Musik

Legende lebt weiter: Band Ton Steine Scherben in Breitenbach

Zwei Urgesteine der Kultband „Ton Steine Scherben“ und ein großartiger Sänger erinnern in der Breitenbacher Kulturscheune „Sonnenhof“ an die Musik Rio Reisers

Zwei Urgesteine der Kultband „Ton Steine Scherben“ und ein großartiger Sänger erinnern in der Breitenbacher Kulturscheune „Sonnenhof“ an die Musik Rio Reisers

Foto: Wolfgang Leipold

Breitenbach.   Zwei Urgesteine der Kultband „Ton Steine Scherben“ und ein großartiger Sänger erinnern in der Kulturscheune Sonnenhof an die Musik Rio Reisers.

Breitenbach ist zugeparkt, die Zahl der Einwohner an diesem Abend deutlich geringer als die der Besucher aus nah und fern. Autokennzeichen aus Bielefeld, Trier, ja selbst aus Hamburg werden gesichtet. Die Musik der Band „Ton, Steine, Scherben“ zieht immer noch, zumal mit dem Mitbegründer Kai Sichtermann und dem vier Jahre später hinzugekommenen Funky A. Götzner knapp 100 Jahre Banderfahrung auf der Bühne der ländlich-idyllisch gelegenen Kulturscheune Sonnenhof stehen. Als Sänger haben Schlagzeuger Götzner und Bassist Sichtermann ein Multitalent aus Franken dabei, der sich Gymmick nennt, ein Begriff aus dem Englischen, den man am ehesten mit „Werbegeschenk“ übersetzen

kann. Und zur Hälfte passt diese Wortwahl, weil Gymmick sich vom ersten Ton an als Geschenk sowohl für die Kollegen als auch für das Publikum erweist. Sein musikalisches Vorbild ist riesengroß. Denn von 1970, dem Gründungsjahr der „Scherben“ wie sie sich selbst nannten, bis zum Jahr 1985 war ihr Frontmann der charismatische Rio Reiser. Alkohol- und drogenabhängig starb dieser 1996 mit gerade einmal 46 Jahren. Seine Musik aber lebt weiter. Auch dank Gymmick.

Großes Rudelsingen entsteht

„Mein Name ist Mensch“ hat die Band in Breitenbach als Eröffnungstitel gewählt. Ein Lied aus dem Gründungsjahr der „Scherben“. Da war Gymmick noch nicht geboren. Der Text ist nicht so politisch wie spätere, formuliert aber das Credo der Band und anderer Menschen: „Ich habe viele Väter, ich habe viele Mütter…Meine Väter sind schwarz, meine Mütter sind gelb“. Er singt von freier Liebe, und beim „Lass uns ein Wunder sein, ein wunderbares Wunder sein“, mit dem die Scherben 1983 in die Hitparaden kamen, entsteht in der Breitenbacher Kulturscheune ein großes Rudelsingen. Viele Lieder der Scherben enthalten politische Forderungen und eine große Portion Kapitalismus-Kritik: „Ich hab jede Menge Zeit, ich bin arbeitslos“, „Wann, wenn nicht jetzt“ oder „Wir brauchen keine Hausbesitzer, die Häuser gehören uns“, mit dem sie ihre Sympathie und Unterstützung für die Hausbesetzer-Szene deklamieren. Und „Der Turm stürzt ein, Halleluja“ gerät herrlich subversiv und doch so beängstigend aktuell.

Unvergängliches Erbe Reisers

Doch am meisten beeindrucken die gefühlvollen Lieder: „Schritt für Schritt ins Paradies“ oder „Halt dich an meiner Liebe fest“ gehören zum unvergänglichen Erbe von Rio Reiser, dem „König von Deutschland“. Vor allem auch dank eines Sängers wie Gymmick, der gar nicht erst versucht, die Stimme von Rio Reiser zu kopieren – dazu ist die eigene eine Spur zu rau – , sondern dessen Liedern auch instrumental mit Gitarre oder Keyboard einen eigenen Charakter zu geben. Und Kai Sichtermann und Funky Götzner? Die begleiten die Kunst ihres Frontmanns mit all der Gelassenheit einer riesigen Erfahrung und der sympathischen Überzeugung, keinem mehr ihr Können beweisen zu müssen.

Natürlich wurde in Breitenbach Ton Steine Scherben weder neu erfunden noch war es ein Konzert für Nostalgiker. Es war ein Konzert für das Publikum, das mitsingend, mittanzend, mitklatschend die Musik einer legendären Band genoss.

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