine Alp-Familie hat im Tal ihren eigenen kleinen Bauernhof. Markus, der Bauer, geht im Winter noch nebenher in einer Schreinerei arbeiten.

Von der Landwirtschaft allein leben können sie also nicht?

Bauern, die einen großen Hof haben, können sicher ganzjährig davon leben, aber die gehen im Sommer eher nicht auf die Alp, weil die Heuernte im Tal sie stark beansprucht. Bei meiner Schweizer Sommerfamilie ist es ein bisschen wie in der Geschichte von Heidi und dem Alm-Öhi. Im Sommer „z’Bärg“ zu gehen und im Winter ins Tal, ist eine Lebensphilosophie. Wer in diese Art zu leben hineingeboren ist, kann sich kein anderes Leben vorstellen.

Dann hast du also 2015 deinen zweiten Bergsommer gemacht…

… und der war perfekt, das Wetter war auch gut.

Und der dritte Bergsommer 2016 wurde dein letzter. Das war der Sommer, in dem dein Bruder Florian, kurz vor deinem Aufbruch, tödlich verunglückt ist.

Seitdem bin ich dort nur noch auf Besuch, für ein paar Wochen zum Helfen. 2018 ist meine Familie auf eine andere Alp umgezogen, die kleiner ist, sodass sie keinen Angestellten mehr brauchen.

Dazu muss man wissen, dass die Hirten oft selbst Angestellte sind, zum Beispiel von Viehzuchtgenossenschaften. Warum gab es für dich keine weiteren Bergsommer?

Als ich im Herbst 2016 von der Alp zurückkam, brauchte ich erst einmal Stabilität. Es ist ein Kraftakt, sein Leben auf Dauer zweigleisig zu fahren, zumal als Selbstständige: Projekte und Einkommen planen, die Wohnung untervermieten… Der Sommer 2016 war schwer und lang, und ich hatte nicht die Möglichkeit, in Anbetracht des Todes von Florian Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Ich musste erst mal wieder da sein und zur Ruhe kommen. Der andere Grund: Ich möchte mir durch meine berufliche Selbstständigkeit die Freiheit erhalten, neue Dinge auszuprobieren. Vielleicht gehe ich noch mal für einen Sommer auf eine Alp oder vielleicht verbringe ich mal ein paar Monate in Kanada oder Neuseeland. Die drei Alpsommer waren wirklich großartig, aber ich liebe auch meine Arbeit hier, und ich liebe auch andere Abenteuer.

Wann hast du entschieden, ein Buch über deine Bergsommer zu schreiben?

Nach meiner Trauerarbeit.

Hattest du Tagebuch geführt?

Nur Stichworte darüber, was an dem Tag jeweils an Arbeiten anstand oder was Besonderes passiert ist, zum Beispiel wenn sich ein Rind verletzt hat, ich einen Baum fällen durfte oder ein Kälbchen zur Welt kam. Aus Zeit- und aus Kraftgründen, abends mit schon halb geschlossenen Augen am Küchentisch, hat es meistens nicht für mehr gereicht.

Willst du mit deinem Buch jemandem etwas sagen?

Ich möchte ermutigen, neue Dinge auszuprobieren, sich zu erlauben und zu trauen, mit der gestellten Aufgabe zu wachsen, ein kleines Abenteuer in sein Leben zu holen. Es war eine tolle Erfahrung, sich als erwachsener Mensch mitten im Leben auf etwas komplett Neues einzulassen. Es hat Spaß gemacht, die Grenzen im Kopf zu sprengen, im eigenen Kopf und in den Köpfen der anderen. Ich hatte einen „prestigeträchtigen“ Job, einen tollen Titel auf der Visitenkarte. Und ich habe mich entschieden, das alles wegfallen zu lassen und stattdessen Gummistiefel anzuziehen, Mist zu schaufeln und bei 2 Grad im Regen Milchkannen zu waschen. Das war wie eine Kur.

Wann ist das richtige Alter dafür?

Meine Vorgängerin auf der Alp war Mitte 50. Es ist in jedem Alter eine Bereicherung, ein neues Abenteuer in sein Leben zu lassen. Ein neues Hobby reicht ja für den Anfang, oder sonntags mal eine andere Runde spazieren zu gehen und Neues zu sehen.

Du stellst dein Buch am Samstag, 29. Juni auf dem Eichenhof in Eichen vor. Warum da?

Das ist die Buchpremiere. Ich dachte, es ist schön, in den Ort zurückzukehren, wo ich aufgewachsen bin, der für mich der Ankerpunkt war, um das ganze Projekt möglich zu machen. Die Hälfte der Bucherlöse spende ich für Plant for the Planet.

Vielleicht sollten wir dann deine Fondue-Abende auch noch erwähnen.

Einmal im Monat veranstalte ich bei mir zu Hause in Köln ein Abendessen für den guten Zweck, ein „Fondue for Life“. Die Erlöse gehen an verschiedene Organisationen, zum Beispiel für den Umweltschutz oder Flüchtlingsarbeit. Zehn Leute passen an meinen Tisch. Das Herz des dreigängigen Abendessens ist ein Schweizer Käsefondue – da bin ich jetzt wohl ein bisschen die Botschafterin für geworden. Im Juli fahre ich wieder auf die Alp zum Holzen. Da werde ich sicher wieder Alpkäse mit nach Köln bringen.

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