Landgericht

Messerangriff: Unterbringung ist kein Thema mehr

Vor der1. Strafkammer des Siegener Landgerichts muss sich ein 22-Jähriger wegen eines Messerangriffs auf einen 36-Jährigen verantworten.

Vor der1. Strafkammer des Siegener Landgerichts muss sich ein 22-Jähriger wegen eines Messerangriffs auf einen 36-Jährigen verantworten.

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Messerangriff vor der Sparkasse Siegen: Verteidiger sieht Bedrohung als zweifelhaft. Staatsanwältin fordert Haft.

„Es ergeben sich manchmal Überraschungen“, findet Verteidiger Björn Lange zu Beginn seines Plädoyers. Es geht um den jungen Syrer, der am 2. August 2018 einen Mann an der Siegener Sparkasse mit einem Messer verletzte und vorher 20 Euro verlangte. Angeblich mit der Drohung, den anderen sonst zu töten und möglicherweise im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit.

Der Nachweis einer Bedrohung ist für Lange nach der Beweisaufnahme zumindest zweifelhaft. Von einer psychischen Einschränkung oder gar nötigen Unterbringung des Mandanten ist nach dem Gutachten des Sachverständigen gar keine Rede mehr. Folgerichtig beantragt der Verteidiger eine „angemessene Strafe“, die auf jeden Fall zur Bewährung ausgesetzt werden müsse.

Der Geschädigte

Am Vortag hatte der Angeklagte geschildert, lediglich jenes Geld gefordert zu haben, das ihn der andere Mann dadurch kostete, dass er ihn von seinem Automaten in einer Spielhalle vertrieb. Drohungen gegen das Leben des Verletzten seien nicht gefallen. Der Mann (36) stellt den Sachverhalt genau umgekehrt da. Der Angeklagte habe sich an den vorher von ihm genutzten Spielautomaten gesetzt und seine 20 Euro verzockt, vielleicht danach noch 20 eigene eingeworfen. Dann sei ihm der Mann gefolgt, als er zur Sparkasse ging, um dort 800 Euro abzuheben, berichtet der Geschädigte weiter.

Es habe weder einen richtigen Streit noch eine ernsthafte Aus­einandersetzung gegeben. Der 22-Jährige habe ganz plötzlich ein Messer gezogen und ihn verletzt. Zur Verdeutlichung streift das Opfer den Pullover ab und zeigt dem Gericht die Narbe. „Er ist kein Mensch, er ist ein Tier. Er verdient es gar nicht, unter Menschen und hier in Deutschland zu leben“, erregt sich das Opfer in Richtung des Angeklagten.

Schon in der Spielhalle sei dieser überaus nervös gewesen. Dort habe er ihn einmal von hinten fest gepackt und ihm erklärt, er solle ruhig bleiben, unterstreicht der Geschädigte. Vor der Sparkasse hingegen sei es nicht zu lauten Worten oder gar Handgreiflichkeiten gekommen.

Der Zeuge

Diesen Teil der Aussage zieht Verteidiger Lange später in Zweifel. Ein weiterer Beteiligter hatte am Donnerstag ausgesagt, die beiden ihm fremden Männer hätten sich gegenseitig an den Sachen gezerrt und auf Arabisch angeschrien. „Ich verstehe arabisch. Ich bin selbst Araber. Ich wollte schlichten“, berichtete jener Zeuge weiter.

Unter anderem sei es zu heftigen Beleidigungen des Angeklagten durch das spätere Opfer gekommen. Todesdrohungen seitens des Angeklagten verneinte er ausdrücklich. Seine Schlichtungsversuche seien vergeblich gewesen: „Wäre ich nicht weggesprungen, hätte ich das Messer abbekommen.“ Jener Zeuge sprach gut Deutsch und schilderte die Situation nachvollziehbar. Das, stellt der Anwalt fest, könne vom sichtbar emotionalen Geschädigten nicht unbedingt gesagt werden. Dieser behauptet sogar, der Angeklagte habe dem Zeugen ebenfalls zugerufen, „dass er mich töten will!“

Der Sachverständige

Der Angeklagte habe eindeutig unter einer paranoiden Schizophrenie gelitten, weist Nervenarzt Dr. Bernd Roggenwallner anhand einer Reihe von Vorfällen aus den Jahren 2016 bis 2018 nach. Nach Auskunft eines aktuell behandelnden Arztes ist die Störung aber derzeit komplett abgeklungen, müsse wohl vor allem drogeninduziert gewesen sein. Inzwischen sei der Proband drogenfrei, bekomme außer gelegentlich einem leichten Beruhigungsmittel keine Medikamente und sei unauffällig. Der junge Mann hatte nach eigenem Bekunden früher regelmäßig Bier getrunken und Marihuana geraucht. Über seinen exakten Zustand zur Tatzeit kann nichts festgestellt werden. Nach seiner Verhaftung am 7. August habe es bis in den September gedauert, bis es in der JVA zu Problemen und schließlich der Überstellung ins Krankenhaus kam. Der Gutachter muss daher davon ausgehen, dass zur Tatzeit keine Störung vorlag. Über eine Unterbringung muss gar nicht geredet werden.

Die Staatsanwältin

Staatsanwältin Vera Ortlieb sieht anschließend die Tatvorwürfe der versuchten schweren räuberischen Erpressung und der gefährlichen Körperverletzung erfüllt und beantragt ein Jahr und acht Monate ohne Bewährung. Sie befürchtet Fluchtgefahr nach Syrien.

Der Verteidiger

Verteidiger Lange hält das für ausgeschlossen und verweist darauf, dass der Schnitt nach Auskunft der Mediziner zu keinem Zeitpunkt lebensgefährlich war.

  • Mehr Nachrichten, Fotos und Videos aus dem Siegerland gibt es hier.
  • Die Lokalredaktion Siegen ist auch bei Facebook.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben