Theater

Kult in der Wilnsdorfer Aula: „Hier spricht Edgar Wallace“

Diana Ward und ihre Tante sind in den Händen der wahnsinnigen Schurken, während dem Inspektor das Wasser bis an die Halskrause steigt.                   

Foto: Michael Kunz 

Diana Ward und ihre Tante sind in den Händen der wahnsinnigen Schurken, während dem Inspektor das Wasser bis an die Halskrause steigt.                   Foto: Michael Kunz 

Wilnsdorf.   Die Braunschweiger Komödie am Altstadtmarkt zeigt „Die toten Augen von London“ mit Schaffrath – eine Hommage mit Zitaten aus der Filmgeschichte.

Der reiche Australier Richard Porter wird tot aus der Themse gezogen. Die dritte Leiche schon, die im Fluss durch die britische Hauptstadt treibt, ohne Angehörige und mit einer dicken Lebensversicherung zugunsten einer wohltätigen Organisation. So beginnt die Geschichte um düstere Verwicklungen, Familiengeheimnisse und „Die toten Augen von London“, ein Theaterstück nach dem Roman eines gewissen britischen Autors – und spätestens bei dessen Namen aus dem Off wird klar, dass es hier nicht um ganz alltägliches Bühnengeschehen gehen wird: „Hier spricht Edgar Wallace!“

Fans erkennen vieles wieder

Der Brite Wallace hat nicht nur am Drehbuch des Klassikers „King Kong“ mitgeschrieben. Er war vor allem Stoff- und Titelgeber für die erfolgreichste und längste Filmserie des deutschen Nachkriegsfilms, die von 1959 bis 1972 und für 38 Produktionen reichte, unzählige Epigonen und Ableger nicht gerechnet. Ein Paradebeispiel für das von damaligen Nachwuchsfilmern so verhasste „Opas Kino“, das nichtsdestotrotz bis heute Kultstatus genießt und eben auch auf den Theaterbühnen solche Hommagen erfährt.

Die Produktion der Braunschweiger Komödie am Altstadtmarkt füllt am Samstag die Aula des Schulzentrums. Die Inszenierung von Oliver Geilhardt setzt auf Wiedererkennungswerte, nutzt Motive der legendären Filmmusiken von Böttcher und Thomas, zitiert ungeniert aus anderen Filmen der Serie und schreckt auch vor der einen oder anderen ironischen Note nicht zurück, ohne aber das Vorbild nur einmal bewusst lächerlich zu machen.

Michaela Schaffrath steht als Diana Ward klar im Zentrum der Geschichte. Ihre fast 50 Lenze versteckt sie mühelos hinter einer jugendlichen Unbekümmertheit, die an Heidi Brühl oder Brigitte Grothum erinnert, darf trotzdem deutlich tatkräftiger und energischer sein als die damaligen weiblichen Charaktere. Weshalb ihre Kriminalvolontärin und spätere unfreiwillige reiche Erbin auch eine Mischung der Figuren ist, die im Film von Karin Baal und Eddi Arent verkörpert wurden.

Erinnerung an große Vorbilder

Und sonst: „Die erinnerte mich an Elisabeth Flickenschildt“, sagt eine Zuschauerin über die geheimnisvolle „Mrs. Fitzgerald“ alias Beatrice Fago, während Wolfram Pfäffles Inspector Larry Holt interessanterweise überhaupt keine Ähnlichkeit mit Joachim Fuchsberger hat. Nahmen „Blacky“ oder sein Kollege Heinz Drache trotz der eigentlich englischen Figuren (fast) immer schon die gutdeutsche Biederkeit eines Kommissar Keller vorweg, ist der ‚Bühnen-Kriminaler’ optisch eher an Mike Hammer orientiert, wirft seinen Hut in Bond-Manier Richtung Ständer, hat gammlige Teebeutel im Trenchcoat und kommt gerade aus den Spielsälen von Monaco.

Die übrigen Figuren schaffen es, die Gegenwart von Vorbildern wie Kinski, Wüstenhagen, Borsche oder Berber irgendwie in den Köpfen des – wissenden – Publikums zu wecken, aber dennoch eine gewisse Eigenheit zu bewahren. Dabei ragt neben dem Heldenduo vor allem Christian Preuß als halbwahnsinniger „Reverend Dearborn“ hervor.

Das einfache Bühnenbild lässt das düstere London des Jahres 1966 lebendig werden. Beim Umbau zwischen 13. (!) Bildern setzt Spielleiter Geilhardt auf Slapstickeffekte, lässt seine Akteure als Bobbys oder unheimliche Mönche zu spannender Musik die Requisiten schleppen, manchmal in Zeitlupe verfallen oder kleine Mätzchen machen.

Gut dosierte Selbstironie

Wenn dann „Flimmer Fred“ (Thomas Henniger von Wallersbrunn) unter einer Laterne, die von einem Sinatra-Plattencover geklaut sein könnte, „Lili Marleen“ summen darf, wenn die Rede davon ist, dass der Reverend ein Stück mit dem Titel „Der Mönch mit der Peitsche“ schreibt, und das der guten Diana „irgendwie bekannt vorkommt“, oder sich der Inspector als „Pater Browns Schwiegermutter“ bezeichnet, wird noch zusätzliches Déjà-vu-Futter für den Connaisseur der seligen Wallace-, Mabuse- oder Weinert-Wilton-Zeiten geliefert, die auch heute noch für den Verkauf unzähliger Silberscheiben gut sind. Und da kann eine pferdeschwanzfrisierte Heldin am Ende trotz allem Selbstbewusstsein ihrem Inspector mit einem seufzenden „Oh Larry“ doch noch um den Hals fallen und das Bein niedlich beim Küssen heben. Wo gibt es das denn heute noch?!

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