Wettbewerb

Poetry-Slam feiert 15. Geburtstag im Siegener Apollo-Theater

Jean-Philipp Kindler (links) und Florian Wintels sind die Finalisten des Slams.

Jean-Philipp Kindler (links) und Florian Wintels sind die Finalisten des Slams.

Foto: Wolfgang Leipold

Siegen.   Vier Teilnehmer slammen auf der Theaterbühne um die Gunst des Publikums und bringen mit ihren Vorträgen die Zuschauer zum Toben.

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Das Durchschnittsalter der Besucher liegt deutlich unter 30. Ihr nicht abgesprochener Dress-Code: Eher T-Shirt als Anzug. Die Stimmung reicht von gespannt bis erwartungsvoll. Slam-Wettbewerbe ziehen eben und Siegen ist eine Hochburg der Szene. Besonders wenn Poetry angesagt ist, die Mutter aller Slams. Dieser Wettstreit der Wortkünstler feiert seinen 15. Geburtstag. Was einst im D2, einem Keller in Kaan-Marienborn, oder auf kleinen Studentenbühnen begann, hat längst auch Theatersäle erobert.

Der Anheizer

Den „Anheizer“ macht ein Sänger mit E-Gitarre, „Lampe“ aus Mannheim, mit coolen, witzigen, selbstironischen bis absurden Texten, mal im Stil deutscher Liedermacher, mal Punk Rock. Eine musikalische Auflockerung des Wettbewerbs der Worte, den Florian Wintels aus Hannover beginnt. Der gesteht, er habe ein schlechtes Abitur gemacht, um in Paderborn studieren zu können.

Sein Referat: „Was kostet Geld“ enthält erstaunliche Erkenntnisse bis hin zum Vergleich: „Eine Karte für Modern Talking kostete 100 Mark, ein gelber Sack nichts. Völlig unterschiedliche Preise für Müll.“ Sein zweiter Beitrag ist die „Suche nach den perfekten letzten Worten“: Sterben wird mit Sprachkunst, Gestik, Mimik und schrägster Komik plötzlich zu einem ganz leichten Thema.

Die Lyrikerin

Josefine Berkholz aus Bochum macht sich mit ihrer schwermütig-nachdenklichen Lyrik „Ein Grappa ist ein Grappa“ und „Morgenküsse“ ihr Slammer-Leben selbst schwer. Und wenn sie dann ihren Opa beschreibt, einen ehemaligen Arzt, der aber durch seinen Alters-Starrsinn etwas schwierig geworden ist, kann sie nicht wirklich damit rechnen, dass ihr die Sympathien des Publikums und damit deren Punkte zufliegen.

Der Vorleser

Sehr leicht macht es sich Johannes Floer aus Krefeld, der seine Texte als einziger Wettbewerber des Abends abliest. Im ersten Durchgang eine Geschichte von Paarungen und den daraus entstandenen Kindern: „Sie nannten ihn Bernd, obwohl sie ihn liebten.“

Eine Generation später bekam ein Kind den Namen „Psalm 17“. Die Eltern waren sehr fromm. Leider bringt sein zweiter Beitrag keine Steigerung sondern eher Langeweile. Er liest ein ziemlich belangloses Geschichtlein aus seinem ersten Buch mit dem Titel „Buch“.

Der Politische

Gut, dass noch Jean-Philipp Kindler aus Marburg seinen Hut in den Ring der Worte wirft. Seine „Liebe zur Sprache“ ist Wortkunst pur, virtuos, philosophisch, die Gehirne der Zuhörer vor einige Herausforderungen stellend. Und dann auch hochpolitisch: Sein Wortfeuerwerk über den Mindestlohn, „den Wert der Arbeit in diesem christlichen Land“, dargestellt am Beispiel der Tankstellen-Helferin Petra, ist knallhart und verzweifelt brutal. So wie das tägliche Leben von Geringverdienern.

Das Finale

Die Frage nach den beiden Teilnehmern für das Finale des Slams ist schnell beantwortet: Jean-Philipp Kindler und Florian Wintels. Dass deren letzte Beiträge (Kindler über politische Rhetorik, Wintels über seine behütete Kindheit) den Saal zum Toben bringen, versteht sich von selbst. Doch bei Florian Wintels toben die Zuschauer trotz vorgerückter Stunde deutlich länger und lauter. Er ist klarer Sieger.

Der Lohn für seine witzige Wortkunst und seine lange Anfahrt: Der übliche durch die Zuschauerreihen gereichte gut gefüllte Jutesack. Der enthält neben Geld und einigen Sachgeschenken ein absolutes Novum: Einen schwarzen Büstenhalter eines weiblichen Fans irgendwo aus den hinteren Reihen des Apollo Theaters. Da sind selbst die Moderatoren begeistert: „Der ist noch warm.“

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