Freibad

Müsen feiert 50 Jahre größtes Naturfreibad Südwestfalens

Wieland Abele (rechts) und  Heinz Scheffesind wie alle Müsener stolz auf ihr Bad: Markenzeichen sind die Fontäne, der für eines der Hafenfeste gebaute Leuchtturm und die Insel als manchmal umkämpftes Sonnendeck. Foto:Steffen Schwab

Wieland Abele (rechts) und Heinz Scheffesind wie alle Müsener stolz auf ihr Bad: Markenzeichen sind die Fontäne, der für eines der Hafenfeste gebaute Leuchtturm und die Insel als manchmal umkämpftes Sonnendeck. Foto:Steffen Schwab

  1968 macht die Gemeinde aus der „Badeanstalt“ am ehemaligen Hüttenweiher ein richtiges Freibad. 1986 übernimmt der TuS Müsen den Betrieb.

„Einmal von der Fontäne runter“, tönt es aus dem Lautsprecher, „Dankeschön.“ Der junge Badegast verzieht sich gehorsam von dem Bauwerk. Wie vielleicht schon seine Mutter oder sein Vater, Oma oder Opa. „Das wäre früher nicht passiert“, kommentiert Wieland Abele trocken. Also: das mit dem „Dankeschön“. Abele leitet seit drei Jahren die Freibad-Abteilung des TuS Müsen. Am Samstag wird mit einem Familientag Jubiläum gefeiert. 8000 Quadratmeter Wasserfläche, 12 000 Quadratmeter Liegewiese: Südwestfalens größtes Naturfreibad wird 50.

1968 hatte einen heißer Sommer. Die Investition von 700 000 Mark kam aber auch so zur rechten Zeit: Zum Jahresende verloren die Gemeinden des Amtes Keppel ihre Selbstständigkeit, allzuviel Geld wollten sie der Hilchenbacher Stadtkasse nicht überlassen. Weshalb auch die Dahlbrucher Nachbarn sich spendabel zeigten und, obwohl sie sich selbst auf den letzten Drücker ein Hallenbad geleistet hatten, auch noch 60 000 Mark in Müsen dazugaben. Das Freibad an sich war allerdings auch nicht ganz neu: Vorher hatten die Müsener an gleicher Stelle in ihrem – unteren – Hüttenweiher gebadet, der wie der obere, heute von den Anglerfreunden genutzte Hüttenweiher Wasserspeicher für Stahlberg und Hammerwerke war. 1930 wurde die Umkleidehütte gebaut, 1935 der Sprungturm zusammengezimmert. Fertig war die aus dem Rothenbach gespeiste „Badeanstalt“.

60 Aktive kümmern sich um den Betrieb

„Man braucht gar nicht irgendwohin zu fliegen“,sagt die Frau, die gerade ihr Bad genommen hat und sich, wie das hier fast jeder macht, persönlich bei der Mannschaft verabschiedet. 24 Grad hat das Wasser, für Müsener Verhältnisse fast schon heiß.

Es geht auf den Feierabend zu, um 20 Uhr ist Schluss. Heinz Scheffe ist schon da, er gehört zum Team für den Außenbereich und wird gleich noch einmal eine gute Stunde übers Gelände gehen, die wenigen Papierchen aufsammeln, vergessene Kleidungsstücke an der Kasse deponieren. Dann kommt auch der „Quirl“, ein Gerät, das am Beckenrand befestigt wird und das Wasser umwälzt, zum Einsatz. Die Wiese bleibt bis zum Landregen, der hier nicht wirklich ersehnt wird, braun. „Das Problem haben alle“, sagt Wieland Abele.

