Orkanfolgen

Kyrillschäden als Chance für Siegerländer Forstwirtschaft

Der Kirchenwald Rödgen: Eine Windhose fuhr in die Schonung, links stehen noch die hohen Fichten, rechts sind die ersten Laubbäume bereits fünf Meter hoch – ein wichtiger psychologischer Faktor für die Waldbesitzer.

Der Kirchenwald Rödgen: Eine Windhose fuhr in die Schonung, links stehen noch die hohen Fichten, rechts sind die ersten Laubbäume bereits fünf Meter hoch – ein wichtiger psychologischer Faktor für die Waldbesitzer.

Foto: Hendrik Schulz

Siegerland.   Die Katastrophe hatte eine gute Seite: Der Wald in Siegen-Wittgenstein ist naturnaher geworden. Und der Genossenschaftsgedanke hat Hochkonjunktur

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Ohne das Genossenschaftswesen hätte die Holzwirtschaft im Kreis Siegen-Wittgenstein die Kyrill-Schäden nicht bewältigen können. Diethard Altrogge kann auch nach zehn Jahren immer noch staunen darüber, wie Waldbesitzer, Förster und Unternehmen an einem Strang zogen. „Die Kooperation für die Vermarktung und Waldbehandlung war unser Erfolgsgarant“, sagt der Leiter des Siegen-Wittgensteiner Regionalforstamtes, „sonst hätten wir nicht zwei Millionen Festmeter zu guten Preisen verschieben können.“ Zehn Jahre nach dem Orkan, der allein im Kreis Siegen-Wittgenstein 5000 Hektar Wald zerstörte, das zwölffache normalen Jahreseinschlags, sind die Folgen immer noch sichtbar.


1. Der Wald ist durch Kyrill krisensicherer geworden. 93 Prozent der Waldfläche im Kreis waren vor dem 18. Januar 2007 von Fichten bewachsen, eine Notlösung, eigentlich, nachdem die Siegerländer Buchenbestände durch die Gewinnung von Holzkohle nahezu vernichtet worden waren. Zunächst war das segensreich: Fichte wächst schnell, hat eine hohe Masseleistung, lässt sich vielfältig verwenden. Aber die hohen Fichten, 120 Jahre alt, fielen schneller, richteten höhere Schäden an. Man ging weg von reiner Fichte, ergänzte Arten wie Lärche, Tanne, Douglasie. Und fällt Bäume früher. Ganz nebenbei entstand ein „Handbuch Sturm“, das die zentralen Punkte des Krisenmanagements bereithält.

2. Der Genossenschaftsgedanke hat Hochkonjunktur. Zunächst wollte in Wittgenstein am Tag 1 nach Kyrill jeder in seinen Forst Ordnung schaffen, erzählt Altrogge – Chaos. Schnell wurde klar: Es geht nur zusammen. Mehr als 250 Unternehmen waren in der Region in den beiden damaligen Forstämtern Siegen und Hilchenbach mit der Aufarbeitung der Schäden beschäftigt, Förster und Waldbesitzer ackerten rund um die Uhr. Alle halfen allen anderen, der Reihe nach, auch finanziell. „Es kam alles in einen Pott, hinterher wurde geteilt“, so Altrogge. Die Waldbesitzervereinigung entstand, sie wächst heute noch.


3. Natürlicherer Wald trägt zur Klimastabilität bei. „Vor zehn Jahren haben wir die ersten Anzeichen des Klimawandels zu spüren bekommen“, sagt Altrogge, nach einem langem, ungewöhnlich warmem Herbst und Winter bildete sich Kyrill über dem Atlantik. „Mischungsreiche, artenreiche Wälder sind stabiler“, sagt Altrogge, „und sie binden Kohlendioxid im Holz.“

4. Der Wald ist naturnaher geworden. Ohne Kyrill hätte kein Waldbesitzer durchforstet – warum auch ohne Not weniger ertragreiche Baumarten einsetzen. Aber nun waren die Freiflächen da; Gelegenheit, das Prinzip „Durchmischung“ umzusetzen. Kyrill hat die Böden besser gemacht, Nährstoffe drangen in den Boden ein. „Nadelholz ist nach wie vor das wirtschaftliche Rückgrat“, sagt Altrogge – aber andere Nadel- und Laubhölzer wurden dazugestellt, in einem Maße, der die Wirtschaftlichkeit erhält. „Wir können die Wälder nicht nach der Holzverwendung von heute ausrichten“, sagt der Wilnsdorfer Revierförster Gerhard Lobe, stattdessen wird der Wald so bewirtschaftet, wie die Natur es vorgibt. Im Kirchenwald Rödgen hat Lobe dort, wo vor zehn Jahren nur Fichten standen, Baumarten so gepflanzt, wie es ihren Bedürfnissen idealerweise entspricht.


5. Das Wild liebt den natürlicheren Wald. „Reh-, Rot- und Schwarzwild fühlten sich auf den Flächen wohl“, sagt Helmut Ahlborn, sie boten Nahrung und Deckung, die Jäger kamen nicht hinterher – und tun es heute noch nicht. „Wir müssen aufpassen, dass das Konzept nicht vor die Wand fährt, weil Mischbestände kaputtgefressen werden“, sagt Ahlborn.

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