NRW-Wahl 2017

Mit Minister Johannes Remmel (Grüne) zu Siegens neuen Ufern

NRW-Umweltminister Johannes Remmel  (Grüne) an Siegens neuen Ufern: „Das Genialste, was wir hinbekommnen haben."

NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) an Siegens neuen Ufern: „Das Genialste, was wir hinbekommnen haben."

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Johannes Remmel sagt: Klimaschutz und Sicherheit gehören zusammen. Beim Redaktionsbesuch geht es aber auch um Fußball.

  • Johannes Remmel kandiert für den Landtag – aber eigentlich will er gern Umweltminister bleiben
  • Grüne Themen werden zu Unrecht verkannt, sagt Remmel: Klimaschutz und Sicherheit gehören zusammen
  • Der Minister aus Siegen hat sein Privatleben abgeschirmt — aber verschlossen ist er nicht

Johannes Remmel macht blau. Eigentlich wäre er um Viertel nach sechs abgeholt worden, am Montagmorgen ist Lagebesprechung im Ministerium. Stattdessen: Redaktionsbesuch in Siegen.

Der Minister kommt mit leeren Händen. Das Handy genügt. Das Ministerbüro hat aus Düsseldorf angerufen, dass Remmel unterwegs in der Bahnhofstraße sei. Mit dem Mobiltelefon werden sich Minister und Fahrer später zusammentelefonieren. Wer da die Leine führt, der Apparat oder der Minister? Vielleicht sprechen wir darüber.

Die Politik

Energiewende auch auf die Straße bringen.

Das ist Johannes Remmels Thema: Es braucht Leitungen, Netze, Speicher. „Im Moment ist das im Bewusstsein wenig verankert.“ Ohne den Politikblock geht es am Morgen nach der Saarland-Wahl nicht. „Nicht schön“ sei das Ergebnis, sagt Johannes Remmel, der zwar für den Landtag kandidiert, aber eigentlich Umweltminister bleiben möchte. „Wir sind in einer schwierigen Situation.“ Verstehen könne er das Bedürfnis, eher Sicherheit als Veränderung zu wollen, gerade jetzt. Nur: Einlösbar sei das nicht.

Menschen flüchten, weil sie kein Wasser haben, weil sie vom Ertrag ihrer Äcker nicht leben können. „Klimaschutz und Sicherheit hängen zusammen.“ Der große Bogen ist in aller Kürze geschlagen: vom Marshallplan für Nordafrika (nötig) über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (macht Solarmodule bezahlbar, für Libyen und Nigeria, zum Beispiel) bis zur „klaren Leitentscheidung“ für die Automobilindustriezulieferer, dass Strom und Wasserstoff Benzin und Diesel ablösen.

Die Konflikte

„Es gibt Dinge, die steckt man weg.“

Zum einen, weil man halt Profi im politischen Geschäft ist. Zum anderen, weil man Verwundbarkeit nicht zeigt. Als Umweltminister steht er für vieles, was vielen Menschen nicht passt: Windkraftausbau, neues Jagdgesetz, Hygieneampel. Mancher Eindruck, sagt Johannes Remmel, täuscht: „Im Großen und Ganzen bin ich mit den Verbänden gut im Geschäft.“

Als Abgeordneter, gibt Remmel zu, sei er „auch nicht zimperlich“ gewesen. Nur das Beschimpft-Werden mag er nicht. Man kann sich vorstellen, was er meint. Dass es zu viel „remmelt“, hat jüngst der Siegener IHK-Präsident Felix Hensel kritisiert. Dass die Gesellschaft „durchgrünt“ sei, hatte Verkehrsminister Michael Groschek festgestellt, ohne das nett zu meinen. Der eigene Koalitionspartner? „Wir haben es diesmal viel besser gemacht“, vergleicht Johannes Remmel die ersten rot-grünen Koalitionen mit der aktuellen. „Aber am Ende schaut jeder, wo er bleibt.“

Das Amt

„Sie müssen sich um nichts kümmern.“

Der Apparat begrüßt am 15. Juli 2010 einen Anfänger. Und meint: Am besten, Sie kümmern sich wirklich um nichts. „Die haben schnell lernen müssen“, erzählt Remmel aus seinen ersten Ministertagen: Was er öffentlich sagt, lässt er sich nicht von seinen Pressesprechern vorschreiben. „Gewonnen“, gibt Remmel zu, haben dagegen die Terminreferentinnen: „Sobald ich mich einmische, wird’s chaotisch.“

Anfänger war Remmel eigentlich nicht wirklich: Als Abgeordneter hatte er 15 Jahre lang die Themen beackert, für die er nun Verantwortung trägt. Neu ist eine Zeiteinheit: Ein Pilotenkoffer entspricht anderthalb Stunden Arbeitszeit, entweder im Auto, oder abends zu Hause, irgendwo um Mitternacht herum. Manchmal sind es nur zwei Koffer, am Wochenende auch mal vier bis fünf. Der Ruheraum im Ministerbüro ist keine gute Alternative zum Frühstück in Siegen.

Das Private

„Gottseidank haben wir unsere Namen behalten.“

Zumindest am Nachnamen erkennen Außenstehende nicht, wer Ehefrau und wer Sohn des NRW-Umweltministers ist. Bisher hat kein Fernsehteam Zutritt in die Wohnung der Familie bekommen. Remmel schützt seine Privatsphäre. Unnahbar ist er nicht. Deshalb hier alles, was Johannes Remmel gern und vergnügt von sich preisgibt: die Geschichte mit der Fußballerkarriere, die ihn, längst Jugendtrainer, fast aus Versehen noch in Kaans 1. Mannschaft führte und nach dem 36. Geburtstag mit einem Wadenbeinbruch schmerzhaft endete.

Die Geschichte mit dem Garten, der selbst gekochten Marmelade, den selbst gebauten Hochbeeten — die Mutter, die aus Paderborn stammt, habe die Landwirtschaft mit nach Kaan in die Familie gebracht. Die Sache mit dem K-Gruppen und den Grünen — hier der Katholik und seine Konfrontation mit strengen pietistischen Bräuchen. Remmel, Pfadfinder und KJGler, hat mitbekommen, wie Mitschüler den Raum verlassen mussten, wenn der Lehrer für den Unterricht ein Fernsehgerät in die Klasse geschoben hat. Heimat? „Eine Annäherung, die in feste Verbundenheit übergeglitten ist.“

Foto mit Remmel an Siegens neuen Ufern

Die Zeit ist um. Für das Foto gehen wir zu den neuen Ufern. „Das Genialste, was wir hinbekommnen haben“, sagt Remmel und erinnert, dass die Sperrung der Brüder-Busch-Straße eine der ersten Siegener Grünen-Initiativen war. Auf dem Rückweg fällt der Blick auf das Biennale-Transparent am Apollo: „Heimat2“. Wer das fühlt, versteht, warum andere so danach suchen. Alles gehört zusammen.

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