„Ich bin seit meiner Kindheit hier“, sagt Wieland Abele. Den Freibadjob hat er von seinem inzwischen verstorbenen Onkel übernommen. Karl Achim Setzer war Chef im Bad, seit der TuS hier Regie führt. „Ich habe früher nie verstanden, warum mein Onkel hier Tag und Nacht gearbeitet hat.“ Inzwischen schon: „Wir haben hier eine gute Atmosphäre.“

Um die 60 Aktive halten zusammen: bei zuletzt jährlich rund 800 Arbeitsstunden für die Instandhaltung, 596 für die Badeaufsicht, 401 für den Kassendienst und 314 für den Kiosk. Dort übrigens ist Ulla Hauptmann mit ihren sagenhaften Pommes die gute Seele. „Sie kommt morgens als Erste und geht abends als Letzte.“ Auch wenn sie ihren 70. Geburtstag schon vor einer Weile gefeiert hat.

1982 läuten die Alarmglocken. Die Bezirksregierung findet, dass die notorisch klamme Stadt sich nicht drei Freibäder (das in Allenbach gab es damals auch noch) und ein Hallenbad leisten soll. Um die Schließung abzuwenden, verhandelt die Stadt auch mit der Firma aus dem Ruhrgebiet, der damals das Feriendorf gehörte. Am Ende kam es zur Hilchenbacher Lösung: Die Sportvereine übernahmen den Betrieb der Freibäder auf eigene Rechnung, der TuS Müsen 1986. 6000 Euro im Jahr schießt die Stadt zu, die außerdem für größere Reparatur- und Unterhaltungsarbeiten aufkommt.

Saison oft bis in den September

„Die Müsener sind mit ihrem Bad unheimlich verbunden“, bestätigt Heinz Scheffe. Ganz umsonst arbeitet aber heute niemand mehr fürs Bad. Zumindest eine Aufwandsentschädigung kann der Verein für die geleisteten Dienste bezahlen, „viele spenden ihre Arbeitsleistung aber auch“, sagt Wieland Abele. Seit sie einen eigenen Ausbilder in ihren Reihen haben, können sie selbst Rettungsschwimmer ausbilden: Der „Schein“ ist attraktiv. „Wir haben tatsächlich fünf neue Rettungsschwimmer gewinnen können“, sagt Abele, „die haben wir aber auch gebraucht.“

Leicht ist das nicht, Schüler oder Studenten für die Aufsicht am Beckenrand zu gewinnen – die haben keine Zeit mehr. Apropos: Für junge Menschen ist das Freibad nicht mehr alternativlos. „Die haben heute viel mehr Möglichkeiten, als wir sie damals hatten.“ Was dazu führt, dass dieser Supersommer zwar über 20 000 Besucher und damit mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr zieht, die 70 000 aus guten Sommern der 1970er Jahre aber für immer unerreichbar bleiben.

„Wir müssen die Attraktivität permanent steigern“, sagt Abele. Die Erneuerung von Duschen und Kabinen steht im Winter an, Sonnensegel und (Senioren-)„Lounge“ spenden Schatten, ein neuer Steg an der Grenze von Nichtschwimmer- und Schwimmerbereich ist geplant, ein richtiger Strand. WLAN gibt es inzwischen auch. Die Sache mit dem Steg dürfte den Kreiskulturbauin­spektor freuen, der 1963 den Ausbauplan für den „Badeweiher“ kritisiert: Dass da nur eine Leine statt ein Steg den Schwimmerbereich abgrenze, „befremdet besonders, weil die Entwurfsunterlagen von einem Bäderarchitekten angefertigt wurden“.

Hallo und Tschüss.“ Das Bad leert sich ganz langsam. Immer noch 36 Grad. Auch in der Nacht wird der eine oder andere wieder für eine Abkühlung über den Zaun kommen. Das war vor 50 Jahren so, und das ist heute so. „Das gehört halt auch dazu“, stellt Wieland Abele fest. Der Müsener Sommer kann noch ganz lange dauern. Bis Mitte September allemal. Müsener Schwimmgäste drehen ihre Runden auch noch bei 16 Grad Wassertemperatur. „Nodda.“

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