Schauspiel

Literaturkurs Stift Keppel mit „Nathan der Weise“ im Theater

In Position für das islamische Morgengebet:  „Können Sie mir bitte sagen, welcher Gott hier wohnt und zuständig ist?“

Foto: Steffen Schwab

In Position für das islamische Morgengebet: „Können Sie mir bitte sagen, welcher Gott hier wohnt und zuständig ist?“ Foto: Steffen Schwab

Allenbach.   Theaterbühne statt Aula: Die Gymnasiasten verstärken „Poetenpack“ im Dahlbrucher Gebrüder-Busch-Theater. Beitrag zu den Wochen gegen Rassismus.

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Der Zettel mit der Sammelentschuldigung für 15 Oberstufenschülerinnen und -schüler hängt im Lehrerzimmer von Stift Keppel: Ab sofort wird nachmittags „Nathan der Weise“ geprobt. Für das große, das richtige Theater.

Davor: Der Vorhang

Das mit weißem Klebeband auf dem Fußboden markierte Rechteck ist die Bühne. Die Hand vor den Augen ist der Vorhang. „Vorhang auf“, ruft Sylvia Rentmeister. Lea, Anastasia und Linda haben sich zu einem lebendigen Bild formiert. Abweisend? Hochnäsig? Aggressiv? Die Jugendlichen, die ihren Mitschülerinnen zuschauen, versuchen die dargestellten Haltungen zu deuten. „Die ist einfach nur sauer“, sagt schließlich einer. „Kann man so lassen“, sagt Sylvia Rentmeister.

Die elf vom Literaturkurs der Q 1 und vier weitere aus den anderen Oberstufenjahrgängen von Stift Keppel proben Nathan. Nicht die ganzen drei Stunden. Sondern nur ihre eigenen Szenen. Den Rest des Lessing-Schauspiels liefert das „Poetenpack“, das Ensemble aus Potsdam, das am Dienstagabend in Hilchenbach eintrifft. Mittwoch treffen sich Schüler und Profis zu einer Verständigungsprobe, Donnerstag zur Generalprobe. „Ich bin gespannt, wie die Schüler auf das Stück reagieren“, sagt Lehrerin Maja Röder. Gesehen haben sie es nämlich noch nicht.

Ein Tempelherr (Christ), einst von Sultan Saladin (Moslem) begnadigt, rettet Recha (Jüdin) vor dem Feuertod. Deren Vater Nathan verweigert seiner Tochter die Hochzeit mit dem Tempelherrn. Denn in Wirklichkeit ist Recha christliches Waisenkind und der Tempelherr Neffe des Sultans. Berühmt ist die Ringparabel, mit der Nathan dem Sultan erklärt, dass es die eine wahre Religion nicht gibt.

Dazwischen: Lernen

Angefangen haben sie auch an diesem letzten Tag der Workshopwoche mittags mit Lockerungsübungen. „Die haben schließlich sechs Stunden Schule hinter sich“, sagt Gabriel Reiner vom „Poetenpack“, der am Donnerstag einen Derwisch spielt und jetzt mit Sylvia Rentmeister die Schülerproben leitet. „Das macht die Sache anstrengend“, weiß Maja Röder, deren Truppe schon mit einer eigenen Szenenfolge „Hilchenbach, was macht der Krieg?“ auf der Bühne und gerade bei der Apollo-Tour mit „Zugzwang“ dabei war. Abi, Klausuren: Da will gerade niemand Unterricht verpassen.

Fynn bekommt ein Problem. Er steht allein auf der „Bühne“, versucht seinen Part bei dem Trauerzug zu vermitteln, der hier gerade einstudiert wird. „Hört doch mal auf, ihn abzulenken“, wendet sich Sylvia Rentmeister ziemlich ungehalten an die zuschauenden Mitschüler, „das ist sauschwer, was er da macht.“ Vorher sind Maja Röder und Emina dran. „Die Maja hat was von einem Apostel“, findet Gabriel Reiner.

Dabei: Eine Botschaft

„Ich darf sogar mitspielen“, freut sich Maja Röder, die das darstellende Spiel meist nur unterrichtet. Ihre Rolle: nichts weniger als das „Volk“. Das Ganze: ein Gesamtkunstwerk, ein gemeinsamer Beitrag von Schule und Gebrüder-Busch-Kreis zu den Hilchenbacher Wochen gegen Rassismus. Es geht ums Theaterspiel — „hier kann man sich was abgucken.“ Um den Klassiker. Und um die Botschaft: Vielfalt leben, „indem man sich in den anderen reinfühlt“. Zwei Muslima aus der EF gehören zum Ensemble: Sie haben ihren christlichen Mitschülerinnen gezeigt, wie sie ihre Kopftücher binden.

„Können Sie mir bitte sagen, welcher Gott hier wohnt und zuständig ist?“ Mit dieser Frage beginnt die bühnenfüllende Szene mit dem Morgengebet. Torben spielt den Vorbeter, die anderen bewegen sich zu ihren Positionen. Die einen bleiben stehen, die anderen knien nieder. „Die Bühne frei lassen für die Gehenkten“, mahnt Sylvia Rentmeister, bevor das Bild einfriert.

Danach: Keine Party

Nathan der Weise ist mehr als abendfüllend, der Vorhang senkt sich erst nach 23 Uhr. „Und am nächsten Morgen ist wieder Schule“, begründet Maja Röder, warum die Schülergruppe keine After-Show-Party mit dem Poetenpack eingeplant hat. Immerhin: Die eigentlich vorgesehene Klausur am Freitag wird für die Nathan-Akteure verschoben, ebenso der Abgabetermin für die Facharbeit.

Vier männliche Mitwirkende tragen die Bahre mit dem verhüllten Leichnam, die Darstellerinnen des Trauerzugs folgen – und die letzten von ihnen stehen immer noch auf der Bühne, als das letzte Wort des Kaddisch gesprochen ist. Das ging schief, „langsamer gehen und langsamer sprechen“, rät Sylvia Rentmeister. Das Ganze von vorn. Passt. „Super.“

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